Afri­ka: Er­folg spä­ter, nicht lang­sa­mer

Interview. Vie­le afri­ka­ni­sche Län­der wür­den sich nicht lang­sa­mer ent­wi­ckeln als eu­ro­päi­sche Staa­ten zu­vor, sagt Axel van Trot­sen­burg von der Welt­bank. Sie hät­ten nur spä­ter da­mit be­gon­nen.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON JA­KOB ZIRM

Vie­le Län­der Afri­kas hät­ten mit der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung nur spä­ter be­gon­nen als eu­ro­päi­sche, sagt Axel van Trot­sen­burg von der Welt­bank.

Die Pres­se: Die USA und Chi­na sind seit Mo­na­ten in ei­nem Han­dels­krieg. Wie stark be­trifft das die Welt­bank?

Axel van Trot­sen­burg: Es hat uns bis­her nicht stark ge­trof­fen. Wir ha­ben es bei wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen – et­wa bei der jüngs­ten Ka­pi­tal­er­hö­hung – im­mer wie­der ge­schafft, dass al­le Län­der mit­ge­stimmt ha­ben. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass wir bei un­se­rer Tä­tig­keit gu­te Re­sul­ta­te im Ent­wick­lungs­be­reich er­zie­len. Al­ler­dings sind durch den Han­dels­krieg die Aus­sich­ten für die Welt­wirt­schaft schlech­ter ge­wor­den, wes­halb es mehr An­fra­gen für fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung von ei­ni­gen Län­dern gibt.

US-Prä­si­dent Do­nald Trump hat je­doch erst im De­zem­ber die Welt­bank da­zu auf­ge­for­dert, kei­ne Kre­di­te mehr an Chi­na zu ver­ge­ben. Und die USA sind im­mer­hin ihr wich­tigs­ter Geld­ge­ber.

Die Welt­bank be­steht aus 189 Län­dern. Je­des da­von ist be­rech­tigt, sei­ne Mei­nung zu äu­ßern. Und es gibt auch ei­ne De­bat­te dar­über, wie mit Län­dern wie Chi­na um­zu­ge­hen ist, die nun ein stark ge­stie­ge­nes Pro-Kopf-Ein­kom­men ha­ben. Sol­len die­se Län­der noch Kre­di­te der Welt­bank er­hal­ten? Klar ist, dass man das Pro­gramm lang­sam her­un­ter­schraubt. Und das wird bei Chi­na auch ge­macht. So ist das Kre­dit­pro­gramm von 2,4 Mrd. Dol­lar vor zwei Jah­ren in­zwi­schen auf 1,3 Mrd. Dol­lar zu­rück­ge­gan­gen. Und par­al­lel da­zu ist Chi­na auch zu ei­nem Ge­ber­land ge­wor­den. Das ist nicht an­ders, als es in den 1960er-Jah­ren bei Ja­pan, Ita­li­en oder Aus­tra­li­en war.

Gibt es neue Pro­jek­te in Chi­na?

Ja. Wenn es et­wa im Um­welt­schutz oder bei der Luft­ver­schmut­zung Pro­jek­te gibt, die mit un­se­rer Hil­fe schnell wir­ken kön­nen, dann ist es gut für Chi­na und gut für die Welt, wenn wir das ma­chen.

Welt­bank-Chef Da­vid Mal­pass wur­de von Trump ent­sandt. In­wie­fern sind Wün­sche aus dem Wei­ßen Haus nun ein Pro­blem?

Er­nannt wur­de er ein­stim­mig vom Füh­rungs­gre­mi­um der Welt­bank, und er sieht sich auch als Prä­si­dent der Welt­bank, und nicht als Re­prä­sen­tant der USA. Ich glau­be, er ist hier sehr klar. Die Fra­ge, ob ein Land nach wie vor ein Ent­wick­lungs­land ist, hat bei vie­len The­men gro­ße Be­deu­tung. So wur­de et­wa im Kli­ma­ab­kom­men von Pa­ris ver­ein­bart, dass die In­dus­trie­län­der die Ent

wick­lungs­län­der mit 100 Mrd. Dol­lar un­ter­stüt­zen. Ist Chi­na noch ein Ent­wick­lungs­land?

