Nach dem Pul­ver gibt es Mur­mel­tier

Die Presse - - REISEN -

Die Stra­ße ist kei­ne Stra­ße, son­dern nur noch ein Weg. Steil und eng führt der Schnee­pfad berg­an. Die Schein­wer­fer tas­ten das Dun­kel ab, die Rei­fen rut­schen durch. Links kei­ne Aus­weich­mög­lich­keit – ein Fels­hang. Rechts ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Aus­weich­mög­lich­keit – steil berg­ab pur­zeln in ei­nen Wald. Ist dies tat­säch­lich die Au­to­rou­te zum Ho­tel?

Zwei­hun­dert brenz­li­ge Me­ter wei­ter die un­um­stöß­li­che Ge­wiss­heit: Nein, hier geht es nicht zur Un­ter­kunft. Denn nun steht der Re­por­ter mit­ten auf ei­ner Ski­pis­te. Es wird doch kei­ne Pis­ten­rau­pe kom­men und ihn in den Ab­grund schie­ben, weil er bei der Ab­fahrtsprä­pa­rie­rung et­was läs­tig im Weg steht? Plötz­lich schießt ein Schlit­ten­fah­rer her­an – mit Stirn­lam­pe. Und er­klärt dem Frem­den, dass die Stre­cke, die je­ner eben mit sei­nem Hy­un­dai-„Schlit­ten“be­wäl­tigt ha­be – die Ro­del­stre­cke ge­we­sen sei. In Mil­li­me­ter­ar­beit wen­det der schus­se­li­ge Re­por­ter mit­ten auf der Ski­pis­te sein All­rad­ge­fährt und lenkt es via Ro­del­weg wie­der ins Tal. Wo er dann doch noch ins Ho­tel fin­det. Ein schö­ner Be­ginn.

Doch am nächs­ten Mor­gen wird al­les gut. Denn ers­tens hat es die ge­sam­te Nacht hin­durch ge­schneit, ge­schneit, ge­schneit. Zwei­tens sind die Wol­ken­de­cken nun ver­schwun­den und ist die Ost­schweiz von ei­nem blau­en Him­mel über­zo­gen, der wie zum Ski­hel­den­zeu­gen ge­schaf­fen scheint. Und drit­tens tref­fen wir Han­si – un­se­ren Gui­de. Im Som­mer wer­kelt er als Win­zer, im Win­ter ist er seit Jahr­zehn­ten Ski­leh­rer hier. Er wird uns nun durch das Grau­bünd­ner Ski­ge­biet Aro­sa Len­zer­hei­de ge­lei­ten, das so­ge­nann­te Hap­py-End-Traum­paar.

Die De­sti­na­ti­on wird des­halb gern so ge­nannt, weil die bei­den sich nach lan­gen Irr­we­gen doch noch ge­fun­den ha­ben. Denn: Es wa­ren einst zwei hüb­sche Ski­ge­bie­te (Aro­sa et­wa 70 Pis­ten­ki­lo­me­ter, Len­zer­hei­de rund dop­pelt so vie­le) – ehe nach 40 Jah­ren Gr­ü­be­lei und Ei­fer­süch­te­lei­en im Win­ter 2013/14 ein Zu­sam­men­schluss der bei­den er­folg­te. Re­sul­tat: nun­mehr ge­mein­sam 225 Pis­ten­ki­lo­me­ter und nicht mehr zwei net­te Ski­ge­bie­te, son­dern ein ge­wal­ti­ges.

Wir bil­den ei­ne et­was un­aus­ge­gli­che­ne Cli­que: Ale­xa und die sie­ben Zwer­ge. Sie­ben Män­ner und ei­ne Frau. Ale­xa stammt aus der West­schweiz, fährt al­len Ker­len der Grup­pe (au­ßer Gui­de Han­si na­tür­lich) auf und da­von – und bil­det des­halb das für­sorg­li­che Schluss­licht, das sich um al­le et­was lang­sa­me­ren Bur­schen küm­mert. Schnee­witt­chen si­chert so­mit sorg­fäl­tig ab, dass ihr kei­ner der Gno­me ver­lo­ren geht.

Und das Ski­fah­ren selbst? Traum­schnee! Am frü­hen Mor­gen völ­lig lee­re Pisten! Erst­klas­si­ge Hän­ge! Und herz­er­wei­chend schö­ne Ab­fahr­ten – et­wa die Fün­fer vom Hörn­li rund vier Ki­lo­me­ter hin­un­ter nach Aro­sa – mit ei­nem First-Class-Pan­ora­ma. Fast eben­so be­tö­rend, was die Nei­gung der Hän­ge so­wie die Aus­sicht be­trifft, und so­gar noch fast ei­nen Ki­lo­me­ter län­ger: die Zeh­ner vom Weiss­horn nach Aro­sa hin­un­ter. Ei­ner­seits wür­den wir sie – des heu­ti­gen Pul­ver­un­ter­grunds we­gen – am liebs­ten in ei­nem Stück durch­rau­schen. Aber Han­si hat ja so­oooo recht, dass er im­mer wie­der ei­nen Stopp ein­legt und uns die um­lie­gen­de Traum­ku­lis­se na­he­bringt.

