Kind­heit im glo­ba­len Me­di­en­rausch

Die me­dia­len Wel­ten von Kin­dern sind heut­zu­ta­ge ge­prägt von ih­rer glo­ba­len Ver­mark­tung. Geo­gra­fi­sche, his­to­ri­sche und kul­tu­rel­le Be­zü­ge ge­hen da­bei ver­lo­ren.

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„Wenn wir das um­fang­rei­che Wa­ren­an­ge­bot für Kin­der in Ein­kaufs­zen­tren oder die Spiel­wa­ren­aus­stat­tung in Kin­der­zim­mern be­ob­ach­ten, wird die kom­mer­zi­el­le Durch­drin­gung der Kin­der­kul­tur of­fen­sicht­lich“, sagt die Me­die­n­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin Ca­ro­li­ne Roth-Eb­ner von der Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt. Sie spricht von me­dia­len Kon­sum­er­leb­nis­wel­ten: „Die­se ver­mit­teln nicht nur ei­ne Sto­ry, son­dern ma­chen sie er­leb­bar.“Ei­ne Pi­lot­for­schung zu „Die Eis­kö­ni­gin“und „Mia and me“am In­sti­tut für Me­di­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft der Uni Kla­gen­furt zeig­te, dass me­dia­le Kon­sum­er­leb­nis­wel­ten durch­aus Po­ten­zia­le für die kind­li­che Iden­ti­täts­ar­beit und für ko­gni­ti­ve so­wie so­zia­le Lern­pro­zes­se ha­ben.

„Me­di­en ma­chen Ori­en­tie­rungs­an­ge­bo­te und bie­ten Raum für die Aus­ein­an­der­set­zung mit den El­tern, mehr aber noch mit der Peer­group, so­wie ei­ne Fo­lie für die Ar­beit an der ei­ge­nen Iden­ti­tät.“Vor al­lem die auf un­ter­schied­li­chen Platt­for­men prä­sen­ten Cha­rak­te­re wür­den zu Leit­fi­gu­ren und So­zia­li­sa­ti­ons­be­glei­tern.

Ein Re­sul­tat die­ser Ent­wick­lung ist ei­ne ver­mehr­te Sam­mel­lei­den­schaft bei Volks­schul­kin­dern. Die­se hat im Ver­gleich zu den 1990er-Jah­ren um 50 Pro­zent zu­ge­nom­men. Stu­di­en des deut­schen Päd­ago­gen Lud­wig Duncker zei­gen, dass be­reits mehr als zwei Drit­tel al­ler Sam­mel­the­men heu­te kom­mer­zi­ell ge­steu­ert sind. „Das Sam­meln von Mer­chan­di­se-Ar­ti­keln, Ma­ga­zi­nen und Bü­chern zu ei­ner Ge­schich­ten­welt ist ein zen­tra­les Mo­tiv für de­ren Kon­sum“, so

Roth-Eb­ner. Durch die Sam­mel­erfah­rung ge­lin­ge es Kin­dern, sich die Welt in ei­nem selbst kon­trol­lier- und über­schau­ba­ren Rah­men ein­zu­ver­lei­ben. Auch das Avan­cie­ren zu Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten ei­ner Ge­schich­ten­welt so­wie die Mög­lich­keit der Selbst­dar­stel­lung ge­gen­über an­de­ren Kin­dern spie­len ei­ne Rol­le: Die An­eig­nung von me­dia­len Kon­sum­er­leb­nis­wel­ten ist ein Ge­mein­schafts­er­leb­nis.

Aus­ge­hend von der ver­schränk­ten Be­zie­hung zwi­schen Me­di­en und Kind­heit un­ter­such­te Roth-Eb­ner, wie das Er­zäh­len von Ge­schich­ten im so­ge­nann­ten Zeit­al­ter der Kon­ver­genz ( sie­he Le­xi­kon) aus­schaut. Ih­re Er­geb­nis­se so­wie me­di­en­ethi­sche Fol­ge­run­gen dar­aus hat sie in dem kürz­lich er­schie­ne­nen Sam­mel­band „Der Mensch im di­gi­ta­len Zeit­al­ter“(Hg.: Michael Litsch­ka und La­ris­sa Krai­ner, Sprin­ger) pu­bli­ziert. „Kin­der schöp­fen aus ei­nem brei­ten Re­per­toire an Me­di­en“, sagt die For­sche­rin. Trotz­dem sind Nut­zungs­zah­len zu den Kleins­ten rar. Die we­ni­gen Stu­di­en da­zu le­gen na­he, dass Fern­se­hen, Hör­spie­le und Bü­cher noch ei­ne grö­ße­re Rol­le als di­gi­ta­le Me­di­en spie­len. Den­noch hat die all­ge­gen­wär­ti­ge Smart­pho­ne- und Ta­blet

Nut­zung der El­tern un­be­strit­ten ei­nen Ein­fluss auf de­ren Kin­der.

