Nn nun die „grü­ne Ba­sis“?

Die Presse - - TÜRKIS/GRÜN -

Um sich den Sank­tus für ei­nen all­fäl­li­gen Pakt mit der ÖVP zu si­chern, ließ Wer­ner Kog­ler von An­fang an nichts un­ver­sucht. Opi­ni­on Le­a­der der Lan­des­par­tei­en und Links­aus­le­ger wie der Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Mi­chel Rei­mon wur­den ins Ver­hand­lungs­team ge­holt oder lau­fend in­for­miert. Sigrid Maurer, ei­ne der größ­ten Kri­ti­ke­rin­nen von ÖVP-Ob­mann Se­bas­ti­an Kurz, mach­te Kog­ler zu sei­ner Stell­ver­tre­te­rin im Par­la­ments­klub. Sie könn­te Klub­che­fin wer­den, wenn Kog­ler in die Re­gie­rung wech­selt.

Auch sonst agier­te man tak­tisch ge­schickt: Um dem Vor­wurf zu be­geg­nen, die De­le­gier­ten hät­ten nicht ge­nug Zeit ge­habt, um das Pro­gramm ein­schät­zen zu kön­nen, gab es bun­des­weit In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen. Bei den Vor­be­rei­tungs­tref­fen der De­le­gier­ten in den Län­dern wur­den Lis­ten ge­reicht, die dar­le­gen, wel­che „Gr­aus­lich­kei­ten“, die ÖVP woll­te, die man aber ver­hin­dern konn­te. Die Lis­te ist lang, und der Bo­gen spannt sich weit – dar­un­ter: ein neu­er Straf­rechts­be­stand für vor­sätz­li­chen Asyl­be­trug, Droh­nen­kon­trol­le von Bin­nen­gren­zen, das di­gi­ta­le Ver­mum­mungs­ver­bot, der Fo­kus auf Was­ser­stoff als al­ter­na­ti­ve An­triebs­tech­no­lo­gie, das Ver­bot der Be­zeich­nung „Veg­gie-Bur­ger“oder das Ver­bot des po­li­ti­schen Is­lam.

Dem wur­de ge­gen­über­ge­stellt, was man er­rei­chen konn­te („grü­ne Leucht­tür­me“) und was man eben „nicht ver­hin­dern konn­te“, bei­spiels­wei­se das Kopf­tuch­ver­bot. Die von der ÖVP hin­ein­re­kla­mier­te Si­che­rungs­haft regt üb­ri­gens we­ni­ger auf, als man den­ken wür­de. Of­fen­bar geht man bei den Grü­nen fix da­von aus, dass die­se oh­ne­hin nicht kommt. Da­für sor­ge schon die Bei­fü­gung „ver­fas­sungs­kon­form“– denn oh­ne Än­de­rung der Ver­fas­sung ist ein Ge­setz gar nicht mög­lich (sie­he auch Sei­te 6.) Das stell­te auch Grü­nen-Mit­ver­hand­ler Ge­org Bürst­mayr in den „Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten“klar: „Wir ha­ben nicht ver­ein­bart, dass wir die Bun­des­ver­fas­sung än­dern.“

Auch wenn vie­le Punk­te – et­wa der ko­ali­ti­ons­freie Raum in Mi­gra­ti­ons­fra­gen – für De­bat­ten sor­gen wer­den: Die ers­ten Ana­ly­sen aus den Lan­des­par­tei­en fie­len am Frei­tag wohl­wol­lend aus. In­grid Fe­li­pe, Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­te­rin in Ti­rol, sag­te, dass sie bei der Lek­tü­re „sehr vie­le sehr po­si­ti­ve Punk­te“ge­fun­den ha­be. Klar sei aber auch: „Das ist ein Ko­ali­ti­ons­pro­gramm, kein Par­tei­pro­gramm.“San­dra Kraut­waschl, Klub­che­fin im stei­ri­schen Land­tag, sieht die „Chan­ce, grü­ne Po­li­tik tat­säch­lich zu rea­li­sie­ren“. Und Hein­rich Schell­horn, Vi­ze­lan­des­haupt­mann in Salz­burg, rech­net mit ei­nem Er­geb­nis „satt über 50 Pro­zent“.

Wi­ens Grü­nen-Che­fin Bir­git He­bein, die den Pakt mit der ÖVP fe­der­füh­rend mit­ver­han­del­te, stell­te gar nicht in Abre­de, dass man­che Punk­te, vor al­lem im Asyl­be­reich, schmerz­haft sei­en. „Aber man darf nicht ver­ges­sen: Wir sind ei­ne 14-Pro­zent-Par­tei.“Dass es Kom­pro­mis­se ge­ben wer­de und ge­ben müs­se, sei klar ge­we­sen. Das wür­de auch die Wie­ner Ba­sis ver­ste­hen, un­ter­streicht Ge­mein­de­rat Pe­ter Kraus: „Na­tür­lich ist es ein Wag­nis, und man weiß nicht, was kommt, aber die Chan­cen über­wie­gen. Die Stim­mung ist je­den­falls sehr gut.“

Über­ra­schend po­si­tiv an­ge­sichts di­ver­ser Face­book-Pos­tings („Kurz ab­schie­ben“, „Flücht­lin­ge statt Gren­zen schüt­zen“) gibt sich auch die „Grü­ne Ju­gend“: Bun­des­spre­cher Jaa­far Bam­bouk will sich nicht ein­mal auf kon­kre­te Kri­tik­punk­te fest­le­gen: „Am meis­ten stö­ren mich die va­gen For­mu­lie­run­gen.“Und er sagt: „Es war zu er­war­ten, dass es kein lin­kes Pro­gramm ist.“Aber ge­ra­de im Um­welt­be­reich sei auch viel ge­lun­gen. Nun ge­he es dar­um, „das Kräf­te­ver­hält­nis in der Be­völ­ke­rung zu ver­schie­ben und ei­ne Ge­gen­er­zäh­lung zu der ras­sis­ti­schen der ÖVP“auf­zu­bau­en. Kri­tik am künf­ti­gen Ko­ali­ti­ons­part­ner, aber Un­ter­stüt­zung für das Ab­kom­men – das ge­he sich aus, sagt Bam­bouk. Ob die De­le­gier­ten der Ju­gend zu­stim­men, sei aber noch of­fen. Schär­fer for­mu­liert da Ni­na To­ma­sel­li, im­mer­hin Vi­ze­par­tei­che­fin, im „Pres­se“-Interview (sie­he Sei­te 4): Das Mi­gra­ti­ons­ka­pi­tel sei al­les, nur nicht grü­nes Pro­gramm. Ih­ren Sank­tus wird sie wohl trotz­dem ge­ben: weil die Ab­stim­mung im Pa­ket mit dem Per­so­nal er­folgt.

[ APA/Hoch­muth ]

beim Bun­des­kon­gress in Salz­burg das Re­gie­rungs­ab­kom­men der Ba­sis er­klä­ren (im Bild: der „Bu­ko“2018, als Kog­ler zum Bun­des­spre­cher ge­wählt wur­de).

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