All die­ses Hin und Her

Die Presse - - SPECTRUM -

Fährt man von der Stadt Fi­scha­mend in Rich­tung Sü­den, kommt man bald in den Ort Klein-Neusiedl. Gleich fällt hin­ter den eben­er­di­gen, höchs­tens ein­stö­cki­gen Häu­sern an der meist lee­ren Dorf­stra­ße ein et­was düs­te­rer, ge­wal­tig auf­ra­gen­der Ge­bäu­de­kom­plex auf, der sich mit sei­ner Im­po­sanz so gar nicht in die dörf­li­che Küm­mer­lich­keit fügt. Das Haupt­ge­bäu­de, um das her­um sich an­de­re noch grup­pie­ren, gleicht mit sei­nem rie­si­gen Dach et­wa ei­nem ba­ro­cken Opern­haus, ei­nem Schloss: voll­kom­men de­so­lat al­les, wie ei­ne nä­he­re Be­sich­ti­gung er­gibt. Im Werks­ka­nal strömt Was­ser auf ei­ne Kraft­sta­ti­on zu – das Ein­zi­ge, was hier noch in Be­trieb ist. In ei­nem der Ne­ben­ge­bäu­de hat sich al­ler­dings ein An­ti­qui­tä­ten­markt ein­ge­rich­tet, ei­ne Psy­cho­lo­gin or­di­niert in ei­nem wei­ter hin­ten lie­gen­den Häu­schen, in dem vi­el­leicht ein­mal der Schleu­sen­meis­ter wirk­te.

Neusiedl liegt im so­ge­nann­ten In­dus­trie­vier­tel, fällt mir spä­ter ein; noch spä­ter le­se ich bei Wi­ki, dass das im­po­san­te Ge­bäu­de einst ei­ne be­rühm­te Pa­pier­fa­brik war, ge­grün­det 1793. Und noch spä­ter er­in­ne­re ich mich, dass in mei­ner Kind­heit und Ju­gend Neu­sied­ler Pa­pier ein Be­griff war – den ich frei­lich da­mals mit dem Dorf im Os­ten von Wi­en nicht in Be­zie­hung ge­setzt hät­te.

Ein paar Ki­lo­me­ter hin­ter Neusiedl kommt man nach Sankt Mar­ga­re­then im Moos, hin­ter des­sen Weich­bild, wenn man so sa­gen kann, die rie­si­gen Stahl­tanks ei­ner Bio­gas­an­la­ge her­vor­blit­zen. Am Ein­gang zur Ort­schaft er­streckt sich ei­ne Welt aus Glas­häu­sern, in der, wie man ei­ner Auf­schrift ent­neh­men kann, To­ma­ten ge­zo­gen wer­den.

Im Zen­trum des Dor­fes steht ein Schloss, einst­mals ein Wehr­bau, von ei­nem Was­ser­gra­ben um­ge­ben, heu­te ein Bau­ju­wel, wie man sagt, von ei­nem herr­schaft­li­chen Park um­ge­ben – für Hoch­zei­ten und Ähn­li­ches ist die gan­ze Pracht auch zu mie­ten. Für Hoch­zei­ten ge­ra­de­zu ide­al steht die Kir­che gera­de ge­gen­über dem Schloss, ein ro­ma­ni­scher Bau, viel­fach über­ar­bei­tet durch Go­tik, Ba­rock und His­to­ris­mus. Da­ne­ben der stil­rei­ne Kar­ner aus dem 11. Jahr­hun­dert, wo durch ein klei­nes Fens­ter­chen be­sich­tigt wer­den kann, wie all die­ses Hin und Her zu­letzt doch ein­mal en­det: Zu­hauf lie­gen ge­bleich­te Kno­chen wirr und wüst durch­ein­an­der, Mann und Frau, Kind und Ke­gel, Freund und Feind.