Ein Kenn­zei­chen ak­tu­el­ler Kin­der­me­di­en ist ih­re äs­the­ti­sche und in­halt­li­che Gestal­tung, die auf­grund von de­ren in­ter­na­tio­nal an­ge­leg­ter Ver­mark­tung so ge­wählt wur­de, dass die An­ge­bo­te los­ge­löst von kul­tu­rel­len Be­son­der­hei­ten an un­ter­schied­lichs­te Kon­tex­te an­schluss­fä­hig sind. „Vor al­lem fan­ta­sie­vol­le fik­ti­ve Ge­schich­ten­wel­ten, die un­ab­hän­gig von geo­gra­fi­schen oder his­to­ri­schen Be­zü­gen er­zählt wer­den kön­nen, eig­nen sich zur glo­ba­len Ver­mark­tung.“Die In­hal­te die­ser Se­ri­en, Fil­me und Bü­cher fran­sen an ih­ren Rän­dern aus und ver­we­ben sich zu hoch­kom­ple­xen Ge­schich­ten. Die­se wer­den bau­stein­haft über un­ter­schied­li­che Ka­nä­le – an­ge­fan­gen von Fern­se­hen über In­ter­net, Apps bis hin zu Ma­ga­zi­nen – er­zählt.

In der Hoff­nung, Pro­duk­te leich­ter zu ver­kau­fen, wer­den me­dia­le For­ma­te für Kin­der mehr denn je ent­lang tra­di­tio­nel­ler Ge­schlechter­kli­schees seg­men­tiert. „An­ge­bo­te für Bur­schen sind ten­den­zi­ell mit Ak­ti­vi­tät und Ra­tio­na­li­tät ver­bun­den, je­ne für Mäd­chen mit Be­zie­hun­gen und Emo­tio­nen, wo­bei dem Aus­se­hen von weib­li­chen Fi­gu­ren be­son­de­re Auf­merk­sam­keit zu­kommt“, kri­ti­siert Roth-Eb­ner. „Sie wer­den häu­fig se­xua­li­siert bzw. hy­per­se­xua­li­siert ge­zeigt, mit un­na­tür­li­chen Kör­per­pro­por­tio­nen ein­schließ­lich We­spen­tail­le.“

Die­se Kör­per­nor­men blei­ben un­an­ge­tas­tet, auch wenn in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit ein Trend zu star­ken weib­li­chen Fi­gu­ren und „Girl Po­wer“herrscht. Männ­li­che Fi­gu­ren wer­den hin­ge­gen un­rea­lis­tisch mas­ku­lin, we­sent­lich grö­ßer als Frau­en­cha­rak­te­re und mit über­brei­ten Schul­tern dar­ge­stellt. Die Mer­chan­di­sing- und Spie­le-In­dus­trie nimmt ei­ne zen­tra­le Rol­le bei der Fort­set­zung der Ge­schlech­ters­te­reo­ty­pe ein, sagt Roth-Eb­ner.

Zu­dem wür­den auf Pro­duk­ti­ons­sei­te ma­ni­pu­la­ti­ve Mar­ke­ting­tech­ni­ken ver­wen­det, der Ent­wick­lungs­stand der Kin­der nicht ent­spre­chend be­rück­sich­tigt und kind­li­che Fan­ta­sie und Neu­gier­de zu­guns­ten von Pro­fit aus­ge­beu­tet. Ei­ne wei­te­re Pro­ble­ma­tik die­ser Me­die­n­er­leb­nis­wel­ten ist das Kom­pe­tenz­ge­fäl­le auf­sei­ten des Pu­bli­kums. „In ge­rin­ger ge­bil­de­ten So­zi­al­mi­lieus zei­gen sich eher pro­ble­ma­ti­sche Me­di­en­nut­zungs­mus­ter, eher kon­sum­ori­en­tier­te und ri­si­ko­rei­che Vor­lie­ben“, so die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin. Sie stellt je­doch klar: „Me­dia­le Kon­sum­er­leb­nis­wel­ten stel­len kein iso­lier­tes Phä­no­men der Kom­mer­zia­li­sie­rung dar, son­dern sind le­dig­lich ei­ne Kon­se­quenz der Kon­sum­ge­sell­schaft und Öko­no­mi­sie­rung sämt­li­cher Le­bens­be­rei­che.“Die Fra­ge der Ver­ant­wor­tung et­wa für die öko­no­mi­schen Wer­te des Kon­sums, die sol­che Pro­duk­tio­nen ver­mit­teln, ist so­mit schwer zu be­ant­wor­ten. Die Kla­gen­fur­ter For­sche­rin un­ter­streicht des­halb die For­de­rung, Me­die­nethik struk­tu­rell auf al­len Ebe­nen – in der Po­li­tik und in den Un­ter­neh­men – zu im­ple­men­tie­ren.

Den El­tern kön­ne die in­di­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung für die Me­di­en­nut­zung ih­rer Kin­der letzt­lich nicht ab­ge­nom­men wer­den. Ne­ben dem Hin­ter­fra­gen von Gesch­lech­ter­rol­len geht es da­bei auch um die Ver­mitt­lung von Wer­be­kom­pe­tenz, et­wa um re­dak­tio­nel­le von wer­ben­den In­hal­ten zu un­ter­schei­den so­wie de­ren täu­schen­de Ab­sicht zu er­ken­nen. Weil aber eben be­kannt sei, dass dies vie­le El­tern nicht leis­ten kön­nen, müs­sen „Kin­der in Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen stär­ker hin­sicht­lich ih­rer Me­di­en­kom­pe­ten­zen ge­för­dert wer­den“, sagt Roth-Eb­ner und spielt da­mit den Ball wei­ter.

[ A. Wat­son / pic­tu­re­desk.com]

Schon für klei­ne Kin­der hal­ten me­dia­le Er­leb­nis­wel­ten wie „Fro­zen“ein enor­mes kom­mer­zi­el­les An­ge­bot be­reit.

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