Kohl ern­ten in Klein­po­len

Ex­pe­di­ti­on Eu­ro­pa: In Bos­ton, Ost­eng­land, stimm­ten 75,6 Pro­zent für den Br­ex­it.

Die Presse - - SPECTRUM - Von Martin Lei­den­frost

Am Abend der Wahl, die das drei­ein­halb­jäh­ri­ge Ge­wür­ge um den Br­ex­it ent­schied, fuhr ich ins ost­eng­li­sche Bos­ton. Kein Wahl­kreis hat­te 2016 so mas­siv für den Br­ex­it ge­stimmt – 75,6 Pro­zent. Auch wenn es mir im feucht­küh­len Wind­re­gen un­vor­stell­bar er­schien, be­fand ich mich im Ge­mü­se­gar­ten En­g­lands, mit an­geb­lich drei Koh­lern­ten im Jahr. Die Ge­mü­se-Bran­che bie­tet un­qua­li­fi­zier­te Ar­beit zum Min­dest­lohn, sie wird von Po­len und Bal­ten ge­macht. Den Ost­eu­ro­pä­ern wird vor­ge­wor­fen, dass sich we­gen ih­nen der Al­ko­hol­kon­sum ver­vier­facht hät­te und dass sie auf die Stra­ße pin­keln wür­den.

Ich traf zwei nach Bos­ton zu­ge­wan­der­te Br­ex­i­teers. Im hei­me­li­gen pol­ni­schen Re­stau­rant „Swo­js­kie Jad­lo“, „Haus­ge­mach­tes Es­sen“, er­war­te­te mich die Tschen­sto­chaue­rin An­na Szwed­zins­ka, 34, ge­schie­den, seit 2010 in Bos­ton. Sie hat­te bei der Ge­mein­de­rats­wahl im Früh­jahr für die To­ries kan­di­diert, kam aber knapp nicht rein. Heu­te selbst­stän­di­ge Ver­si­che­rungs­agen­tin, be­gann sie „wie al­le auf dem Feld, mit Nar­zis­sen“, und war dann fünf Jah­re Su­per­vi­sor in der Pa­ra­dei­ser­ver­pa­ckung. Szwed­zins­ka schil­der­te amü­siert den Kon­flikt: ei­ner­seits die „Li­tau­er, die schon ein paar Bier in­tus hat­ten, als ich um 7 in der Früh Gas­si ging“, an­de­rer­seits die eng­li­schen Tran­k­ler, die „auf pol­ni­sches De­bo­weBier um­ge­stie­gen sind, nicht weils bil­li­ger, son­dern weils stär­ker ist“.

Schlech­te Bil­dung der Gas­t­ar­bei­ter

Selbst ha­be sie nie Dis­kri­mi­nie­rung er­fah­ren. Das Pro­blem sei die schlech­te Bil­dung der Gas­t­ar­bei­ter, „wir ha­ben Ru­mä­nen, die nicht schrei­ben kön­nen“. Ich frag­te: „Wie konn­ten Sie für die To­ries kan­di­die­ren? Sind Sie für den Br­ex­it?“– „Ja.“– „Ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen?“- „Ich ha­be mei­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung, ich kann ewig hier blei­ben.“– „Hof­fen Sie, dass ei­ni­ge Po­len raus­ge­schmis­sen wer­den?“– „Nein, sie wer­den schritt­wei­se von selbst ge­hen.“

Im „Whi­te Hart“, im teu­ers­ten Ho­tel der Stadt, er­war­te­te mich der Stadt­rats­ab­ge­ord­ne­te Jo­na­than No­ble, 65, seit 1979 in Bos­ton, in ei­nem Zwei-Stra­ßen­Wei­ler, zu­hau­se. Sohn ei­nes Iren mit ver­mut­lich hu­ge­not­ti­schen Wur­zeln, war das ha­ge­re Männ­lein aus Leeds zu­ge­wan­dert, und da Bos­ton kei­nen spe­zi­fi­schen Ak­zent ha­be, sei sei­ne In­te­gra­ti­on kein Pro­blem ge­we­sen. Er war ein pen­sio­nier­ter Ge­schich­tel­eh­rer und un­ter­rich­te­te noch Gi­tar­re. „Bri­tan­ni­en hat ei­ne gro­ße Ge­schich­te, die letz­te In­va­si­on war 1066. Schau­en Sie sich Po­len an, wie oft wur­de das über­rannt!“

2017 von der UKIP zu den To­ries ge­wech­selt, fie­ber­te er der Wahl­aus­zäh­lung ent­ge­gen. Er sag­te, Bos­ton ha­be 20 Pro­zent Aus­län­der, in den Schu­len 35 Pro­zent, „und ein Grund für Res­sen­ti­ments ist, dass die äl­te­ren Ein­wan­de­rer nicht gut Eng­lisch ler­nen“. Die ge­ring­fü­gi­ge Zu­wan­de­rung in den Acht­zi­gern ha­be „nur ein­mal Ran­da­le“aus­ge­löst, nun aber ei­ni­ge Mor­de, „al­le in der Ein­wan­de­rer­Com­mu­ni­ty“. Dann das Pro­blem mit dem Trin­ken auf der Stra­ße: „Sie trin­ken am Mor­gen, be­vor der Van sie in die Ar­beit führt.“Da­ge­gen er­ließ der Ge­mein­de­rat die „Pu­blic Space Pro­tec­tion Or­der“, seit­her darf die Po­li­zei weg­wei­sen.

Be­reits ab acht leer­te sich das Ca­fe´ im „Whi­te Hart“, und das „Haus­ge­mach­te Es­sen“hat­te schon zu. Ich bat No­ble, mir noch das na­he „Klein Po­len“zu zei­gen, die West Street. Er führ­te mich hin und rann­te ge­ra­de­zu ha­ken­schla­gend weg. Rei­hen­wei­se Ost­lä­den, Sport­wet­ten, kein Pub. Laut Szwed­zins­ka „glau­ben vie­le En­g­län­der, dass wir Rus­sen sind“, plötz­lich hör­te ich tat­säch­lich Rus­sisch. Un­ter dem laut No­ble „höchs­ten Kirch­turm En­g­lands“wal­te­ten zwei Te­enagerGang­s ei­ne sprach Eng­lisch ei­ne Rus

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