Wir sind nicht in die jähr­li­chen Ver­hand­lun­gen des UNFCC in­vol­viert. Aber bei die­sen gibt es ganz ein­deu­ti­ge Span­nun­gen zwi­schen den In­dus­trie- und Schwel­len­län­dern. Als Welt­bank kon­zen­trie­ren wir uns auf un­se­re Ent­wick­lungs­ar­beit, bei der Kli­ma­schutz ei­ne sehr wich­ti­ge Rol­le spielt. So wur­de bei der letz­ten Ka­pi­tal­er­hö­hung fest­ge­legt, dass die Welt­bank bis 2030 kli­ma­re­le­van­te In­ves­ti­tio­nen im Aus­maß von 335 Mrd. Dol­lar durch­füh­ren soll. In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren wa­ren es be­reits 120 Mrd. Dol­lar. Und wir ver­su­chen, die­sen Kli­ma­schutz­ge­dan­ken nun sys­te­ma­tisch in der DNA der Welt­bank zu ver­an­kern.

Chi­na hat bei die­sen Kre­di­ten nach wie vor An­spruch? An Ös­ter­reich wür­den Sie ja kei­ne Kre­di­te ver­ge­ben.

Nein, an Ös­ter­reich und an­de­re Län­der mit ho­hem Pro-Kopf-Ein­kom­men ver­gibt die Welt­bank kei­ne Kre­di­te. Chi­na er­füllt aber die Kri­te­ri­en, wes­halb es noch ein ak­ti­ves Pro­gramm gibt. Es geht hier­bei oft aber gar nicht so sehr um das Geld, son­dern um das Pro­jekt­ma­nage­ment und Know-how, das wir mit­brin­gen.

Haupt­auf­ga­be der Welt­bank ist die Be­kämp­fung der Ar­mut. Die ist welt­weit seit 1990 von 37 Pro­zent auf un­ter zehn Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. Nur in Afri­ka hat die Zahl der Ar­men trotz al­ler In­ves­ti­tio­nen sta­gniert. War­um?

In ab­so­lu­ten Zah­len gibt es in Afri­ka gleich vie­le Ar­me wie vor 30 Jah­ren. Re­la­tiv zur Be­völ­ke­rung ist ih­re Zahl seit 1990 aber von et­wa 50 auf 31 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. Aber na­tür­lich ist sie nach wie vor zu hoch. Von den 750 Mil­lio­nen Men­schen, die welt­weit in ex­tre­mer Ar­mut le­ben, ist die gro­ße Mehr­heit in Afri­ka. Man darf den Kon­ti­nent aber nicht so pau­schal se­hen. Es gibt durch­aus auch sehr er­folg­rei­che Län­der wie Ke­nia, Äthio­pi­en oder Ruan­da. Zu­dem muss man be­den­ken, dass die­se Län­der mit ex­trem schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen ge­star­tet sind. Ich war ein­mal in Co­teˆ d’Ivoi­re tä­tig. Da hat mir der Pre­mier er­zählt, dass es bei der Un­ab­hän­gig­keit viel­leicht ein Dut­zend Aka­de­mi­ker im Land gab. Oft sind in die­sen Län­dern zu je­ner Zeit ge­ra­de ein­mal fünf Pro­zent der Kin­der in die Volks­schu­le ge­gan­gen – heu­te sind es viel­fach 95 Pro­zent.

Die Län­der brau­chen al­so ein­fach mehr Zeit?

