Aus für AKW in drei Se­kun­den

Schweiz. Die Eid­ge­nos­sen nah­men das Atom­kraft­werk Müh­le­berg vom Netz – ein ers­ter Schritt zum Aus­stieg aus der Kern­ener­gie. Aber noch lang wird Atom­strom aus den Steck­do­sen kom­men.

Die Presse - - WELTJOURNA­L -

Die Ab­schal­tung dau­er­te drei Se­kun­den: Am Frei­tag um 12.30 Uhr drück­te im Kon­troll­raum des Schwei­zer Atom­kraft­werks Müh­le­berg ein Mit­ar­bei­ter zwei ro­te Knöp­fe auf ei­nem Schalt­pult. Der letz­te Steu­er­stab fuhr zwi­schen die Brenn­ele­men­te ein, da­mit war die Ket­ten­re­ak­ti­on un­ter­bun­den. Der Re­ak­tor war ab­ge­schal­tet – was zu­gleich den ers­ten Schritt der Schweiz zum Aus­stieg aus der Atom­ener­gie be­deu­te­te.

Seit dem 6. No­vem­ber 1972 hat­te das AKW Müh­le­berg Strom ge­lie­fert und das na­he ge­le­ge­ne Bern mit Elek­tri­zi­tät ver­sorgt. 2013, zwei Jah­re nach der tsu­na­mi­be­ding­ten Atom­ka­ta­stro­phe im ja­pa­ni­schen Fu­kus­hi­ma, ent­schied sich die staat­li­che Be­trei­ber­fir­ma BKW, Müh­le­berg vom Netz zu neh­men, weil sich die ge­for­der­ten Nach­rüs­tun­gen nicht loh­nen wür­den.

Im Som­mer war der Kern des AKW für den letz­ten, 15-mo­na­ti­gen Be­triebs­zy­klus mit Brenn­ele­men­ten be­la­den wor­den. Da­bei war die Brenn­stoff­men­ge so be­rech­net wor­den, dass sich die Leis­tung des Kraft­werks ab Mit­te No­vem­ber lang­sam re­du­zier­te.

Im Mai 2017 spra­chen sich die Eid­ge­nos­sen in ei­ner Volks­ab­stim­mung mit gro­ßer Mehr­heit (58,2 Pro­zent) für den Aus­stieg aus der Atom­kraft und ei­ne stär­ke­re För­de­rung er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en aus. Seit dem Vor­jahr ist der Bau neu­er Kern­kraft­wer­ke in der Schweiz ver­bo­ten. Die AKW, die noch am Netz sind (Bez­nau und Le­in­stadt im Kan­ton Ar­gau so­wie Gös­gen im Kan­ton So­lo­thurn), sol­len wei­ter in Be­trieb blei­ben, so­lan­ge sie von der Atom­auf­sichts­be­hör­de als si­cher ein­ge­stuft wer­den.

In 47 Jah­ren hat das AKW Müh­le­berg un­ter­halb des Woh­len­sees 130 Mil­li­ar­den Ki­lo­watt Strom er­zeugt. Das Kraft­werk trug fünf Pro­zent zur ge­sam­ten Strom­pro­duk­ti­on der Schweiz bei. An­fang 2020 be­ginnt der Ab­bau der An­la­ge, der mehr als zehn Jah­re dau­ern dürf­te. Erst 2030 wird das Are­al frei von ra­dio­ak­ti­vem Ma­te­ri­al sein, 2034 könn­te an die­ser Stel­le wie­der ei­ne grü­ne Wie­se be­reit für die Nut­zung sein. Su­z­an­na Tho­ma,

Che­fin der Be­trei­ber­fir­ma BKW, nann­te die Still­le­gung ei­ne „Pio­nier­leis­tung“. Sie hofft, dass das Know-how, das die BKW aus die­sem Pro­zess ge­win­nen wird, sich noch ver­sil­bern las­sen wird.

Die Schwei­zer Grü­nen drän­gen be­reits auf die Ab­schal­tung des nächs­ten Atom­kraft­werks und for­dern die Still­le­gung von Bez­nau. Sie kri­ti­sie­ren, dass die Nut­zung von Kern­ener­gie die Schweiz da­von ab­ge­hal­ten ha­be, sich auf er­neu­er­ba­re Ener­gie zu kon­zen­trie­ren. Die Re­gie­rung müs­se ver­stärkt auf Ener­gie­quel­len wie Son­ne, Wind und Was­ser­kraft set­zen. Wie lang in der Schweiz aber noch Atom­strom aus der Steck­do­se kom­men wird, ist der­zeit nicht klar. In ei­ner Stu­die der Schwei­zer Ener­gie-Stif­tung heißt es, dass bei den jet­zi­gen Kern­kraft­wer­ken die be­triebs­wirt­schaft­li­chen An­rei­ze so groß sei­en, dass es sich ren­tie­re, die Still­le­gung wei­ter hin­aus­zu­zö­gern.

Das be­nach­bar­te Deutsch­land hat eben­falls nach dem Fu­kus­hi­ma-Un­glück ent­schie­den, bis 2022 auf Atom­kraft zu ver­zich­ten. Er­geb­nis der 2011 ab­rupt ein­ge­lei­te­ten Ener­gie­wen­de ist aber auch, dass die Deut­schen eu­ro­pa­weit heu­te am meis­ten für den Strom be­zah­len. (red., sda, Reu­ters)

[ APA ]

130 Mil­li­ar­den Ki­lo­watt­stun­den Strom in 47 Jah­ren: das am Frei­tag ab­ge­schal­te­te Schwei­zer AKW Müh­le­berg.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.