Haf­tung für hei­ßen Kaf­fee

Ver­brau­cher­schutz. Der EuGH be­stä­tigt weit­rei­chen­de Pas­sa­gier­rech­te.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten OLI­VER GRIMM

Der EuGH ur­teil­te, dass Flug­li­ni­en für ver­schüt­te­ten Kaf­fee haf­ten.

Seit zwei Jah­ren gibt es die Flug­ge­sell­schaft Niki nicht mehr, doch ein Un­fall an Bord ei­nes ih­rer Flug­zeu­ge sorg­te am Don­ners­tag für ein Gerichtsur­teil mit po­ten­zi­ell weit­rei­chen­den Fol­gen. Der Ge­richts­hof der EU (EuGH) in Lu­xem­burg be­fand näm­lich, dass Flug­li­ni­en für sämt­li­che kör­per­li­che Ver­let­zun­gen ih­rer Pas­sa­gie­re zu haf­ten ha­ben, die bei de­ren Be­treu­ung an Bord durch Ge­gen­stän­de ver­ur­sacht wer­den. Ob die­se Un­fäl­le auf Ris­ken zu­rück­zu­füh­ren sind, die es nur in der Luft­fahrt gibt (Tur­bu­len­zen bei­spiels­wei­se), müs­sen die ge­schä­dig­ten Pas­sa­gie­re nicht nach­wei­sen. Die Flug­li­ni­en er­spa­ren sich die Haf­tung nur, wenn die Pas­sa­gie­re fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich zu ih­ren Bles­su­ren bei­ge­tra­gen ha­ben.

Der An­lass­fall be­gab sich im Jahr 2015. Da­mals reis­te ei­ne Fa­mi­lie an Bord ei­ner Niki-Ma­schi­ne von Mallor­ca nach Wi­en. Als der Va­ter die Flug­be­glei­te­rin nach Milch für sei­nen Kaf­fee bat, kipp­te die­ser von sei­nem Ab­stell­brett und füg­te sei­ner ne­ben ihm sit­zen­den, da­mals sechs­jäh­ri­gen Toch­ter Ver­brü­hun­gen zwei­ten Gra­des auf der

Brust zu (die­se kön­nen zu Nar­ben füh­ren). Ob dies we­gen der Vi­bra­tio­nen des Flug­zeu­ges ge­schah oder we­gen ei­nes De­fekts am Ab­stell­brett, war nicht fest­stell­bar. Die Fa­mi­lie klag­te Niki auf Scha­den­er­satz in der Hö­he von 8500 Eu­ro. Die Cau­sa ging ih­ren Weg vom Lan­des­ge­richt Korneuburg über das Ober­lan­des­ge­richt Wi­en zum Obers­ten Ge­richts­hof (OGH). Die­ser frag­te sich: Was ge­nau ist ein „Un­fall“im Sin­ne von Ar­ti­kel 17 Abs. 1 des Über­ein­kom­mens von Mon­tre­al, wel­ches in der EU seit dem 28. Ju­ni 2004 gilt und be­stimm­te Vor­schrif­ten über die Be­för­de­rung im in­ter­na­tio­na­len Luft­ver­kehr ver­ein­heit­licht? Denn „Un­fall“wird in die­sem Ab­kom­men zwar ver­wen­det, aber nicht ge­nau­er be­schrie­ben. Nach­dem die­se Fra­ge das Uni­ons­recht be­traf, leg­te der OGH sie dem Ge­richts­hof der EU vor.

Was ge­nau ist ein „Un­fall“?

Die­ser wog ab. Was wä­re, wenn so ein Un­fall auf ein Ri­si­ko zu­rück­zu­füh­ren ist, das es nur in der Luft­fahrt gibt? Das wür­de die Haf­tung der Flug­ge­sell­schaf­ten we­sent­lich ein­schrän­ken. Und es wür­de dem Zweck der Un­ter­zeich­ner­staa­ten wi­der­spre­chen. Denn die­se hät­ten den Schutz der Ver­brau­cher­inter­es­sen und ei­nen an­ge­mes­se­nen Scha­den­er­satz „nach dem Grund­satz des vol­len Aus­gleichs“im Sinn ge­führt. So steht es in der Prä­am­bel des Ab­kom­mens. Fa­zit des EuGH: Ei­ne en­ge Aus­le­gung des Be­griffs „Un­fall“las­se sich nicht aus dem ge­gen­ständ­li­chen Recht ab­lei­ten. Zu­mal, wie er wei­ters aus­führ­te, die „ge­wöhn­li­che Be­deu­tung“von Un­fall je­ne ei­nes „un­vor­her­ge­se­he­nen, un­be­ab­sich­tig­ten, schä­di­gen­den Er­eig­nis­ses“sei. Dar­über hin­aus sei es nicht so, dass die Flug­li­ni­en ei­nem über­bor­den­den Haf­tungs­ri­si­ko aus­ge­setzt sei­en. Wei­sen sie nach, dass ein Pas­sa­gier auf­grund ei­ner un­recht­mä­ßi­gen Hand­lung oder Un­ter­las­sung zu Scha­den ge­kom­men ist, haf­ten sie nicht. Die Schwel­le für die­sen Nach­weis ist nied­rig: Fahr­läs­sig­keit, Un­ter­las­sen oder Bei­tra­gen des Pas­sa­giers ge­nügt.

Die Sa­che geht nun an den OGH zu­rück. Er hat im Sinn des EuGH-Ur­teils für die Be­schwer­de­füh­rer zu ent­schei­den. Of­fen ist, in wel­cher Hö­he das da­mals ver­letz­te Mäd­chen ent­schä­digt wird. Die Niki wur­de von Lau­da­mo­ti­on über­nom­men, Be­klag­te des Ver­fah­rens vor dem OGH war die Mas­se­ver­wal­te­rin der Niki.

[ Get­ty ]

Flug­li­ni­en müs­sen ei­nen mög­lichst ru­hi­gen Flug ga­ran­tie­ren und haf­ten für Un­fäl­le, au­ßer die Pas­sa­gie­re agie­ren fahr­läs­sig.

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