Ja, so wie auch eu­ro­päi­sche Län­der frü­her. Ein Bei­spiel: In Schwe­den hat es 50 Jah­re ge­dau­ert, von den spä­ten 80er-Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts bis in die 1930er, um die Le­bens­er­war­tung von 45 auf 65 zu brin­gen. Gha­na hat auch 50 Jah­re da­für ge­braucht – al­ler­dings zeit­ver­scho­ben nach hin­ten. Der Kon­ti­nent braucht aber noch viel Un­ter­stüt­zung. Auf­grund des Be­völ­ke­rungs­wachs­tums müss­ten jähr­lich 15 Mio. Jobs ge­schaf­fen wer­den. Das pas­siert aber nicht. Da­her wer­den von der In­ter­na­tio­na­len Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on (IDA) in den nächs­ten drei Jah­ren 53 Mrd. Dol­lar nach Afri­ka ge­hen. Das sind mehr als zwei Drit­tel des neu­en Pro­gramms von 82 Mrd. Dol­lar.

Afri­ka – vor al­lem die Sa­hel­zo­ne – wird vom Kli­ma­wan­del stark be­trof­fen sein. Was ist Ih­re Pro­gno­se für Län­der wie den Tschad oder den Su­dan?

Das be­rei­tet uns gro­ße Sor­gen. Wenn es kei­ne Ve­rän­de­rung gibt, dann be­steht das Ri­si­ko, dass Hun­der­te Mil­lio­nen Men­schen wie­der in die Ar­mut zu­rück­fal­len. Und das sind heu­te schon oft die ärms­ten Län­der. Afri­ka ist hier über­haupt dis­pro­por­tio­nal be­trof­fen. Es ist für vier Pro­zent der glo­ba­len CO2E­mis­sio­nen ver­ant­wort­lich, lei­det aber stark un­ter Na­tur­ka­ta­stro­phen und Dür­ren. Das Glei­che gilt für ar­me Län­der in der Ka­ri­bik oder im Pa­zi­fik, die von Wir­bel­stür­men ver­stärkt be­droht sind.

Was kann man in der Sa­hel­zo­ne kon­kret ma­chen? Das ist ja für Eu­ro­pa re­le­vant, weil die dor­ti­ge Ar­mut auch ein Grund für Mi­gra­ti­on Rich­tung Nor­den ist.

Wir ha­ben un­ser Pro­gramm in der Sa­hel­zo­ne stark aus­ge­baut und pla­nen für die nächs­ten drei Jah­re In­ves­ti­tio­nen von fünf bis sechs Mrd. Dol­lar in Ge­sund­heit, Bil­dung, In­fra­struk­tur oder Land­wirt­schaft. Wir ver­su­chen bei­spiels­wei­se, im Agrar­be­reich die Pro­duk­ti­vi­tät zu stär­ken. Et­wa durch Pflan­zen, die Tro­cken­heit bes­ser über­ste­hen kön­nen. Hier ar­bei­ten wir auch stark mit lo­ka­len For­schungs­ein­rich­tun­gen und den Bau­ern vor Ort zu­sam­men.

Die Welt­bank will ihr Bü­ro in Wien ver­dop­peln. Wel­che Rol­le soll Wien in­ner­halb der Or­ga­ni­sa­ti­on künf­tig spie­len?

Wir ha­ben über 130 Ver­tre­tun­gen welt­weit. Und auch Eu­ro­pa ist für uns da­bei wich­tig. Die ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung hat uns da im­mer sehr stark un­ter­stützt. Das Wie­ner Bü­ro ist jetzt das größ­te Of­fice in Eu­ro­pa und soll vor al­lem bei den Ar­bei­ten in Ost­eu­ro­pa, Zen­tral­asi­en und dem Na­hen Os­ten tä­tig sein.

[ Caio Kauffmann]

„Schwe­den brauch­te 50 Jah­re, um die Le­bens­er­war­tung von 45 auf 65 zu stei­gern. Gha­na eben­falls“, so van Trot­sen­burg.

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