Ver­ge­wal­ti­gung? Wann Me­di­en dis­kret blei­ben müs­sen

Iden­ti­täts­schutz. Me­di­en­ge­setz ver­langt in Kri­mi­nal­be­richt­er­stat­tung schwie­ri­ge Ab­wä­gun­gen, auch bei Pro­mis.

Die Presse - - RECHTSPANO­RAMA -

Ver­ge­wal­ti­gung: Die­ses Wort stand vo­ri­ge Wo­che in den Über­schrif­ten et­li­cher hei­mi­scher Me­di­en, mal mit ei­nem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen, mal durch die zwei wei­te­ren Sil­ben „svor­wurf“er­gänzt. Und dann stand da noch ein Na­me. Der Na­me des­je­ni­gen näm­lich, ge­gen den der Vor­wurf er­ho­ben wor­den ist. Im­mer­hin han­delt es sich um ei­nen Fuß­bal­ler aus dem Na­tio­nal­team, was die Ge­schich­te erst ei­gent­lich zur Ge­schich­te macht. Aber darf sein Na­me über­haupt in die­sem Zu­sam­men­hang ge­nannt, sein Bild ge­zeigt wer­den?

Das Ge­setz be­kennt sich bei Be­rich­ten über Ver­däch­ti­ge, Tä­ter und Op­fer von Straf­ta­ten zum „Schutz vor Be­kannt­ga­be in be­son­de­ren Fäl­len“. Der ist aber weit ge­fasst und wird von den Ge­rich­ten eher um­ge­kehrt als ge­ne­rel­ler Schutz der An­ony­mi­tät ver­stan­den, der nur in be­son­de­ren Fäl­len durch­bro­chen wer­den darf. Hin­ter­grund: Ab­ge­se­hen vom selbst­ver­ständ­li­chen Op­fer­schutz sol­len Tä­ter oder gar nur Ver­däch­ti­ge vom Straf­rich­ter ver- und be­ur­teilt wer­den, nicht aber an den mit­un­ter rui­nö­sen Me­di­en­pran­ger ge­stellt wer­den.

Das Ge­setz ver­langt ei­ne Ab­wä­gung zwi­schen dem Schutz des In­di­vi­du­ums und dem In­for­ma­ti­ons­in­ter­es­se der All­ge­mein­heit. Ver­schie­de­ne Kri­te­ri­en müs­sen be­rück­sich­tigt wer­den: Gibt es vor­erst nur ei­nen Vor­wurf, wird be­reits er­mit­telt, wie weit sind die Er­mitt­lun­gen ge­die­hen, klagt die Staats­an­walt­schaft schon an? Wie schwer ist das De­likt: Ist es ein Ver­ge­hen oder ein Ver­bre­chen (mit mehr als drei Jah­ren Ge­fäng­nis be­droht)? Ist der Ver­däch­ti­ge ju­gend­lich oder er­wach­sen? Wird sein „Fort­kom­men“un­ver­hält­nis­mä­ßig be­ein­träch­tigt? Und, gleich­sam über all dem schwe­bend: Be­steht we­gen der Stel­lung der Per­son „in der Öf­fent­lich­keit oder we­gen ei­nes sons­ti­gen Zu­sam­men­hangs mit dem öf­fent­li­chen Le­ben oder aus an­de­ren Grün­den ein über­wie­gen­des In­ter­es­se der Öf­fent­lich­keit“, die Iden­ti­tät zu er­fah­ren?

Schwie­rig. Denn wirk­lich ein­fach sind nur die Ex­trem­fäl­le: So wie über ei­nen La­den­dieb­stahl ei­nes 15-Jäh­ri­gen (Ver­ge­hen, ju­gend­lich) prak­tisch nie un­ter Na­mens­nen­nung be­rich­tet wer­den darf, könn­te ein Pro­mi­nen­ter, der we­gen Mor­des ver­ur­teilt wor­den ist, pro­blem­los na­ment­lich ge­nannt und im Bild ge­zeigt wer­den. Ir­gend­wo da­zwi­schen liegt der ein­gangs er­wähn­te Fall des ÖFB-Spie­lers: Er ist, un­ter Fuß­ball­fans, be­kannt, er ist er­wach­sen, vor­ge­wor­fen wird ihm ein Ver­bre­chen. Aber: Die be­haup­te­te Tat bei ei­ner pri­va­ten Fei­er stand in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der öf­fent­lich be­ach­te­ten Tä­tig­keit des Ki­ckers. Und es gibt zur­zeit nicht mehr als die Aus­sa­ge des mut­maß­li­chen Op­fers und die Re­ak­ti­on ei­nes An­walts, wo­nach der Fuß­bal­ler den Vor­wurf ent­schie­den zu­rück­wei­se. Dass die Staats­an­walt­schaft er­mit­telt, sagt in der frü­hen Pha­se ei­ne Wo­che nach dem Vor­fall gar nichts; sie muss es tun, wenn die An­ga­ben auch nur ein Mi­ni­mum an Plau­si­bi­li­tät ha­ben. („Die Pres­se“hat den Na­men des­halb bis­her nicht ge­nannt.) Ein auf­se­hen­er­re­gen­der Fall aus jün­ge­rer Zeit zeigt aber, dass auch ein rechts­kräf­ti­ges Ur­teil nicht un­be­dingt ei­ne Preis­ga­be der Iden­ti­tät recht­fer­tigt: In dem un­ter dem Schlag­wort Wör­t­her­see­un­fall be­kannt ge­wor­de­nen Kri­mi­nal­fall, der mit der Ver­ur­tei­lung ei­nes be­kann­ten Ma­na­gers we­gen grob fahr­läs­si­ger Tö­tung en­de­te, üb­ten sich die Me­di­en von An­fang bis En­de in Dis­kre­ti­on: Es fehl­te ein Zu­sam­men­hang mit dem öf­fent­li­chen Le­ben, und es ging (ge­ra­de noch) um ein Ver­ge­hen. Der Kon­nex zur Öf­fent­lich­keit be­rei­tet aber selbst den Ge­rich­ten mit­un­ter Schwie­rig­kei­ten: Im Fall je­nes stei­ri­schen Lan­d­arz­tes (und Bru­ders ei­nes ÖVP-Po­li­ti­kers), der im zwei­ten Pro­zess in ers­ter In­stanz we­gen Quä­lens sei­ner Kin­der ver­ur­teilt wur­de, sah das Ober­lan­des­ge­richt Wi­en kei­nen Zu­sam­men­hang mit dem öf­fent­li­chen Le­ben und ver­bot die Na­mens­nen­nung. Der Obers­te Ge­richts­hof er­laub­te hin­ge­gen die iden­ti­fi­zie­ren­de Be­richt­er­stat­tung über den Pro­zess: Die vor­ge­wor­fe­nen Hand­lun­gen sei­en gra­vie­ren­der Na­tur ge­we­sen, hät­ten sich ge­gen be­son­ders schutz­be­dürf­ti­ge Per­so­nen ge­rich­tet, ei­ne War­nung der Öf­fent­lich­keit vor die­sem Arzt sei „je­den­falls ge­recht­fer­tigt“ge­we­sen (15 Os 86/18p).

Ja. Wenn ein Be­trof­fe­ner sich (selbst oder durch ei­nen An­walt) an die Öf­fent­lich­keit wen­det, um sei­ne Sicht der Din­ge dar­zu­stel­len, wil­ligt er da­mit in sei­ne Iden­ti­fi­zie­rung ein. Das gilt aber nicht schon für Aus­sa­gen wie: „Ich wei­se die Vor­wür­fe zu­rück.“

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