Russ­land ge­hen die Rus­sen aus

De­mo­gra­fie. Russ­lands Be­völ­ke­rung schrumpft plötz­lich im Eil­tem­po. Das liegt vor al­lem am dras­ti­schen Ge­bur­ten­knick in den 1990er-Jah­ren. Nun könn­te noch ein Grund hin­zu­kom­men. Wo­her künf­tig die Ar­beits­kräf­te neh­men?

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON EDU­ARD ST­EI­NER

Russ­lands Be­völ­ke­rung schrumpft im Eil­tem­po: Ge­bur­ten­rück­gang und Emi­gra­ti­on sind die Ur­sa­chen.

Mos­kau/Wi­en. Wür­den sich die Rus­sin­nen und Rus­sen an den Rat der or­tho­do­xen Kir­che hal­ten, das Land hät­te von sei­nen vie­len Pro­ble­men ein gro­ßes we­ni­ger. Die Kir­che in Gestalt der Glo­ba­len Rus­si­schen Volks­ver­samm­lung hat näm­lich jüngst in ih­rer bis 2050 an­ge­leg­ten Stra­te­gie zum Er­halt der Be­völ­ke­rung fest­ge­schrie­ben, dass die Zahl der Ein­woh­ner auf 160 Mil­lio­nen aus­ge­wei­tet wer­den soll. Au­ßer­dem soll die Le­bens­er­war­tung bis da­hin auf 90 Jah­re stei­gen. Am bes­ten gleich in der Ver­fas­sung ver­an­kert.

Al­le­mal ein am­bi­tio­nier­ter Plan an­ge­sichts der Rea­li­tät, dass die Le­bens­er­war­tung tra­di­tio­nell weit un­ter der des Wes­tens liegt. Im­mer­hin ist sie in­zwi­schen auf 73,6 Jah­re ge­stie­gen. Und die An­zahl der Ein­woh­ner hat im Vor­jahr 146,8 Mil­lio­nen be­tra­gen.

Dass grund­sätz­lich Hand­lungs­be­darf be­steht, of­fen­ba­ren Zah­len des staat­li­chen Sta­tis­tik­amts Ross­tat. Ih­nen zu­fol­ge er­gibt ge­ra­de das Jahr 2019 ein dra­ma­ti­sches Bild. In den ers­ten neun Mo­na­ten be­trug der na­tür­li­che Be­völ­ke­rungs­schwund – al­so die

Zahl der To­des­fäl­le mi­nus Ge­bur­ten – 259.600 Per­so­nen. Da­mit fand 2019 der größ­te Schwund seit elf Jah­ren statt. Haupt­grund sei­en die rück­läu­fi­gen Ge­bur­ten in 80 der 85 Re­gio­nen des Lan­des, so Ross­tat. Der gro­ße Knick

Das ist leicht er­klärt: Zu Be­ginn des drit­ten Jahr­zehnts von Wla­di­mir Pu­tins Herr­schaft be­gin­nen sich die ge­bur­ten­schwa­chen 1990er-Jah­re mit vol­ler Wucht aus­zu­wir­ken. Da­mals, nach dem En­de der So­wjet­uni­on, war das Land in ein de­mo­gra­fi­sches De­sas­ter ge­stürzt. Weil die Men­schen auf­grund des wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs mit dem Über­le­ben be­schäf­tigt wa­ren, ging der Nach­wuchs ra­sant zu­rück. Die Ge­bur­ten­quo­te sack­te von 2,2 Kin­dern pro Frau im Jahr 1987 auf 1,2 Kin­der im Jahr 1999 ab. Und gleich­zei­tig stieg die Sterb­lich­keit ra­pi­de an.

Pu­tin hat das dar­aus re­sul­tie­ren­de Pro­blem sehr wohl er­kannt und längst ge­ziel­te Un­ter­stüt­zun­gen für Müt­ter und Fa­mi­li­en ein­ge­führt. Im Ver­ein mit dem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, zu­min­dest bis 2014, hat sich so die Ge­bur­ten­quo­te bis im­mer­hin 1,7 wie­der er­höht. An den ak­tu­ell spür­ba­ren Fol­gen des Knicks in den 1990er-Jah­ren kann frei­lich auch das vor­erst nichts än­dern.