In Göt­zen­dorf wie­der, ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter, steht die gro­ße Pols­te­rer-Müh­le, noch im­mer in Be­trieb. Et­was ver­steckt hin­ter ei­nem Fa­b­rik­bau aus der NS-Zeit, nun zum Wohn­haus um­ge­wan­delt, fin­det sich ei­ne wei­te­re Müh­le, de­so­lat und ver­kom­men al­ler­dings. Wie man an Form und Zier­rat des Ge­bäu­des ab­le­sen kann, dürf­te es aus dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert stam­men, hin­ter dem nun tro­cken­ge­leg­ten Mühl­ka­nal ahnt man in der Mit­te ei­nes ver­wil­der­ten Parks um­riss­haft ei­ne Vil­la, einst­mals wohl der stol­ze Wohn­sitz des Müh­len­be­sit­zers, der­zeit nur von Sie­ben­schlä­fern, Mar­dern und ähn­li­chem Ge­tier be­sie­delt.

Die Fahrt führt nun wei­ter nach Man­ners­dorf, das schon von Wei­tem mit ei­nem ge­wal­ti­gen In­dus­trie­bau, ja soll man sa­gen: grüßt? Es ist, wie sich beim Nä­her­kom­men her­aus­stellt, das Ze­ment­werk La­far­ge/Perl­moo­ser, das größ­te Ös­ter­reichs. Auch hier taucht er­in­ner­lich auf, dass der Na­me Perl­moo­ser einst­mals ge­ra­de­zu syn­onym für Ze­ment war. Hin­ter dem im Hin­ter­grund klein­tei­lig sich ent­wi­ckeln­den Ort er­hebt sich das Lei­tha-Ge­bir­ge, mit dem Kalk­stein, aus dem es be­steht, Qu­el­le der Perl­moo­se­rei und wohl auch der re­la­ti­ven Wohl­ha­ben­heit des Or­tes.

Zen­tral fin­det sich denn auch ein mäch­ti­ges Schloss, heu­te Bür­ger­meis­ter­amt und Wohn­haus, einst­mals Sitz ei­ner ge­wis­sen Grä­fin Fuchs, ei­ner Freun­din Ma­ria The­re­si­as. Die zahl­rei­chen St­ein­brü­che, ih­re An­fän­ge ge­hen auf die Rö­mer­zeit zu­rück, sind vom Ort aus kaum wahr­nehm­bar, lie­gen dis­kret im Hin­ter­grund; bloß ei­ne Seil­bahn, die die Haupt­stra­ße kreuzt, macht un­zwei

Ge­bo­ren 1946 in Wi­en. Dr. jur. Frei­er Au­tor und Rei­sen­der. Rau­ri­ser Li­te­ra­tur­preis, Li­te­ra­tur­preis der Stadt Wi­en, Franz-Kaf­kaP­reis, An­ton-Wild­gans-Preis. Pro­sa: u. a. Wer war Ed­gar Al­lan?“Geld“Die Glo

Wie wird das al­les nur wei­ter­ge­hen?

deu­tig auf die Ver­hält­nis­se auf­merk­sam. Er­wäh­nens­wert wä­re et­wa noch ein Ba­de­schloss, heu­te Rui­ne, das sei­ner Er­we­ckung noch harrt. Ther­mal­quel­len war­ten auf neue Er­schlie­ßung.

Be­reits er­schlos­sen hin­ge­gen ist das Are­al ei­nes ehe­ma­li­gen Kar­me­li­ter-Klos­ters, hin­ein­ge­bet­tet in die weit­läu­fi­gen Laub­wäl­der, die die Ab­hän­ge des Ge­bir­ges schmü­cken: Ei­ne ge­wis­se Eleo­no­re von Man­tua, Wit­we nach Fer­di­nand I., hat Kir­che und Klos­ter einst ge­stif­tet. Heu­te ist der mau­er­um­wall­te Klos­ter­grund ein viel­be­such­ter Na­tur­park, vor der Ku­lis­se des zum Teil schon re­no­vier­ten Klos­ter­baus tum­meln sich Kin­der auf den üb­li­chen Spiel­platz­ge­rä­ten, sorg­sam über­wacht von El­tern und Groß­el­tern, so die sich nicht gera­de in ei­nem hier sta­tio­nier­ten Bio-Bau­ern­hof mit Fei­gen­senf, Ro­sen­mar­me­la­de und was an der­lei Spe­zia­li­tä­ten mehr ist, ein­de­cken.

