Wo die Er­re­gungs­kul­tur irrt

Die Dis­kus­si­on um Hand­kes Preis­wür­dig­keit war nicht die letz­te die­ser Art, wie das neue Bei­spiel Paul Gau­gu­in zeigt.

Die Presse - - DEBATTE -

Ih­rer Toch­ter wür­de sie die Bil­der des fran­zö­si­schen Ma­lers nicht zei­gen, schrieb ei­ne er­bos­te Mut­ter in das Be­su­cher­buch der Na­tio­nal Gal­le­ry of Lon­don, weil Paul Gau­gu­in (1848–1903) mit sei­nen ex­pli­zi­ten Darstel­lun­gen von Mäd­chen und jun­gen Frau­en aus Ta­hi­ti nicht nur sei­nen fun­da­men­ta­len Se­xis­mus, son­dern auch sei­ne pä­do­phi­len Nei­gun­gen scham­los aus­ge­drückt hät­te, und er nicht zu­letzt da­durch ei­nem ver­al­te­ten wie ent­wür­di­gen­dem Frau­en­bild an­hing, das ihn so­wohl als Mann als auch als Künst­ler ent­lar­ven und dis­qua­li­fi­zie­ren wür­de.

An­lass die­ser Ver­ur­tei­lung ist die noch bis En­de Ja­nu­ar 2020 lau­fen­de Aus­stel­lung von Gau­gu­ins Por­träts, die so­wohl nack­te wie blut­jun­ge Süd­see­mäd­chen, aber auch die da­mals erst 13-jäh­ri­ge Ehe­frau Te­ha’ama­na, vor das Au­ge des Be­trach­ters bringt und da­bei meh­re­re (nicht voll­stän­di­ge) Fra­gen auf­wirft:

1. Darf ein Künst­ler als Ur­he­ber ge­ne­rell in­kri­mi­niert wer­den, wenn Tei­le sei­ner Ar­beit, die einst kei­nen sitt­li­chen, mora­li­schen oder recht­li­chen Ver­stoß dar­ge­stellt ha­ben, heu­te Wi­der­stand er­re­gen?

2. Wie kon­se­quent und un­par­tei­isch ist die heu­ti­ge Ge­sell­schaft bei der An­wen­dung ih­rer Maß­stä­be?

3. Wie bour­geois, ver­fla­chend und eng­füh­rend ist der so­ge­nann­te po­li­tisch kor­rek­te Zeit­geist tat­säch­lich?

Selbst­ver­ständ­lich soll an die­ser Stel­le mit kei­nem Wort der Miss­brauch von Min­der­jäh­ri­gen ver­tei­digt oder in sei­ner Ab­scheu­lich­keit ver­harm­lost wer­den. Es geht um et­was an­de­res: den zu­neh­mend häu­fi­ge­ren Ver­such, Men­schen oder Kunst­wer­ke der Ver­gan­gen­heit aus ih­rer Zeit her­aus­zu­lö­sen und un­ter Ge­setz und Ur­teil der Ge­gen­wart zu stel­len, so als hät­ten da­mals wie heu­te ein- und die­sel­ben Rah­men­be­din­gun­gen ge­herrscht, was Recht, Sit­te oder ge­sell­schaft­li­che Nor­men be­trifft. Die ge­gen­wär­ti­ge Ge­sell­schaft mit ih­rer na­iv-in­fan­ti­len Er­re­gungs­kul­tur, die nichts und nie­man­den gel­ten lässt, der nicht nach ih­ren Re­geln ge­dacht, ge­han­delt oder ge­wirkt hat, ver­kennt da­bei, dass sie nur das Er­geb­nis ei­nes Rei­fungs­pro­zes­ses ist, der lang vor ihr be­gon­nen und vie­le Stu­fen der Er­kennt­nis er­klom­men hat, und zwei­tens, dass sie selbst nicht den Ab­schluss die­ser lau­fen­den Ent­wick­lung hin zum Bes­ten dar­stellt, wie uns un­zäh­li­ge Bei­spie­le aus den ver­schie­de­nen Be­rei­chen des Le­bens of­fen­ba­ren.

Viel schlim­mer als die­ser schlam­pi­ge Um­gang mit der His­to­rie ist je­doch die se­lek­ti­ve Her­an­ge­hens­wei­se bei der Aus­wahl der De­lin­quen­ten: so wer­den die un­lieb­sa­men Geis­ter (Wa­gner, Wein­he­ber usw.) ge­teert und ge­fe­dert und vom So­ckel ge­sto­ßen, wäh­rend man bei den Lieb­lin­gen der Zeit (Klimt, Schie­le, Loos, Al­ten­berg, Do­de­rer u. v. a. m.) gern das sprich­wört­li­che Au­ge zu­drückt und dumm­dreist zi­tiert: „Der Zeit ih­re Kunst, der Kunst ih­re Frei­heit“, oh­ne auch nur im An­satz zu er­wäh­nen, dass die­se ein­träg­li­chen Pu­bli­kums­lieb­lin­ge eben­falls ih­re Schat­ten­sei­ten und Lei­chen im Kel­ler ha­ben und nach heu­ti­gem Da­für­hal­ten ei­gent­lich ge­brand­markt wer­den soll­ten.

Wä­re es nicht im Sinn ei­ner Be­wusst­ma­chung für ge­schicht­li­che (Lern-)Pro­zes­se und des Mensch­seins über­haupt, wenn wir Ge­ne­ra­tio­nen und Per­so­nen vor uns nicht ab­ur­tei­len wür­den, als hät­ten sie un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen ge­lebt wie wir, son­dern, wenn wir die Ent­wick­lung vom ver­meint­lich Schlech­te­rem zum Bes­se­ren hin zum vor­läu­fig Bes­ten als das dar­stel­len, was sie ist: auf­ein­an­der­fol­gen­de Schrit­te, von de­nen der je­weils letz­te im­mer den je­weils vor­he­ri­gen braucht?

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