„La­chen ist ein Le­bens­mit­tel“

Poin­tiert, char­mant, selbst­be­wusst: Li­da Wi­nie­wicz über ih­re be­ruf­li­che Ach­ter­bahn­fahrt.

Die Presse - - SPECTRUM - Von An­to­nia Bar­bo­ric

Zig Jah­re auf dem pro­fes­sio­nel­len Glatt­eis zo­gen ei­ni­ge Stür­ze und blaue Fle­cken nach sich; aber hin und wie­der er­tön­te auch Mu­sik zum Wal­zer­tan­zen: Der­art fasst Li­da Wi­nie­wicz die sieb­zig Jah­re ih­res Schaf­fens als Schrift­stel­le­rin, Dreh­buch­au­to­rin und Über­set­ze­rin zu­sam­men; Epi­so­den aus die­ser Zeit­span­ne legt sie nun in ih­rer Bio­gra­fie un­ter dem Ti­tel „Ach­ter­bahn – Vom Schrei­ben le­ben“vor. Der Le­ser er­fährt von all­täg­li­chen, son­der­ba­ren, wit­zi­gen Epi­so­den aus Wi­nie­wicz’ Le­ben, von Zu­sam­men­tref­fen mit ver­schie­dens­ten Men­schen, von den Mü­hen, sich und ih­re zwei Kin­der durch das Nach­kriegs­wi­en zu brin­gen – mit selbst­stän­di­ger Ar­beit, ho­her Steu­er­be­las­tung und oh­ne fi­xe Ver­trä­ge.

Ge­bo­ren 1928 in Wi­en, im Drit­ten Reich auf­grund der Groß­mut­ter als „jü­disch ver­sippt“und „Misch­ling zwei­ten Gra­des“ein­ge­stuft, die Mut­ter früh ver­stor­ben, Va­ter und Stief­mut­ter in Au­schwitz er­mor­det, steht Li­da mit 15 Jah­ren auf ei­ge­nen Bei­nen und kämpft sich al­lein durch. Mit Witz („La­chen ist ein Le­bens­mit­tel“), Ta­ten­drang und ei­ner gro­ßen Por­ti­on Chuz­pe aus­ge­stat­tet, ar­bei­tet sie, als Über­set­ze­rin für li­te­ra­ri­sche Wer­ke aus dem Eng­li­schen, Fran­zö­si­schen und Ita­lie­ni­schen, um sich ihr Ge­s­angs­stu­di­um an der Hoch­schu­le für Mu­sik und dar­stel­len­de Kunst leis­ten zu kön­nen. Da­für ent­wi­ckelt sie ein ganz spe­zi­el­les Sys­tem, das sie nicht nur viel flin­ker, son­dern auch viel ak­ku­ra­ter über­set­zen lässt.

Schreib­mo­ti­va­ti­on: das Preis­geld

Zum Schrei­ben ge­langt sie über ei­nen Wett­be­werb, des­sen Preis­geld das „Thea­ter der Cou­ra­ge“mit 5000 Schil­ling an­setzt, und an dem sie al­lein auf­grund die­ser Ge­winn­aus­sicht teil­nimmt: Ge­sucht wird ein „Drama über ein Min­der­hei­ten­pro­blem“– sie ge­winnt mit ei­nem Stück über die US-ame­ri­ka­ni­sche Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung. Fort­an schreibt sie Auf­trags­stü­cke oder aber in Ei­gen­in­itia­ti­ve; man­che ih­rer Ar­bei­ten wer­den an­ge­nom­men, auf Thea­ter­büh­nen oder im Fern­se­hen auf­ge­führt, an­de­re nicht.

So trifft sie zahl­rei­che be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten – man­che hat sie in gu­ter, an­de­re in we­ni­ger gu­ter Er­in­ne­rung –, und Ri­si­ken scheut sie nicht. Beim Vor­stel­lungs­ge­spräch für ei­nen ver­meint­lich in­ter­es­san­ten Voll­zeit­job, der end­lich ih­re Le­bens­grund­la­ge ab­si­chern könn­te, er­greift sie die Flucht; da­für nimmt sie ei­nen Lehr­auf­trag an, im Rah­men des­sen sie übers Dreh­buch­schrei­ben re­fe­rie­ren soll – wenn­gleich sie das Schrei­ben für nicht lehr­bar hält: „Zu schrift­stel­le­ri­schem Kön­nen gibt’s kei­nen Ab­schnei­der. Das er­wirbt man nur schrei­bend, schrei­bend, schrei­bend, wich­tigs­ter Ar­beits­be­helf: der Pa­pier­korb.“

Ein achro­no­lo­gi­scher Rück­blick auf sieb­zig Jah­re Le­bens- und Schaf­fens­ge­schich­te mit zahl­rei­chen Aus­zeich­nun­gen, auf ein sehr be­weg­tes, er­eig­nis­rei­ches Le­ben mit jeg­li­chen Hö­hen und Tie­fen. Mit viel Hu­mor und poin­tier­ter Spra­che lässt uns Li­da Wi­nie­wicz an die­sen Jahr­zehn­ten vol­ler Le­ben teil­ha­ben – ih­re un­ab­läs­si­ge Kraft ist bei der Lek­tü­re durch­wegs spür­bar. Sie spricht die Din­ge an und aus, wie sie sind – wie sie sie sieht, selbst­kri­tisch, selbst­iro­nisch: Was sie nicht al­les hät­te an­ders und bes­ser ma­chen kön­nen! Wie un­si­cher sie manch­mal in Be­zug auf ih­re Ar­beit war!

Den­noch ge­stal­te­te sie ihr Le­ben selbst, traf Ent­schei­dun­gen, trug die Kon­se­quen­zen. Le­ben in Rein­kul­tur mit viel Men­sch­lich­keit: ein klei­nes gro­ßes Buch, ei­ne be­mer­kens­wer­te, mu­ti­ge Frau – mit der man sich am liebs­ten auf ei­nen Kaf­fee zu­sam­men­set­zen wür­de.

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