Im­mer am Fuß des Ge­bir­ges ent­lang führt un­ser Weg nun nach Som­mer­ein, das, ab­ge­se­hen von ei­ner Schloss­gas­se und den noch er­kenn­ba­ren Res­ten des na­men­ge­ben­den Ge­bäu­des, we­nig zu bie­ten hat, aber un­über­seh­bar für Häusl­bau­er, Sied­lungs­ge­nos­sen­schaf­ten und Ver­wand­tes of­fen­bar at­trak­tiv ist. Mag sein, dass die idyl­li­sche Kel­ler­gas­se, die sich an der Ein­fahrt zur Ort­schaft ent­lang­zieht, zur rech­ten Zeit ein Ma­gnet für Le­bens­freu­de und Über­mut ist: Jetzt wach­sen bloß ver­ein­zel­te Schnee­glöck­chen auf den buck­li­gen Erd­dä­chern die­ser Kel­ler, Schnee­glöck­chen, die ge­ra­de­zu tep­pich­ar­tig in den Wäl­dern der Mön­che von Man­ners­dorf sich ent­wi­ckelt hat­ten.

Mit Kai­ser­stein­bruch er­rei­chen wir ei­ner­seits nun bur­gen­län­di­schen Bo­den, mit an­de­ren Wor­ten, das Dorf lag zu Zei­ten der Mon­ar­chie be­reits in Un­garn. Im Zwei­ten Welt­krieg be­fand sich hier das größ­te Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Groß­deutsch­lands – mit all den schreck­li­chen Um­stän­den, die al­lein die Kom­bi­na­ti­on der Wor­te Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger und Groß­deutsch­land in uns her­vor­ruft. Er­wähnt muss hier frei­lich sein, dass bei Er­rich­tung die­ses La­gers auf ei­nen aus­tro­fa­schis­ti­schen Vor­läu­fer zu­rück­ge­grif­fen wer­den konn­te, wie der wie­der­um auf ein La­ger aus dem Ers­ten Welt­krieg sich grün­den konn­te. In der Na­zi-Zeit hat­te das La­ger Kai­ser­stein­bruch an die 76.000 In­sas­sen, von de­nen Zehn­tau­sen­de die In­ter­nie­rung nicht über­leb­ten. Die Dör­fer Kai­ser­stein­bruch und Som­mer­ein wa­ren da­mals frei­lich ab­ge­sie­delt, die Be­völ­ke­rung kehr­te erst nach Kriegs­en­de wie­der zu­rück. Ein so­ge­nann­ter La­ger­fried­hof ist al­les, was von die­ser Ein­rich­tung blieb, ins­be­son­de­re da­durch ent­setz­lich, als die meis­ten der in Mas­sen­grä­bern, ja wie soll man sa­gen: ent­sorg­ten To­ten bis heu­te na­men­los ge­blie­ben sind. Auf den di­ver­sen Gr­ab­stei­nen steht bloß: „Rus­sen“, „Ita­lie­ner“und so fort.

Da ist es doch in dem un­weit von Som­mer­ein und Kai­ser­stein­bruch ge­le­ge­nen Markt Traut­manns­dorf et­was ganz an­de­res! von leich­ten Dunst­schlei­ern be­deck­te Ebe­ne hin, die, von Hoch­span­nungs­lei­tun­gen viel­fach durch­zo­gen, von ei­ner Ar­mee von Wind­rä­dern be­setzt, doch im­mer noch ei­ne Ah­nung von Wei­te, Na­tur und Poe­sie im Be­trach­ter auf­stei­gen lässt, Er­in­ne­rung an Land­schafts­ge­mäl­de, wie wir sie et­wa Bel­lot­to ver­dan­ken.

