Das Dorf, das im Was­ser ver­sank

Süd­ti­rol. In den 1940er-Jah­ren spiel­te sich im Vinsch­gau ei­ne Tra­gö­die ab: Fast über Nacht wur­de ein be­sie­del­tes Ge­biet für ein staat­li­ches Stau­see­pro­jekt un­ter Was­ser ge­setzt.

Die Presse - - GESCHICHTE -

Men­schen, die in ih­ren Dör­fern tief ver­wur­zelt wa­ren, sie leb­ten, lieb­ten, ar­bei­te­ten und star­ben hier, über Ge­ne­ra­tio­nen, die Grau­ner und Re­schner im Süd­ti­ro­ler Vinsch­gau. Sie leb­ten von ih­ren Fel­dern und be­trie­ben Vieh­zucht. Ih­re Dör­fer wa­ren in ein Na­tur­se­en-Pla­teau ein­ge­bet­tet und land­schaft­lich be­son­ders schön. Im Win­ter wa­ren die Se­en zu­ge­fro­ren, man konn­te sie über­que­ren und das Nach­bar­dorf be­su­chen. Über Nacht ver­lo­ren die Be­woh­ner ih­re Exis­tenz­grund­la­ge, sie muss­ten Haus und Hof ver­las­sen, die ge­sprengt wur­den, als die bei­den Or­te Graun und Re­schen, ins­ge­samt 500 Hekt­ar Kul­tur­land, in kur­zer Zeit un­ter der Was­ser­ober­flä­che ei­nes Stau­sees ver­schwan­den.

Wer heu­te als Tou­rist die Ge­gend be­sucht, egal zu wel­cher Jah­res­zeit, ist fas­zi­niert von dem rie­si­gen See am Re­schen­pass, in des­sen Mit­te sich auf un­heim­li­che Wei­se ein Kirch­turm aus dem dunk­len Was­ser er­hebt. Es gibt we­ni­ge ver­gleich­ba­re Fo­to­mo­ti­ve. Wer die­sem Land­schafts­bild nach­forscht, stößt auf mensch­li­che Schick­sa­le, die tief be­rüh­ren. Die er­zäh­lens­wer­ten ge­schicht­li­chen und po­li­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge ge­ra­ten da meist in den Hin­ter­grund.

Ein neu­es Buch mit vie­len Ab­bil­dun­gen be­rück­sich­tigt nun al­le Fa­cet­ten. Es stammt von Ge­org Lem­bergh, er hat selbst sei­ne fa­mi­liä­ren Wur­zeln im Vinsch­gau und vor ei­ni­gen Jah­ren ei­nen Do­ku­men­tar­film mit al­ler­ers­ten Zeit­zeu­gen­in­ter­views zu dem ver­sun­ke­nen Dorf ge­dreht. Aus dem Film ist nun ein Buch her­vor­ge­gan­gen, es wur­de ge­mein­sam mit der His­to­ri­ke­rin Bri­git­te Pir­cher ver­fasst.

Drei Na­tur­se­en wa­ren in die traum­haf­te Land­schaft des Vinsch­ger Ober­lan­des ur­sprüng­lich ein­ge­bet­tet, bis zur Mit­te des 20. Jahr­hun­derts: Der Re­schen­see, der Mit­ter- bzw. Grau­ner See und der Hai­der­see. Be­reits 1911 zo­gen sie das In­ter­es­se von Strom­ge­sell­schaf­ten auf sich, doch zu­nächst wur­den die Plä­ne, die Se­en auf­zu­stau­en, nicht rea­li­siert. Das wur­de an­ders, als Süd­ti­rol nach dem Ver­trag von Saint-Ger­main zu Ita­li­en kam. Plötz­lich ge­riet die Sa­che durch die Strom­ge­sell­schaft SEAA, ei­ne Toch­ter des Che­mie­kon­zerns Mon­te­ca­ti­ni, in Schwung, 1940 hieß es, die Ar­bei­ten sei­en „drin­gend und un­auf­schieb­bar“.

