War­schau und Mos­kau strei­ten über 2. Welt­krieg

Po­len. Das Par­la­ment in War­schau ver­ab­schie­det ei­ne schar­fe Pro­test­no­te ge­gen die Ge­schichts­ver­dre­hun­gen des Kreml. Prä­si­dent Du­da ent­schied sich ge­gen ei­ne Teil­nah­me am 75. Ju­bi­lä­um der Au­schwitz-Be­frei­ung in Yad Vas­hem.

Die Presse - - AUSLAND -

Der Se­jm hat am Don­ners­tag­abend mit gro­ßer Mehr­heit ei­ne Pro­test­no­te ge­gen rus­si­sche Ge­schichts­ver­dre­hun­gen ver­ab­schie­det. Es geht da­bei um Pu­tins wie­der­hol­te Be­haup­tung, Po­len tra­ge ei­ne Mit­schuld am Zwei­ten Welt­krieg und da­mit in­di­rekt auch am Ho­lo­caust. Die Re­gie­rungs­par­tei „Recht und Ge­rech­tig­keit“(PiS) und die li­be­ra­le und lin­ke Op­po­si­ti­on konn­ten sich auf ei­nen ge­mein­sa­men Text ei­ni­gen. Ein­zig die rechts­ex­tre­me „Kon­fö­de­ra­ti­on“stand zu­min­dest teil­wei­se ab­seits.

Die Ein­mü­tig­keit ist er­staun­lich, denn Po­len be­fin­det sich wie­der mit­ten in ei­nem hef­ti­gen Streit um die „Jus­tiz­re­form“der PiS, die Ge­wal­ten­tei­lung und Un­ab­hän­gig­keit der Ge­richts­bar­keit ge­fähr­det.

In dem Text ist von „pro­vo­zie­ren­den und un­wah­ren“Äu­ße­run­gen rus­si­scher Spit­zen­po­li­ti­ker die Re­de, „die Po­len die Ver­ant­wor­tung für den Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs“zu­schie­ben wür­den.

Russ­land wird an den „schänd­li­chen“Rib­ben­trop-Molotow-Pakt er­in­nert. Wei­ter heißt es, ers­tes Op­fer bei­der to­ta­li­tä­rer Staa­ten (Deutsch­land und So­wjet­uni­on) sei­en Po­len und die ost­mit­tel­eu­ro­päi­schen Staa­ten ge­we­sen.

An­lass für den Auf­ruhr an der Weich­sel sind wie­der­hol­te Äu­ße­run­gen des rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin, wo­nach Po­len – im Ge­gen­satz zur UdSSR – ei­ne Mit­schuld am Zwei­ten Welt­krieg tra­ge. In sei­ner Jah­res­pres­se­kon­fe­renz am 19. De­zem­ber et­wa hat­te Pu­tin be­haup­tet, die So­wjet­uni­on sei nicht mit­ver­ant­wort­lich für den Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs, wohl aber Po­len.

So ha­be die So­wjet­uni­on lang nach Po­len ei­nen Nicht­an­griffs­pakt mit dem Drit­ten Reich ab­ge­schlos­sen, näm­lich als letz­tes Land 1939, wäh­rend Po­len dies be­reits 1934 ge­tan ha­be. Die UdSSR sei im Herbst 1939 nur in Po­len ein­mar­schiert, um das ei­ge­ne Land zu ver­tei­di­gen. In Wirk­lich­keit war es so, dass der

Rib­ben­trop-Molotow-Pakt (Hit­ler­S­ta­lin-Pakt) vom Au­gust 1939, Hit­ler erst den Rü­cken frei­hielt und den Über­fall auf Po­len am 1. Sep­tem­ber 1939 er­mög­lich­te. Hit­ler und Sta­lin hat­ten be­reits die Tei­lungs­li­nie Po­lens und des Bal­ti­kums ver­ein­bart, als die Ro­te Ar­mee am 17. Sep­tem­ber Po­len vom Os­ten her in den Rü­cken fiel.

Po­len be­kam in­zwi­schen Rü­cken­de­ckung aus dem Wes­ten. „Lie­ber Prä­si­dent Pu­tin, Hit­ler und Sta­lin ver­ab­re­de­ten sich, den Zwei­ten Welt­krieg zu be­gin­nen. Das ist ei­ne Tat­sa­che. Po­len war Op­fer die­ses ent­setz­li­chen Kon­flikts“, so Geor­get­te Mos­ba­cher, US-Bot­schaf­te­rin in War­schau.

Pu­tin aber ging noch ei­nen Schritt wei­ter und nann­te Po­lens Bot­schaf­ter in Ber­lin von 1933 bis 1939, Jo­zef´ Lip­ski, ei­nen „Dreck­sack, ein an­ti­se­mi­ti­sches Schwein“. Dar­auf­hin be­stell­te das pol­ni­sche Au­ßen­amt den rus­si­schen Bot­schaf­ter ein. Für War­schau war das Maß voll. Prä­si­dent An­drzej Du­da sag­te sei­ne Teil­nah­me am 5. Welt-Ho­lo­caust-Fo­rum in Yad Vas­hem ab. Vor­an­ge­gan­gen wa­ren pol­ni­sche Ver­su­che in Je­ru­sa­lem, ein Re­de­recht di­rekt vor oder nach Pu­tin zu er­zwin­gen. Das wur­de nicht ge­währt.

Das Welt-Ho­lo­caust-Fo­rum wird von ei­nem Pu­tin-na­hen Olig­ar­chen fi­nan­ziert und mit­or­ga­ni­siert. Zum heu­ri­gen 75. Jah­res­tag der Au­schwitz-Be­frei­ung durch die Ro­te Ar­mee sol­len ne­ben Pu­tin auch Frank­reichs Em­ma­nu­el Ma­cron und Deutsch­lands Fran­kWal­ter St­ein­mei­er das Wort er­grei­fen. Dass Po­len, des­sen Bür­ger im­mer­hin 40 Pro­zent der Op­fer im KZ Au­schwitz aus­mach­ten, von der Re­de­mög­lich­keit am Welt-Ho­lo­caust-Fo­rum aus­ge­schlos­sen wer­den soll, wird in War­schau als Af­front emp­fun­den.

Nach ei­nem Re­gie­rungs­wech­sel in War­schau wür­den die Li­be­ra­len wie­der da­für sor­gen, dass die pol­ni­sche Di­plo­ma­tie ef­fek­tiv für pol­ni­sche Rech­te ein­tre­te, warb die li­be­ra­le Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Mal­gorz­a­ta Ki­da­wa-Blon´ska.

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