Traut­manns­dorf und das zu­ge­hö­ri­ge Schloss hat nichts, wie man vi­el­leicht an­neh­men möch­te, mit der ade­li­gen Fa­mi­lie Trautt­mans­dorff zu tun, nein, die Fürs­ten Bat­thya­ny´ ha­ben hier einst­mals re­si­diert. Ur­sprüng­lich ei­ne Fes­te, ver­gleich­bar et­wa der in Sankt Mar­ga­re­then, sie trotz­te 1683 so­gar den Tür­ken, ist das Schloss heu­te ein zwei­flü­ge­li­ger, klas­si­zis­ti­scher Bau samt Eh­ren­hof und ei­nem Park, der es weit­läu­fig um­gibt. Hier hat noch kein Re­cy­cling statt­ge­fun­den, das Dach ist löch­rig, die Fens­ter zu­ge­na­gelt. 2014 ha­ben die Bat­ty­a­ny´ das Schloss samt Zu­be­hör ver­kauft, an wen, dar­über schweigt die Chro­nik.

Gleich ge­gen­über von Schloss und zu­ge­hö­ri­ger Kir­che steht der frisch re­no­vier­te Bahn­hof der Traut­manns­dorf in en­gem

Die zum Teil noch er­hal­te­ne Stadt­mau­er kann es nicht sein, auch nicht der üb­li­che, ein­la­dend bun­te, zur vor­über­füh­ren­den Au­to­bahn ge­le­ge­ne Ein­kaufs­park, eher schon vi­el­leicht die mo­der­nen Wohn­sied­lun­gen, die sich aus­grei­fend in die Um­ge­bung der Stadt hin­ein ent­wi­ckelt ha­ben: Nicht weit vom Aus­gangs­punkt un­se­rer Tour liegt der be­rühmt-be­rüch­tig­te Ort Ma­ri­en­thal, er fällt uns jetzt ein, be­rühmt durch den so­zio­lo­gi­schen Trak­tat „Die Ar­beits­lo­sen von Ma­ri­en­thal“von Ma­rie Jaho­da und Paul La­zars­feld, be­rüch­tigt durch das dar­in ge­schil­der­te Elend der Tex­til­ar­bei­ter, die sich An­fang der Drei­ßi­ger­jah­re durch die Schlie­ßung ih­rer Fa­b­rik, dem ein­zi­gen Ar­beit­ge­ber vor Ort, in düs­ters­tes Elend ge­stürzt sa­hen. Wie wird das al­les nur wei­ter­ge­hen, fragt man sich an­ge­sichts des of­fen­sicht­li­chen Pro­spe­rie­rens heu­te, ei­nes Glücks, das wie je­des Glück doch pre­kär und un­ver­läss­lich ist. Lau­nisch wür­de ich in dem Fall nicht ein­mal sa­gen. Die Lau­nen des Mark­tes, zu min­des­tens teil­wei­se sind sie vor­her­seh­bar.

Ein paar Ki­lo­me­ter jen­seits der Au­to­bahn liegt Höf­lein, ein Wein­bau­ern­dorf, das ei­gent­lich nicht mehr so recht in den Rayon ge­hört, auf den wir un­se­re Be­trach­tung hier ab­ge­stellt ha­ben. Wir er­wäh­nen das Dorf auch nicht we­gen sei­ner Kel­ler­gas­sen, we­gen sei­ner Ba­rock­kir­che, we­gen des rö­mi­schen Ka­s­tells, das an­stel­le der Kir­che einst den Dorf­hü­gel krön­te: Au­büh­len heißt der ab­ge­le­ge­ne, ein­sa­me Ort, ei­ne Sen­ke, die sich vom Dorf weg ge­gen Nor­den öff­net, und wo­hin es uns zieht: Dort fin­den sich die Fun­da­men­te ei­ner rö­mi­schen Vil­la, aus­ge­gra­ben und prä­pa­riert im Rah­men ei­nes Archäo­lo­gie-Pro­jek­tes, von der aus man sei­ner­zeit be­quem zur viel be­fah­re­nen ge­wiss

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