Die Rea­li­sie­rung fiel in die Zeit des ita­lie­ni­schen Fa­schis­mus, des­sen er­klär­tes Ziel die Be­kämp­fung von deut­scher Spra­che und Kultur im mehr­heit­lich deutsch­spra­chi­gen Süd­ti­rol war. Der Bau von Spei­cher­kraft­wer­ken dien­te zwar nach of­fi­zi­el­ler Les­art der drin­gend not­wen­di­gen In­dus­tria­li­sie­rung Obe­r­ita­li­ens. Doch da­hin­ter gab es auch ein po­li­ti­sches In­ter­es­se. Die Le­bens­grund­la­ge der deutsch­spra­chi­gen Be­völ­ke­rung war nicht viel wert. Die Ar­beits­plät­ze im Kraft­werks­sek­tor gin­gen an Ita­lie­ner, vor al­lem aus Ka­la­bri­en, sie wur­den hier an­ge­sie­delt. Ver­ständ­lich, dass die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung sich un­gern am Bau be­tei­lig­te. Wer will schon sein ei­ge­nes Gr­ab schau­feln? Zeit­zeu­ge Kon­rad Ste­cher aus Re­schen: „Die ita­lie­ni­schen Ar­bei­ter frag­ten uns, war­um wir denn nicht weg­ge­hen wür­den.“

15 Ta­ge lang hing im März 1940 die An­kün­di­gung des Pro­jekts an der Ge­mein­de­ta­fel von Graun. Der Was­ser­spie­gel der Se­en soll­te um 22 Me­ter an­ge­ho­ben wer­den, von 1475 Me­tern See­hö­he auf 1497. Das be­deu­te­te die Über­flu­tung des Dor­fes Graun und (zum Groß­teil) auch von Re­schen. Die Be­kannt­ma­chung war nur in ita­lie­ni­scher Spra­che ab­ge­fasst und ging wohl in den Tur­bu­len­zen der Zeit un­ter. Seit 1939 be­schäf­tig­te ja das Aus­wan­de­rungs­an­ge­bot des Deut­schen Rei­ches die Süd­ti­ro­ler. Bald be­gan­nen die Ent­eig­nun­gen und die Bau­ar­bei­ten, die durch den Krieg zwar ver­lang­samt, aber 1946 zü­gig wei­ter­ge­führt wur­den.

Im Au­gust 1949 kam es zu ei­ner Pro­be­stau­ung, zu ei­nem Zeit­punkt, als vie­le Dorf­be­woh­ner noch in ih­ren Häu­sern leb­ten und ge­ra­de ihr Heu nach Hau­se trans­por­tie­ren woll­ten. Sie wa­ren noch weit da­von ent­fernt, neue Wohn­sit­ze zu ha­ben. Ih­re Zu­kunft und die Fra­ge der Ent­schä­di­gung wa­ren noch in kei­ner Wei­se ge­klärt, et­li­che Häu­ser wa­ren aber schon zer­stört. Der Zorn wuchs. Vie­le glaub­ten noch im­mer nicht, dass das Stau­damm­pro­jekt Rea­li­tät wer­den könn­te.

Am be­kann­tes­ten ist die An­ek­do­te über ei­ne 83-jäh­ri­ge Grau­ne­rin, die ihr Haus par­tout nicht ver­las­sen woll­te, ob­wohl be­reits die Kel­l­er­trep­pe über­flu­tet war und das Haus nur noch über ein Fens­ter be­tre­ten wer­den konn­te. „Ich wei­che nicht, son­dern ich zie­he in den obe­ren Stock, wo be­reits mei­ne Hen­nen sind. Und wenn das Was­ser auch noch da­hin kommt, stei­ge ich in die Dach­kam­mer hin­auf.“Man muss­te sie aus ih­rem Haus hin­aus­tra­gen.

