War­um das Kli­schee von Emo­ti­on bei weib­li­cher Kri­tik so falsch ist

Ge­schlech­ter­spe­zi­fisch war ges­tern. Man soll­te im neu­en Jahr und mit der neu­en Re­gie­rung zur sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung in der Po­li­tik zu­rück­fin­den.

Die Presse - - DEBATTE -

Der An­fang ei­nes neu­en Jah­res ist si­cher ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, ei­ni­ge Din­ge klar­zu­stel­len – be­vor mit der Bil­dung der neu­en Re­gie­rung die Wel­le der Ver­mu­tun­gen und Ver­däch­ti­gun­gen wie­der an­rollt. Es ist näm­lich zu er­war­ten, dass sich die Vor­wür­fe aus Zei­ten der ur­al­ten Re­gie­rung zur neu­en hin­über­ret­ten, wenn auch in ei­nem an­de­ren Far­ben­spiel.

Un­ter der ÖVP-FPÖ-Kom­bi­na­ti­on und auch da­nach wur­de oft auf je­de kri­ti­sche Be­trach­tung zum Tun und Las­sen der Par­tei­en im All­ge­mei­nen und zu je­nen von Se­bas­ti­an Kurz im Spe­zi­el­len mit dem Vor­wurf des „Has­ses“re­agiert. Zu­schrei­bun­gen wie „hass­er­füllt“oder „voll des Has­ses“wa­ren aus meh­re­ren Grün­den meist amü­sant. Zum ei­nen, weil es da­bei nicht um Hass an sich ge­hen konn­te. Dann könn­te es sich näm­lich um ei­ne Pro­jek­ti­on han­deln, al­so um die „un­be­wuss­te Über­tra­gung von Ge­füh­len auf das Ge­gen­über“. Dass aber in jeg­li­cher, noch so sach­li­cher Kri­tik Hass ver­bor­gen sein könn­te, ist aus­zu­schlie­ßen.

Zum an­de­ren, weil die An­schul­di­gung, „Hass“sei das Mo­tiv jeg­li­cher kri­ti­scher Be­trach­tung, nicht neu ist. Auch frü­her war man da­mit schnell bei der (Schreib­ma­schi­nen-)Tas­te, heu­te al­ler­dings merk­lich schnel­ler; da­mals, in grau­er Vor­zeit bei Han­nes An­d­rosch, als er noch der Sun­ny­boy der Schwie­ger­sohn-ver­lieb­ten ös­ter­rei­chi­schen Po­lit­sze­ne war und Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit von Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um und Steu­er­be­ra­tungs­kanz­lei auf­ka­men. Nur zur Er­in­ne­rung: An­d­rosch wur­de 1981 für die SPÖ in der Re­gie­rung un­trag­bar.

Um ei­ne ge­wis­se Kon­ti­nui­tät be­müh­ten sich un­ge­fähr fünf Jah­re spä­ter je­ne Be­wun­de­rer Jörg Hai­ders, für die je­de Kri­tik an sei­ner Po­li­tik, sei­nen Pro­vo­ka­tio­nen, sei­ner Dop­pel­bö­dig­keit von Ro­bin Hood und She­riff von Not­ting­ham, in ei­nem tief emp­fun­de­nen Hass be­grün­det ge­we­sen sein muss­te. Nur zur Er­in­ne­rung: Hai­der zer­stör­te vor mehr als zehn Jah­ren zu­erst sei­ne FPÖ und dann sich selbst. Ach ja, da war auch noch die Kri­tik an den Re­gie­run­gen Wolf­gang Schüs­sel I und II und ih­rem Aus­hän­ge­schild Kar­lHeinz Gras­ser. In der Ge­samt­be­trach­tung auch kei­ne po­li­ti­sche Er­folgs­ge­schich­te.

Wie schon ei­ni­ge Ma­le hilft auch in die­sem Fall die US-Ko­lum­nis­tin Mau­re­en Dowd auf die Sprün­ge: Sie nahm ei­nen Vor­fall im US-Kon­gress am 5. De­zem­ber zum An­lass, um über die Hin­ter­grün­de der Hass­vor­wür­fe nach­zu­den­ken. Die Vor­sit­zen­de des Re­prä­sen­tan­ten­hau­ses, Nan­cy Pe­lo­si, war bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz ge­fragt wor­den: „Has­sen Sie Prä­si­dent Trump?“Pe­lo­si fuhr her­um: „Ich has­se nie­man­den.“In­di­rekt hieß das: Nur weil ich aus gu­tem Grund das Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren ge­gen Trump ein­lei­te, heißt das noch lang nicht, dass ich ihn has­se.

Die­se Sze­ne ver­lei­te­te Dowd zur fol­gen­den Be­mer­kung: Wenn Frau­en Po­li­tik kri­ti­sie­ren, wer­de ih­nen um­ge­hend so­fort Hass un­ter­stellt. Das er­spart den Kri­ti­sier­ten und ih­ren An­hän­gern jeg­li­che sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem In­halt der Kri­tik. Dowd zähl­te die Ob­jek­te ih­res Über­drus­ses auf: Kri­tik am Irak-Krieg? „Why do you ha­te Ge­or­ge W. Bush?“Kri­tik an Ba­rack Oba­mas man­geln­der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Kon­gress? „Why do you. . .“. An der Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Hil­la­ry Cl­in­ton? „Why do you. . .“

Be­rech­tig­te Kri­tik auf das Ni­veau ei­ner ne­ga­ti­ven Emo­ti­on ab­zu­schie­ben, ma­che die­se lä­cher­lich, schie­be sie ins Ir­ra­tio­na­le ab. Tat­säch­lich wer­den Män­ner nie mit der Fra­ge kon­fron­tiert: „War­um has­sen Sie XY?“Ein Blick in die Pos­tings von Dowds männ­li­chen Kol­le­gen, nicht min­der kri­tisch der Trump-Re­gie­rung ge­gen­über, ge­nügt. Auch in den Re­ak­tio­nen auf „männ­li­che“Kri­tik an der Re­gie­rungs­ar­beit von Kurz I fin­det sich die Fra­ge nicht. Selt­sam!

Viel­leicht wird es im neu­en Jahr ge­lin­gen, ei­nen nüch­ter­nen und sach­li­chen Dia­log über be­rech­tig­te und auch un­be­rech­tig­te Kri­tik zu füh­ren. Wenn nicht, kann man im­mer noch Nan­cy Pe­lo­si zi­tie­ren: „Le­gen Sie sich nicht mit dem Wort Hass mit mir an.“

VON AN­NE­LIE­SE ROHRER

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