Je spä­ter am Tag, des­to län­ger die St­un­de

Ich frag­te laut, ob ich hier rich­tig sei, ob ich hier die Tür­num­mer fän­de, die ich such­te. Nie­mand ant­wor­te­te. Nie­mand war da. Ich ging wei­ter und such­te die Tür. Doch wie war die­se Num­mer? – Sechs Nacht­bil­der.

Die Presse - - SPECTRUM | ZEICHEN DER ZEIT - Von Flo­ren­ti­na Pa­kos­ta

Wei­ße Wän­de

Die Tür öff­ne­te sich au­to­ma­tisch, ich trat in ei­nen lan­gen Gang ein und ging wei­ter. Al­le Wän­de wa­ren weiß. Auch die Rei­he ge­schlos­se­ner Tü­ren – weiß. Nie­mand trat her­aus, nie­mand trat ein. Ich frag­te laut, ob ich hier rich­tig sei, ob ich hier die Tür­num­mer fän­de, die ich such­te. Nie­mand ant­wor­te­te. Nie­mand war da. Ich blieb ste­hen, drück­te die Tas­te an der Wand, wuss­te nicht, war­um, war­te­te nicht auf den Auf­zug, ging wei­ter und such­te die Tür mit der be­stimm­ten Num­mer. Doch wie war die­se Num­mer? Ich hat­te sie ver­ges­sen. „Mehr Kon­zen­tra­ti­on, dann fällt sie mir be­stimmt wie­der ein“, trös­te­te ich mich, ging wei­ter, be­trach­te­te die wei­ßen Wän­de, las die Num­mern über den wei­ßen Tü­ren und . . . Ich stieß mit je­man­dem zu­sam­men, ent­schul­dig­te mich, wand­te den Blick ab von den Num­mern über den Tü­ren und er­schrak vor mei­nem Ge­gen­über. – Das ei­ge­ne Spie­gel­bild starr­te mich an. Ich ging wei­ter – ent­lang der wei­ßen Wän­de.

Ver­folgt

Da war ein Schild. Po­li­zei stand dar­auf. Ich sah ihn so­fort. Er kam durch das of­fe­ne Tor auf die Stra­ße, blieb kurz ste­hen, und es schien mir, als wer­de er gleich auf mich zu­kom­men. Er ging aber auf der an­de­ren Sei­te der Fahr­bahn in der­sel­ben Rich­tung wie ich. Dass wir zu­fäl­lig ein ge­mein­sa­mes Ziel hät­ten, konn­te ich mir nicht vor­stel­len, und über­zeugt, dass er mich ver­fol­ge, ließ ich ihn nicht aus den Au­gen. Ich blieb bei der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le ste­hen, und tat­säch­lich über­quer­te er die Fahr­bahn und stand plötz­lich ei­ni­ge Schrit­te vor mir. Es wur­de mir bang ums Herz, den­noch tat ich, als be­mer­ke ich we­der ihn noch sei­ne Ab­sicht, sich mir zu nä­hern. Aber war­um such­te er mei­ne Nä­he?

Als ich letzt­hin spät­abends auf dem Heim­weg war, ging er eben­falls hin­ter mir her. Im letz­ten Au­gen­blick ge­lang es mir, das Haus­tor zu schlie­ßen und den Schlüs­sel im Schloss um­zu­dre­hen. Und dann kam der an­ony­me Brief. Ich hät­te die Gren­ze über­schrit­ten, konn­te man da le­sen. Wel­che Gren­ze war ge­meint? Ich ver­trau­te auf die Hil­fe der bei der Hal­te­stel­le War­ten­den, falls er mir zu na­he kom­men soll­te, und ging läs­sig auf und ab. Er durf­te nicht wis­sen, dass ich mich vor ihm fürch­te­te.

Als die Stra­ßen­bahn kam, stieg ich bei der vor­de­ren Tür ein, bei der nächs­ten Tür tat er das Glei­che. Da wir im voll be­setz­ten Wa­gen kei­nen Blick­kon­takt hat­ten, stieg ich, um ihn zu über­lis­ten, ra­schest wie­der aus. Dann wink­te ich ein zu­fäl­lig vor­bei­fah­ren­des Ta­xi her­bei, und über­zeugt, ihn los­ge­wor­den zu sein, warf ich ei­nen Blick aus dem Au­to­fens­ter. Er stand bei der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le und sah mich mit stren­ger Mie­ne an. bei­ter, ar­bei­ten von sie­ben Uhr mor­gens bis fünf Uhr nach­mit­tags in pral­ler Son­ne. Hal­be St­un­de Mit­tags­pau­se. Die Zeit schleppt sich lang­sam da­hin, je spä­ter am Tag, des­to län­ger dau­ert die St­un­de. Sie sind jung, groß, schlank, von der Son­ne braun ge­brannt. Schö­ne Män­ner. Mit Press­luft­boh­rer und Spitz­ha­cke rei­ßen sie den Bo­den auf, hei­ßer As­phalt be­deckt die Stra­ße. Sie ar­bei­ten die gan­ze Wo­che, au­ßer Sams­tag und Sonn­tag. An die­sen Ta­gen den­ken sie an ih­re Fa­mi­li­en und an ih­ren spä­te­ren Ru­he­stand, wenn es so weit sein wird, dass sie mit dem jetzt ver­dien­ten Geld zu Hau­se ein Häu­schen mit Eta­gen­hei­zung und Bad be­sit­zen wer­den. Am Mon­tag geht die Ar­beit wie­der los, mit Press­luft­boh­rer und hei­ßem As­phalt auf der Stra­ße. Selbst bei 39 Grad im Schat­ten! Das gan­ze Le­ben lang. Star­ke Män­ner. – Kei­ner von ih­nen er­reicht das Pen­si­ons­al­ter.