Nun wur­de den Be­woh­nern das Aus­maß der Ka­ta­stro­phe be­wusst: Ih­re Le­bens­grund­la­ge wur­de zer­stört. Sie kämpf­ten ge­gen das Pro­jekt, mit Si­cheln und Sen­sen sah man sie auf der Stra­ße mar­schie­ren wie einst Andre­as Ho­fers Man­der, sie stell­ten die In­ge­nieu­re der Fir­ma Mon­te­ca­ti­ni zur Re­de und kämpf­ten für ei­ne ge­rech­te Ent­schä­di­gung, so­gar in Rom beim Papst sprach man vor. Pfar­rer Al­f­red Rie­per wur­de der Held der Ge­mein­de, er führ­te die Pro­test­zü­ge an, be­stand dar­auf, den Be­woh­nern mehr Geld zu ge­ben, da­mit sie sich ir­gend­wo an­ders et­was kau­fen konn­ten. Oft er­geb­nis­los, „ent­we­der du gehst oder du er­säufst“, hieß es.

Die Ge­bäu­de, die im Stau­see-Are­al la­gen, wur­den bis Mit­te Ju­li 1950 ge­sprengt, auch die al­te Kir­che von Graun, die der hei­li­gen Kat­ha­ri­na ge­weiht war. Der Turm aus dem 14. Jahr­hun­dert durf­te aus Denk­mal­schutz­grün­den nicht ge­sprengt wer­den. Die To­ten des Fried­hofs von Graun wur­den ex­hu­miert und in ein neu an­ge­leg­tes Are­al ober­halb des Stau­sees über­führt. Ur­sprüng­lich woll­te man den ge­sam­ten Fried­hof nur mit ei­ner Be­ton­schicht über­de­cken, die Um­bet­tung war aber ein drin­gen­der Wunsch der Be­völ­ke­rung. Wie soll­ten die ar­men See­len am Jüngs­ten Tag durch die Be­ton­schicht in den Him­mel kom­men? Kei­ner, der die Ex­hu­mie­rung mit­er­leb­te, hat sie je ver­ges­sen. „Die Ma­ma ist zum Fried­hof ge­gan­gen, sie woll­te sich ver­si­chern, dass auch der rich­ti­ge Ver­stor­be­ne im neu­en Sarg liegt.“

Der Stau­see, der größ­te Süd­ti­rols, er­streckt sich über 660 Hekt­ar, an der tiefs­ten Stel­le ist er 28 Me­ter tief. 7000 Men­schen ar­bei­te­ten hier. Neue Dör­fer wur­den in der Nä­he an­ge­legt, man durf­te nur das Not­wen­digs­te mit­neh­men, so Pep­pi Plan­ger aus Graun. Als die Grau­ner be­reits ein neu­es Dach über dem Kopf brauch­ten, wa­ren ei­ni­ge ih­rer Häu­ser noch nicht fer­tig. Vie­le leb­ten bis zu ei­nem Jahr in Ba­ra­cken.

Egal wo­hin es die Grau­ner und Re­schner hin­trieb, sie fühl­ten sich „aus­sig­was­sert wie die Mäu­se“, die Ent­schä­di­gun­gen wa­ren nied­rig, im­mer war es ein schwie­ri­ger Neu­an­fang mit vie­len Hür­den. Den Au­to­ren ist mit der Do­ku­men­ta­ti­on die­ser Lei­dens­ge­schich­te von Men­schen, die ei­nes Teils ih­rer Bio­gra­fie be­raubt wur­den, ein be­rüh­ren­des Buch ge­lun­gen. Es ging ih­nen vor al­lem um die Fra­ge: Was pas­siert mit Men­schen, de­ren Ort der Kind­heit und Ju­gend zer­stört und un­ter Was­ser ge­setzt wird und die ge­walt­sam aus der Hei­mat ver­trie­ben wer­den? Film und Buch sind aber ent­stan­den aus ei­nem Geist der Ver­söh­nung.

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