Wie man fürs Le­ben lernt

Ge­hirn­for­schung. Ob Schü­ler, Stu­dent oder un­er­müd­lich Ler­nen­der: Sich et­was mer­ken zu müs­sen, ist Schwer­ar­beit für den Kopf. Er muss den Stoff nicht nur ver­an­kern, auch wie­der fin­den.

Die Presse - - MANAGEMENT & KARRIERE -

Land­läu­fig heißt es, vi­su­el­le Lern­ty­pen soll­ten sich ei­nen Stoff op­tisch auf­be­rei­ten. Au­di­tive Ty­pen müs­sen ihn hö­ren, hap­ti­sche hand­schrift­lich zu­sam­men­fas­sen und kom­mu­ni­ka­ti­ve dar­über re­den.

Stimmt nicht, sagt die Ge­hirn­for­schung. Wer nur nach sei­nem Typ lernt, ver­sagt zwangs­läu­fig, wenn Stoff in ei­nem an­de­ren For­mat da­her­kommt. Er ha­be „ver­lernt“, ihn zu ver­ar­bei­ten.

Die Lö­sung lau­tet, so vie­le Sin­ne wie mög­lich an­zu­spre­chen. Bei Vo­ka­beln et­wa sich das Schrift­bild ein­prä­gen, sie hö­ren und nach­spre­chen. Das adres­siert un­ter­schied­li­che Area­le im Ge­hirn, die In­fos flie­ßen im Hip­po­cam­pus wie­der zu­sam­men, er ver­ar­bei­tet sie und trans­fe­riert sie vom Kurzin den Lang­zeitspei­cher. Die Kunst be­steht nun dar­in, fri­sches Wis­sen ei­ner­seits gut zu ver­an­kern, an­de­rer­seits stets griff­be­reit zu hal­ten.

Rich­tig Ler­nen braucht zu­al­ler­erst Kon­zen­tra­ti­on und Fo­kus­sie­rung. Das Fol­gen­de wer­den vie­le gar nicht gern le­sen: Das Han­dy muss au­ßer Sicht- und Hör­wei­te. Es lenkt nur ab. Ab­wechs­lung hin­ge­gen ist will­kom­men. Wer heu­te am So­fa und mor­gen am Schreib­tisch lernt, spei­chert mit dem Stoff auch die­se räum­li­chen An­knüpf­punk­te ab. Über die kann er in der Prü­fungs­si­tua­ti­on ei­ne As­so­zia­ti­ons­ket­te le­gen.

Die ist auch im Klei­nen hilf­reich: Wer ver­ges­sen hat, was er aus der Kü­che ho­len woll­te, muss nur zu­rück ins Wohn­zim­mer – dort fällt es ihm wie­der ein.

Der Fron­tal­lap­pen als Hirn­re­gis­seur und der Hip­po­cam­pus als Ge­dächt­nis­meis­ter mö­gen Struk­tur – Zu­sam­men­fas­sun­gen, Lis­ten,

Gra­fi­ken. Muss man sich durch ein Buch bei­ßen, be­ginnt man am bes­ten mit dem In­halts­ver­zeich­nis. Die­ser Rah­men ist die ers­te Merk­spur; er wird spä­ter mit dem In­halt be­füllt. Die Re­gel lau­tet: Zehn Mi­nu­ten le­sen, dann re­ka­pi­tu­lie­ren und al­le hal­ben St­un­den ei­ne Pau­se. Oder ei­nen Zwi­schen­test.

Leh­rer und Pro­fes­so­ren lie­ben re­gel­mä­ßi­ge Lern­fort­schritts­kon­trol­len. Was zwei­schnei­dig ist: Nütz­lich, weil man sich er­neut mit dem Stoff be­schäf­tigt und die Spu­ren in der Groß­hirn­rin­de ver­tieft. Kon­tra­pro­duk­tiv, weil die Men­ge an Fä­chern und die Flut an Tests be­las­ten­de Stres­so­ren sind. Lern­for­scher be­to­nen zwar, dass Tests die Mer­kra­ten um 30 Pro­zent stei­gern und den Stoff so­mit gut fes­ti­gen. Vor al­lem am An­fang aber, wenn im Ge­hirn noch kein Be­zug zu Be­kann­tem her­ge­stellt wer­den kann, soll­ten Tests kei­nes­falls zur Leis­tungs­mes­sung her­an­ge­zo­gen wer­den. Aus Eus­tress wird ganz schnell Dis­t­ress.

Ganz klar: Das Buch ge­winnt. Es ist hap­tisch, es hat Ge­wicht und Ober­flä­chen­struk­tur, ist mal leicht, mal schwer. Man kann vor- und zu­rück­blät­tern, er­in­nert sich an das Bild der Sei­ten und ob sie im Buch eher vorn oder hin­ten wa­ren.

So viel ganz­heit­li­ches Er­fas­sen gräbt As­so­zia­ti­ons­spu­ren im Ge­hirn, wie sie kein Bild­schirm bie­ten kann. Ge­ne­rell ist Le­sen je­der Art Jog­ging für das Ge­hirn. Ei­nen Satz von An­fang bis En­de im Ar­beits­spei­cher zu be­hal­ten, trai­niert au­ßer­dem An­ti­zi­pie­ren und Ver­voll­stän­di­gen.

Bleibt noch ein The­ma: War­um will man den Stoff ei­gent­lich ler­nen? Sich die An­stren­gung an­zu­tun, braucht ei­nen gu­ten Grund, ein Mo­tiv. Die Angst vor der Prü­fung ge­nügt nicht. Bes­ser ist die Vor­freu­de auf das Ge­fühl da­nach. Wer sich schwer­tut, ein sol­ches Ziel zu fin­den, mö­ge sich nur vor­stel­len, vor Freun­den ei­ne flam­men­de Lob­re­de auf den Stoff zu hal­ten. Selbst wenn die Be­geis­te­rung ge­flun­kert ist: Sie springt über.

[ Get­ty ]

Wer sich Ge­le­se­nes auch mer­ken will, bleibt bes­ser beim ge­druck­ten Buch. Es ist di­gi­ta­len Tools über­le­gen.

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