Hö­he­punkt auf der an­de­ren Sei­te der Ski­schau­kel, im Len­zer­hei­de-Be­reich: vom Ro­t­horn auf 2865 Me­tern Hö­he zu­erst zur Welt­cup­stre­cke Sil­va­no Belt­ra­met­ti und von dort wei­ter bis nach Par­pan hin­ab – fast durch­ge­hend „rot“. Bis auf die rund 5,5 Ki­lo­me­ter Welt­cup­stre­cke na­tür­lich. Da braucht es kei­nen Han­si, da blei­ben wir frei­wil­lig ste­hen – der­art heiß wer­den die Ober­schen­kel bei bis zu 65 Pro­zent Ge­fäl­le.

Und so lenkt uns un­ser Ski­gui­de in ei­ner Tour zwi­schen Aro­sa und Len­zer­hei­de hin und her. Et­was läs­tig da­bei ist, dass zwi­schen­drin stets elen­dig lang schei­nen­de Zieh­we­ge über­wun­den wer­den müs­sen. Bei et­li­chen da­von reicht der ge­nom­me­ne An­lauf von oben nicht aus, und die Schuss­fahrt un­ten en­det ir­gend­wo an ei­nem Ge­gen­hang, den es dann wie ein nor­di­scher Ska­ter berg­auf zu be­wäl­ti­gen gilt. Schwit­zen ist da – zu­mal bei Son­ne – pro­gram­miert. Aro­sa be­sit­ze, so Han­si, oh­ne rot zu wer­den, „360 Son­nen­ta­ge. Und das nur im Win­ter – im Som­mer sind es noch viel mehr!“.

„In Aro­sa“, ver­rät er, „stei­gen vie­le rei­che Leu­te ab – die aber ih­re Ru­he ha­ben wol­len.“Es al­so nicht wün­schen, wie bei­spiels­wei­se in St. Mo­ritz et­was im Ram­pen­licht des Jet­sets zu ste­hen. Prinz Har­ry we­del­te in Aro­sa be­reits, auch Wil­li­am und Ka­te carv­ten durch den Schnee. Eros Ra­maz­z­ot­ti und Mi­chel­le Hun­zi­ker lie­ßen es stau­ben – so­wie vie­le, de­nen es et­was an Atem­not ge­bricht. Denn Aro­sas Luft gilt als güns­tig bei Lun­gen­be­schwer­den.

Nach drei St­un­den Traum­schnee – bei dem Pis­tenski­fah­ren sich wie Off-pis­te-Ver­gnü­gen an­fühlt – keh­ren wir ein, und zwar auf der 2513 Me­ter hoch ge­le­ge­nen Hörn­li-Hüt­te, die mit dem Slo­gan „ge­müt­lich und währ­schaft“wirbt. 1923 wur­de die­se Hüt­te des Ski­clubs Aro­sa er­rich­tet und 1937, 1962, 2004, 2014 und 2015 um­ge­baut. Doch ei­nes dürf­te auch vor der ers­ten Re­no­vie­rung be­reits auf der Kar­te ge­stan­den sein und her­vor­ra­gend ge­schmeckt ha­ben: Äl­pler-Rös­ti mit Kä­se, Spie­ge­lei und Speck. „Wir ko­chen Ge­rich­te“, ver­kün­det die Spei­se­kar­te, „die in die Ber­ge pas­sen. Dar­um gibt es kei­nen Fisch und kei­ne Cre­vet­ten.“

Als Des­sert wür­de sich nun zur Er­ho­lung ein Nie­der­le­gen im Mas­sen­la­ger mit Woll­de­cke und Kis­sen (et­wa 95 Eu­ro pro Per­son) an­bie­ten – zu­min­dest für die sie­ben Zwer­ge. Schnee­witt­chen wür­de na­tür­lich die ex­klu­si­ve ZweiPer­so­nen-Ar­ven­stu­be-Sui­te (rund 255 Eu­ro) mit Bad für sich al­lein be­kom­men.

Doch Han­si lockt uns wie­der in das wei­ße Pa­ra­dies hin­aus. Frei­lich nur noch zwei St­un­den lang. Dann wid­men wir uns drei Hän­ge ober­halb von Aro­sa dem Apr`esSki – in der Car­men­nahüt­te mit ei­ner Bar na­mens Mung­ga­loch (Mur­mel­tier­bau), de­ren Per­so­nal die De­vi­se „Der Klü­ge­re kippt nach“auf ei­ne Ta­fel ge­schrie­ben und an die Wand ge­hängt hat. Das Wich­tigs­te dort: ei­nen Mung­gap­fupf trin­ken. Der Be­stand­teil des Mung­gap­fupf ist sei­nem Er­fin­der und Hüt­ten­be­trei­ber Tschämp zu­fol­ge kei­ner­lei Ge­heim­nis: „Mung­ga­fett, Mung­ga­öl so­wie ge­streck­tes Eich­hörn­chen.“

Und Han­si ist sich si­cher: Wenn der Re­por­ter die­sen Drink be­reits am An­rei­se­tag in­tus ge­habt hät­te, wä­re er ga­ran­tiert nicht mit dem Au­to auf die Pis­te ge­ra­ten.

[ Ni­na Matt­li, Urs Hom­ber­ger]

Hoch­al­pi­ne Ku­lis­se und an­spruchs­vol­les Ski­ge­län­de: Aro­sa und Len­zer­hei­de sind ver­bun­den. Rechts: Das Tschug­gen, ein Bau von Ma­rio Bot­ta.

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