Die po­lit­me­dia­le Kli­ma­hys­te­rie lässt vie­le Wäh­ler eher kalt

Für vie­le Men­schen in Eu­ro­pa sind Jo­bängs­te, stei­gen­de Prei­se und die il­le­ga­le Zu­wan­de­rung we­sent­lich be­droh­li­cher.

Die Presse - - DEBATTE -

Ur­su­la von der Ley­en, die neue deut­sche Prä­si­den­tin der EUKom­mis­si­on, hat Eu­ro­pa jüngst ei­nen „Man-on-the-Moon-Mo­ment“ver­hei­ßen, al­so ei­ne Art den gan­zen Kon­ti­nent ei­ni­gen­de he­roi­sche An­stren­gung nach dem Vor­bild der ame­ri­ka­ni­schen Apol­lo-Mis­si­on, die vor 50 Jah­ren den ers­ten Men­schen auf den Mond ge­bracht hat. Von der Ley­en, die sich da­mit pro­pa­gan­dis­tisch in die Nach­fol­ge ei­nes John F. Ken­ne­dy stellt, hat frei­lich nicht den Mond im Vi­sier, son­dern die Ret­tung des Welt­kli­mas, wes­halb sie nun nicht we­ni­ger als den ra­di­ka­len Um­bau der Volks­wirt­schaf­ten der Mit­glieds­län­der der EU un­ter­neh­men will. „Gre­en De­al“nennt sie die­ses Pro­jekt, von dem bis­her vor al­lem ei­nes klar ist: Es wird sehr, sehr teu­er sein. Von ei­ner Bil­li­on Eu­ro ist da die Re­de. Da­mit soll die EU bis 2050 „kli­ma­neu­tral“wer­den.

Dass das Pro­jekt an den „New De­al“des Prä­si­den­ten Fran­klin D. Roo­se­velt in den 1930er-Jah­ren er­in­nert, ist un­frei­wil­lig auf­schluss­reich.

Denn da­mals wur­de ver­sucht, die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und die De­pres­si­on mit ei­ner Mi­schung aus staat­lich ge­lenk­ter Wirt­schaft und ho­hen Schul­den zu be­kämp­fen. Mit nicht so gro­ßem Er­folg, wie heu­te oft kol­por­tiert wird. Roo­se­velts Fi­nanz­mi­nis­ter Hen­ry Mor­gent­hau ver­trau­te 1939 sei­nem Ta­ge­buch an: „Wir ha­ben mehr Geld aus­ge­ge­ben als je zu­vor, aber im­mer noch ge­nau­so vie­le Ar­beits­lo­se wie bei un­se­rem Start vor acht Jah­ren, und au­ßer­dem enor­me Schul­den.“

Die Ge­fahr, dass Frau von der Ley­ens „Gre­en De­al“ein ähn­lich un­er­quick­li­ches En­de nimmt, ist er­heb­lich. Denn auch in der EU scheint nun ei­ne Art bü­ro­kra­tisch-plan­wirt­schaft­li­cher Kom­plex im Ent­ste­hen be­grif­fen zu sein, der mit­hil­fe des vie­len Gel­des die Un­ter­neh­men Eu­ro­pas auf den Pfad der kli­ma­po­li­ti­schen Tu­gend zwin­gen soll. Nicht nur ren­ta­ble, aber emis­si­ons­in­ten­si­ve Koh­le­kraft­wer­ke sol­len ab­ge­schal­tet wer­den, son­dern auch Gas­kraft­wer­ke und al­le an­de­ren Ar­ten koh­le­stoff­ba­sier­ter Ener­gie­er­zeu­gung und des Ver­kehrs; die EZB wie­der­um soll nicht nur die Fi­nan­zie­rung der Un­ter­neh­men an­hand ih­rer bü­ro­kra­tisch ver­mes­se­nen Um­welt­freund­lich­keit oder -feind­lich­keit pö­na­li­sie­ren oder be­loh­nen; und wird am En­de wohl auch ein paar Hun­dert Mil­li­ar­den Eu­ro dru­cken müs­sen, um den gan­zen Zauber zu fi­nan­zie­ren. Das wi­der­sprä­che zwar klar ih­rem Man­dat, wird aber dann wohl als ge­nau­so „al­ter­na­ti­ven­los“be­zeich­net wer­den wie an­de­re Rechts­brü­che der Ver­gan­gen­heit auch.

Wenn man zum Mond flie­gen will, darf man eben nicht klein­lich den­ken. Des­we­gen ist auch noch das klei­ne De­tail völ­lig of­fen, wo ei­gent­lich der vie­le „kli­ma­neu­tra­le“Strom her­kom­men soll, wenn die letz­ten Gas- und Koh­le­kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet sind und Deutsch­land oder Ös­ter­reich auch wei­ter­hin ih­re ir­ra­tio­na­len Ängs­te vor Atom­kraft­wer­ken kul­ti­vie­ren. Nur Was­ser, Wind und Son­ne oh­ne sta­bi­le her­kömm­li­che Strom­er­zeu­ger, das dürf­te eher nicht so gut klap­pen.

Ir­gend­wie be­fremd­lich er­scheint auch, dass hier ei­ner der gra­vie­rends­ten Ein­grif­fe in das öko­no­mi­sche Ge­fü­ge Eu­ro­pas seit 1945 ver­sucht wird, oh­ne dass es ei­ne de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on da­für gä­be. Denn die Prä­si­den­tin der EU-Kom­mis­si­on ist be­kannt­lich von nie­man­dem ge­wählt wor­den, die Be­set­zung ist in den Hin­ter­zim­mern der Macht aus­ge­kno­belt wor­den. Kein Par­la­ment hat dem „Gre­en De­al“zu­ge­stimmt, und schon gar kein Volk. Das hat, glaubt man den jüngs­ten eu­ro­pa­wei­ten Um­fra­gen, an­de­re Prio­ri­tä­ten. Kli­ma­schutz ist da ei­nes von meh­re­ren Pro­ble­men, die Angst vor stei­gen­den Le­bens­hal­tungs­kos­ten oder um den Job so­wie die Mi­gra­ti­ons­pro­ble­me wer­den aber als noch be­droh­li­cher emp­fun­den.

We­nig über­rascht an­ge­sichts die­ser Fak­ten, dass sich flugs Wi­der­stand ge­gen den Ley­en-De­al or­ga­ni­siert, von den Koh­le-Öko­no­mi­en Ost­eu­ro­pas bis zur deut­schen In­dus­trie, die schon jetzt enor­me Ener­gie­prei­se zu stem­men hat. Nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass des­halb aus dem „Man-on-the-moon-Mo­ment“ei­ne Apol­lo-11-Mis­si­on wird: „Brus­sels, we ha­ve a pro­blem.“

VON CHRIS­TI­AN ORTNER

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.