Tür­kis-grü­nes Dra­mo­lett? Wen­de neh­men, wie sie ist!

Nach kri­ti­schen Le­ser­brie­fen sieht der Chef­re­dak­teur ei­nen Er­klä­rungs­be­darf. „Die Pres­se“sei we­der eu­pho­risch noch hys­te­risch.

Die Presse - - DEBATTE -

In ner­vö­sen Zei­ten darf oder muss so et­was ge­sagt wer­den, be­son­ders wenn sich die Zei­tung in ei­ner Sams­tag­aus­ga­be weit hin­aus­lehnt und auf der Ti­tel­sei­te ver­kün­det: „Ge­lingt es in Ös­ter­reich, wird ei­ne Ko­ali­ti­on zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Grü­nen auch in an­de­ren Län­dern ge­wagt wer­den“und im Leit­ar­ti­kel ap­pel­liert: „Bit­te eu­ro­päi­scher, öko­lo­gi­scher, leis­tungs­stär­ker! Dan­ke sehr!“(28. 12.) Das ist fast ein Ma­ni­fest im Te­le­gramm­stil.

Ei­ne Wo­che spä­ter ist al­les un­ter Dach. Die tür­kis-grü­ne Re­gie­rung steht, deut­sche Zei­tun­gen möch­ten al­len Erns­tes das neue Mo­dell auf die Bun­des­po­li­tik in Ber­lin über­tra­gen, und „Die Pres­se am Sonn­tag“kon­sta­tiert: „Die­se Zei­tung macht sich mit kei­ner Re­gie­rung ge­mein, auch nicht mit ei­ner gu­ten. Sie ver­hin­dert auch kei­ne Re­gie­rung, son­dern kri­ti­siert und er­mun­tert sie zu Re­for­men. Al­les an­de­re über­las­sen wir Par­tei­en, ih­nen vor­ge­la­ger­ten Me­di­en oder NGOs“(5. 1.).

Als Au­ßen­ste­hen­der mer­ke ich an: So wie vie­le an­de­re Le­ser und Le­se­rin­nen ha­be ich nicht über­se­hen, dass die Zei­tung re­la­tiv früh­zei­tig die Mög­lich­keit ei­ner tür­kis­grü­nen Ko­ali­ti­on er­kann­te und ei­ne sol­che man­gels brauch­ba­rer Al­ter­na­ti­ven als über­le­gens­wert ein­stuf­te. Das ist kein Wi­der­spruch zu obi­ger Fest­stel­lung, son­dern Teil ei­ner in­nen­po­li­tisch not­wen­di­gen Ana­ly­se, die man von je­der Zei­tung er­war­tet. Ich er­gän­ze, dass „Die Pres­se“un­ter ho­hen An­stren­gun­gen und ho­hem re­dak­tio­nel­len Auf­wand ein Po­dest in der ös­ter­rei­chi­schen Me­di­en­welt er­klom­men hat. Wie­so? Sie hält sich fern von Kam­pa­gnen, igno­riert Ak­ti­ons­räu­sche von Don­ners­tags­de­mons­tran­ten und ver­kauft im Ge­gen­satz zu ei­ner Rei­he an­de­rer Me­di­en ei­ge­ne Vor­ur­tei­le nicht als Sach­ar­gu­men­te.

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Das wo­gen­de Auf und Ab bei der Be­set­zung neu­er Re­gie­rungs­pos­ten samt An­hang kann den Über­blick ver­ne­beln. So im Ein­spal­ter „Mel­chi­or, der me­di­en­scheue ÖVP-Ge­ne­ral“(4. 1.). In ihm heißt es: „Als Kurz im Jahr 2017 die ÖVP über­nahm, no­mi­nier­te er (Mel­chi­or, Anm.) die jet­zi­ge Mi­nis­te­rin Eli­sa­beth Kös­tin­ger zu sei­ner Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin.“Wer das liest, wird glau­ben, Kös­tin­ger sei da­mals Mel­chi­ors Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­wor­den, denn Mel­chi­or ist in dem Satz das Sub­jekt. In Wirk­lich­keit müss­te es wohl sinn­ge­mäß hei­ßen: Als Kurz die ÖVP über­nahm, no­mi­nier­te Mel­chi­or Eli­sa­beth Kös­tin­ger zu des­sen Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin. Sie war tat­säch­lich ab Mai 2017 Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der von Kurz ge­führ­ten Par­tei. Jetzt ist Mel­chi­or der Ge­ne­ral. Um­ge

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