Die Tür zur Kul­tur ist ge­öff­net, aber der Durch­gang blo­ckiert

Mehr und mehr Klas­sik-Er­eig­nis­se kann man sich durch Strea­m­ing-An­ge­bo­te ins Wohn­zim­mer ho­len. Aber das ist erst der An­fang. „Das Pu­bli­kum soll­te idea­ler­wei­se al­les se­hen kön­nen, um sich selbst ein Ur­teil zu bil­den.“

Die Presse - - FEUILLETON -

Die Din­ge sind völ­lig un­aus­ge­reift. In ge­wis­ser Hin­sicht funk­tio­nie­ren sie al­ler­dings schon sehr, sehr gut: Die Tech­nik ist so weit, dass sie uns Opern­auf­füh­run­gen und sym­pho­ni­sche Kon­zer­te via Li­vestream ins Haus lie­fern kann – wer über ei­ne ent­spre­chen­de Ge­rät­schaft ver­fügt, um Vi­deo-Emp­fang mit hoch­ka­rä­ti­ger Ton­wie­der­ga­be zu kop­peln, der kann sich die Ber­li­ner Phil­har­mo­nie, die Wie­ner Staats­oper oder – wie am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de – das Wie­ner Kon­zert­haus ins Wohn­zim­mer ho­len.

Ber­lins Phil­har­mo­ni­ker und un­se­re Staats­oper ha­ben da­für per­fek­te Lö­sun­gen ge­fun­den und sind im­stan­de, ih­re Pro­duk­tio­nen in HD-Qua­li­tät ins Netz zu stel­len. Die Ber­li­ner he­ben es so­gar ge­schafft, dank groß­zü­gi­ger pri­va­ter und staat­li­cher Un­ter­stüt­zung ihr Vi­deo-Archiv auf Dau­er on­line zur Ver­fü­gung zu hal­ten.

Da­mit sind wir in ein neu­es Zeit­al­ter der Ver­sor­gung mit hoch­wer­ti­gen Klas­sik-In­hal­ten ein­ge­tre­ten. Frei­lich, jetzt kom­men wir zur Un­aus­ge­reift­heit, die Trends un­se­rer Epo­che stre­ben in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen. Hier der Hun­ger nach In­for­ma­ti­on und nach Be­reit­stel­lung mög­lichst um­fas­sen­der Ar­chi­ve. Da die im­mer wei­ter an­ge­zo­ge­nen Schrau­ben des Ur­he­ber­rechts, das in die­ser Hin­sicht bald so vie­le Ein­schrän­kun­gen fest­ge­schrie­ben ha­ben wird, dass sich die ge­ra­de ge­öff­ne­ten Ar­chi­ve bald wie­der in Hoch­si­cher­heits­trak­te ver­wan­delt ha­ben wer­den.

Nicht von un­ge­fähr hat der neue Chef von Ö1 jüngst über die Sehn­sucht der Ra­dio­hö­rer nach Ab­hör­mög­lich­kei­ten für wei­ter als sie­ben Ta­ge zu­rück­lie­gen­de Sen­dun­gen re­fe­riert. Man kann ihm bei dies­be­züg­li­chen Vor­stö­ßen nur sehr viel Glück wün­schen.

Zu­griffs­mög­lich­kei­ten, wie sie die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker er­reicht ha­ben, wä­ren für das Rund­funk­ar­chiv so wün­schens­wert wie für die ar­chi­vier­ten Li­vestreams aus un­se­ren Oper­nund Kon­zert­häu­sern. Da­ge­gen ar­bei­tet nicht nur die Ur­he­ber­rechts­lob­by. Auch das me­dia­le Quo­ten­den­ken bremst.

Es kon­fron­tiert uns no­to­risch mit Zu­griffs­zah­len, de­ren Hö­he nichts für oder ge­gen die prin­zi­pi­el­le Not­wen­dig­keit zu sa­gen hat, Hoch­kul­tur so breit wie mög­lich ver­füg­bar zu ma­chen. Eu­ro­päi­sches Selbst­ver­ständ­nis soll­te sich nicht durch Zif­fern und Zah­len recht­fer­ti­gen müs­sen.

Dass et­wa das Neu­jahrs­kon­zert un­ter An­d­ris Nel­sons ei­ne et­was hö­he­re Ein­schalt­quo­te er­reicht hat als je­nes un­ter Chris­ti­an Thiele­mann, sagt zur Sa­che so we­nig aus wie zur be­gründ­ba­ren An­sicht, das Nel­son­sKon­zert sei nicht an­nä­hernd so qua­li­tät­voll ge­we­sen. Die Öf­fent­lich­keit muss bei­de hö­ren und se­hen. Schon um sol­che Dis­kus­sio­nen und da­mit das Kul­tur­be­wusst­sein zu ani­mie­ren.

VON WIL­HELM SINKOVICZ

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