Ein Bild von Roth­ko

Nackt lagst du auf ei­ner har­ten, tisch­ho­hen Flä­che, man zwang dich, die Ar­me weit aus­zu­stre­cken. Als du ver­such­test, sie an­zu­win­keln, da dies für dich we­ni­ger schmerz­haft ge­we­sen wä­re, hielt man dich fest und ver­hin­der­te ge­walt­sam je­de, selbst die kleins­te Be­we­gung. Man wi­ckel­te dich in ei­ne Plas­tik­pla­ne, ein Klett­ver­schluss hielt sie zu­sam­men. Du hör­test das schar­fe Ge­räusch, als man ihn wie­der auf­riss. Oh­ne zu wis­sen, wem sie ge­hö­ren, sahst du den Hän­den zu, die dich quäl­ten. Un­er­war­tet grins­te ein Flach­ge­sicht vor dei­nen Au­gen. War es ein Mensch? „Sie ha­be ich mir an­ders vor­ge­stellt“, sag­test du, oh­ne zu wis­sen, was du sa­gen woll­test, in­dem das Ge­sicht ver­schwand. Dann glüh­te ein schwar­zes Recht­eck vor dir, es war auf ro­ter Flä­che ge­malt. Du dach­test, es sei ein Bild von Roth­ko. Schließ­lich schob sich vor das Recht­eck ei­ne Hand. Nach­dem sie ver­schwun­den war, zit­ter­test du am gan­zen Kör­per. War es ei­ne Men­schen­hand? Da­nach dröhn­te ei­ne Ma­schi­ne in dei­nen Oh­ren. – Dann nichts. Nichts. „Wo bin ich?“, hör­test du dich selbst fra­gen. „Wo bist du jetzt?“, frag­te ich mich, als du vor mir lagst und Fra­gen, die ich dir stell­te, nicht mehr be­ant­wor­te­test.

Der Raum

Im Roll­stuhl bringt man mich in ei­nen Raum mit grel­lem Ne­on­licht. Er hat kei­ne Fens­ter. Ei­ne tech­ni­sche Welt emp­fängt mich: An­triebs­sys­te­me, Tur­bo­pum­pen und an­de­re Ma­schi­nen ar­bei­ten, man­che ste­hen still. Der Ge­räusch­pe­gel steigt stän­dig. In re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den misst ein schril­ler Ton die Zeit, schnei­det die Luft in Stü­cke. „Er wird sich ver­spä­ten, Sie müs­sen war­ten!“, hallt ei­ne Com­pu­ter­stim­me durch den Raum. Und wie­der zer­stü­ckelt der schril­le Ton die Luft, wird im­mer hö­her. Oh­ne mich zu be­ach­ten, lau­fen Ge­stal­ten an mir vor­bei und ver­schwin­den im Ne­ben­raum. Auf dem Tisch an mei­ner lin­ken Sei­te lie­gen Ge­rä­te aus Me­tall. Ich se­he Zan­gen, ein Skal­pell, Pin­zet­ten und Sä­gen. „Wo­zu sol­len sie die­nen?“– „Sie müs­sen war­ten!“, be­fiehlt er­neut die Com­pu­ter­stim­me. „Meint man mich? Wor­auf soll ich war­ten?“Wie­der lau­fen Ge­stal­ten an mir vor­bei. „Wo­hin ei­len sie und war­um?“Auf der Stirn­wand le­se ich das Wort „Strah­len­be­reich“. Ich will den Raum ver­las­sen und mer­ke erst jetzt die Fes­seln, die mich dar­an hin­dern.

Das Ge­wis­sen

Das Ge­wis­sen leb­te im Kör­per des Sol­da­ten und war die­sem stets ein Gräu­el. Er schäm­te sich sei­ner und ver­dräng­te es, so gut er konn­te. Denn es trieb ihm die Trä­nen in die Au­gen, wenn er Här­te zu be­wei­sen hat­te, und weck­te sein Mit­ge­fühl, wenn er Gleich­gül­tig­keit zei­gen woll­te. Da nahm er ei­nen Stock und schlug nach ihm, so­dass der Stock zer­brach, er „Ver­schwind aus mei­nem Le­ben!“schrie und – sich die Trä­nen aus den Au­gen wisch­te. Es ge­lang ihm nicht, das Ge­wis­sen zu er­schla­gen, da es ein Teil sei­ner selbst war. Um es trotz­dem los­zu­wer­den, ver­such­te er es noch­mals. Dies­mal mit ei­ner Gra­na­te. Er zün­de­te sie an sei­nem Kör­per. FLO­REN­TI­NA PA­KOS­TA

Ge­bo­ren 1933 in Wien. Stu­di­um an der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te, Stu­di­en­auf­ent­hal­te in Pa­ris, Prag und Ams­ter­dam. Ma­le­rin, Gra­fi­ke­rin, Au­to­rin. Mit­glied der Wie­ner Se­ces­si­on. Preis der Stadt Wien für bil­den­de Kunst. Zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen, zu­letzt 2018 in der Wie­ner Al­ber­ti­na Die aus die­sem

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.