Die­ser wirkt sich längst auch auf dem Ar­beits­markt aus. Die Ar­beits­lo­sig­keit ist selbst in den Jah­ren der Re­zes­si­on 2015 und 2016 nie über sechs Pro­zent ge­klet­tert. Un­ter­neh­men fin­den ge­ne­rell schwer Mit­ar­bei­ter, ge­schwei­ge denn qua­li­fi­zier­te. Die Löh­ne wuch­sen da­her die meis­ten Jah­re über deut­lich schnel­ler als die Pro­duk­ti­vi­tät. Und dies vor dem Hin­ter­grund, dass die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten weit­ge­hend aus­ge­las­tet sind und die pri­va­ten In­ves­ti­tio­nen zu ih­rer Aus­wei­tung feh­len, wie Ki­rill Lu­ka­schuk, Ge­ne­ral­di­rek­tor der Ra­ting­agen­tur Na­tio­na­le Kre­dit­ra­tings, neu­lich auf ei­nem Fi­nanz­fo­rum in Mos­kau er­klär­te.

In punc­to De­mo­gra­fie wird sich Pro­gno­sen zu­fol­ge nicht nur nichts än­dern, es wird fort­an erst so rich­tig dra­ma­tisch. Wie näm­lich der Ar­beits- und So­zi­al­mi­nis­ter Maxim To­pi­lin schon im Vor­jahr fest­hielt, wer­de die An­zahl der Frau­en im ge­bär­fä­hi­gen Al­ter bis 2035 um wei­te­re 28 Pro­zent zu­rück­ge­hen. Ein neu­er Brain­d­rain steht ins Haus

Da­bei ist der da­mit ein­her­ge­hen­de Ge­bur­ten­schwund nicht ein­mal der ein­zi­ge Grund für die de­mo­gra­fisch schwie­ri­ge Si­tua­ti­on. Der an­de­re ist die Emi­gra­ti­on. Der jüngs­ten Um­fra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Le­va­da-Cen­ter zu­fol­ge stieg un­ter den Be­frag­ten der An­teil de­rer, die emi­grie­ren wol­len, seit Mai 2019 von 15 auf gan­ze 21 Pro­zent – ein neu­er Höchst­wert. Die Ten­denz nach oben zeigt sich in al­len Al­ters­klas­sen, über­durch­schnitt­lich bei den Jün­ge­ren.

Da­bei ist der Emi­gra­ti­ons­wunsch nach frü­he­ren Wel­len des Brain­d­rain um­so heik­ler, als das Hu­man­ka­pi­tal im Land der Haupt­trei­ber da­für war, dass sich der Wohl­stand zwi­schen 2000 und 2017 um das 1,8-Fa­che er­höht hat, wie die Welt­bank in ei­ner Ana­ly­se dar­legt. Wenn nun wie­der mehr und vor al­lem mehr Qua­li­fi­zier­te aus­wan­dern, ge­fähr­det das den Wohl­stand.

Den Ar­beits­markt mit Im­mi­gran­ten zu ret­ten, funk­tio­niert Ex­per­ten zu­fol­ge nur be­schränkt. Denn zum ei­nen be­stand der tra­di­tio­nell stärks­te Zu­zug aus dem Kau­ka­sus und Zen­tral­asi­en vor al­lem aus ge­ring qua­li­fi­zier­ten Hilfs­kräf­ten. Zum an­de­ren sind die Vor­be­hal­te ih­nen ge­gen­über im Volk groß. Be­zeich­nen­der­wei­se ha­ben in der Re­zes­si­on 2015 und 2016 Ar­beits­mi­gran­ten mas­sen­wei­se das Land ver­las­sen. Und ih­re Rück­kehr nach Russ­land kom­pen­siert den na­tür­li­chen Be­völ­ke­rungs­schwund nur zum Teil.

„Um in fünf, zehn oder 15 Jah­ren kon­kur­renz­fä­hig zu sein, ist es nö­tig, dass die ta­len­tier­ten Men­schen in Russ­land blei­ben“, sag­te da­her Wirt­schafts­mi­nis­ter Maxim Oreschkin im Vor­jahr. Die­ses Pro­blem sei so groß, dass es ihn nachts nicht schla­fen las­se.

Zum Glück ist laut ak­tu­el­ler Um­fra­ge des Le­va­da-Cen­ter der Emi­gra­ti­ons­wunsch bei den meis­ten oh­ne­hin nur ein Traum. Ernst­haft mit der Fra­ge be­fas­sen sich an­geb­lich „nur“sie­ben Pro­zent der Be­frag­ten.

Ge­mein­sam mit den rück­läu­fi­gen Ge­bur­ten könn­te das den­noch da­zu füh­ren, dass die In­ter­na­tio­na­le Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ILO recht be­hält: Ih­rer Pro­gno­se zu­fol­ge wird die rus­si­sche Be­völ­ke­rung bis 2050 auf 130 Mil­lio­nen schrump­fen. In­ner­rus­si­sche Vor­her­sa­gen deu­ten we­nigs­tens ei­ne Sta­gna­ti­on auf dem jet­zi­gen Ni­veau an. Die or­tho­do­xe Kir­che aber steht mit ih­rer Uto­pie von 160 Mil­lio­nen ziem­lich al­lein da.

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