Ku­mu­la­ti­ons­prin­zip kommt vor VfGH: Straf­dro­hun­gen für Pra­xis zu un­klar?

Lohn­dum­ping. Ver­wal­tungs­ge­richt Stei­er­mark ruft noch­mals die Höchst­ge­rich­te an.

Die Presse - - RECHTSPANO­RAMA -

Die tür­kis-grü­ne Ko­ali­ti­on könn­te mit ei­nem der vie­len Vor­ha­ben im Re­gie­rungs­pro­gramm bald un­ter Zeit­druck kom­men. Es geht um die Re­form des um­strit­te­nen Ku­mu­la­ti­ons­prin­zips im Ver­wal­tungs­straf­recht, die von den Ko­ali­ti­ons­par­tei­en auf Sei­te 14 ih­res Pro­gramms für den Zei­t­raum bis 2024 an­ge­kün­digt wur­de. Das Lan­des­ver­wal­tungs­ge­richt Stei­er­mark, das durch die er­folg­rei­che Ein­schal­tung des EU-Ge­richts­hofs das Prin­zip be­reits sturm­reif ge­schos­sen hat, will aber jetzt kon­kre­te Ta­ten se­hen.

Nach dem Ku­mu­la­ti­ons­prin­zip sind bei Ver­stö­ßen ge­gen das Ver­wal­tungs­straf­recht Stra­fen in so gro­ßer Zahl zu ver­hän­gen, wie der be­tref­fen­de Tat­be­stand ver­wirk­licht wur­de. Das kann zu ab­sur­den Fol­gen füh­ren, wie der im Vor­jahr vom EuGH ent­schie­de­ne Fall Mak­si­mo­vic (C-64/18) ge­zeigt hat: Vier Ma­na­ger von An­dritz wur­den zu Geld­stra­fen von ins­ge­samt 20 Mil­lio­nen Eu­ro ver­ur­teilt – und, soll­ten sie nicht zah­len, zu mehr als neun Jah­ren Er­satz­frei­heits­stra­fe.

Da­bei hat­ten sie bloß For­mal­feh­ler bei der Be­schäf­ti­gung von 200 Aus­län­dern zu ver­ant­wor­ten: Die­se wa­ren bei Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten an ei­ner Kes­sel­an­la­ge ein­ge­setzt wor­den, oh­ne dass die zu­ge­hö­ri­gen Lohn­un­ter­la­gen an Ort und Stel­le be­reit­ge­hal­ten wor­den wä­ren (da­mit die Be­hör­den ein all­fäl­li­ges Lohn­dum­ping ab­stel­len kön­nen). Statt die Mil­lio­nen­stra­fen ge­gen die Ma­na­ger zu be­stä­ti­gen, rief das Ver­wal­tungs­ge­richt den EuGH an, der prompt die ex­or­bi­tan­ten Straf­dro­hun­gen als EU-wid­rig er­kann­te. Der Fall be­traf das frü­he­re Ar­beits­ver­trags­recht-An­pas­sungs­ge­setz; im De­zem­ber ent­schied der EuGH er­war­tungs­ge­mäß, dass auch das nach­fol­gen­de Lohn- und So­zi­al­dum­ping-Be­kämp­fungs­ge­setz die Di­enst­leis­tungs­frei­heit ver­letzt: Stra­fen oh­ne Ober­gren­ze, die mit der Schwe­re des De­likts nicht im Ein­klang stün­den, sei­en un­ver­hält­nis­mä­ßig, so der EuGH.

Mitt­ler­wei­le hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die­se Ju­di­ka­tur auf­ge­grif­fen und ent­schie­den: Wenn Lohn­un­ter­la­gen feh­len, darf, auch wenn meh­re­re Ar­beit­neh­mer be­trof­fen sind, nur ei­ne ein­zi­ge Stra­fe bis zum ge­setz­li­chen Höchst­maß, oh­ne Min­dest­stra­fe und oh­ne Er­satz­haft ver­hängt wer­den (Ra 2019/11/0033-0034). Auch der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof hat re­agiert: Er hat ei­ne ver­gleichs­wei­se harm­lo­se Stra­fe von knapp 27.000 Eu­ro auf­ge­ho­ben. Weil der EuGH ja die Straf­be­stim­mun­gen als teil­wei­se un­an­wend­bar er­kannt hat, sei auch die­se Sank­ti­on ein „ge­setz­lo­ser“Ein­griff ins Ei­gen­tums­recht. Im Üb­ri­gen aber ver­wies der Ver­fas­sungs- auf den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof.

Für das Ver­wal­tungs­ge­richt Stei­er­mark – und die Be­hör­den an der Ar­beits­markt­front – ist jetzt aber gar nichts mehr klar: Gilt jetzt et­wa nur noch das Ver­bot und gar kei­ne Straf­dro­hung? Es gibt Ver­wal­tungs­ge­rich­te an­de­rer Bun­des­län­der, die Straf­ver­fah­ren die­ser Art be­reits rund­weg ein­stel­len. Das stei­ri­sche Ge­richt will jetzt Klar­heit ha­ben: Weil es das Be­stimmt­heits­ge­bot des Le­ga­li­täts­prin­zips ver­letzt sieht, will es den VfGH an­ru­fen, um die Straf­be­stim­mun­gen über­haupt zu Fall zu brin­gen. Das wür­de den Ge­setz­ge­ber dann wohl zum Han­deln bin­nen ei­ner be­stimm­ten Frist zwin­gen. Au­ßer­dem will das Ge­richt den EuGH fra­gen, ob die hei­mi­schen Höchst­ge­rich­te uni­ons­rechts­kon­form ent­schie­den ha­ben.

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