Män­ner, Frau­en, nack­tes Grau­en

Film­mu­se­um. Sex, Skan­dal, Sub­ver­si­on: Mit Mar­co Fer­re­ri und Ca­the­ri­ne Breil­lat wer­den zwei Ki­no­pro­vo­ka­teu­re ge­wür­digt, de­ren Schaf­fen klü­ger ist als sein Ruf. Bis 26. Fe­bru­ar.

Die Presse - - FEUILLETON -

Wie lang ist es her, dass ein Film für ei­nen Auf­schrei sorg­te, die Öf­fent­lich­keit auf die Bar­ri­ka­den trieb? Ewig­kei­ten, könn­te man mei­nen. Die Fä­hig­keit, die All­ge­mein­heit in Auf­ruhr zu ver­set­zen, scheint dem Ki­no des 21. Jahr­hun­derts ab­han­den­ge­kom­men zu sein. Am Pro­jek­torlicht ent­zün­den sich kaum mehr ernst­haf­te De­bat­ten. Da­für um­so mehr am Drum­her­um: Shits­torms fe­gen (über) Stars und Re­gis­seu­re hin­weg, rea­les und ver­meint­li­ches Fehl­ver­hal­ten wird an den (On­line-)Pran­ger ge­stellt. Wenn Fil­me selbst pro­vo­zie­ren, dann als Idee, nicht als Kunst.

Das war schon mal an­ders, wie ei­ne ak­tu­el­le Re­tro­spek­ti­ve des Ös­ter­rei­chi­schen Film­mu­se­ums in Er­in­ne­rung ruft. Sie stellt mit Mar­co Fer­re­ri und Ca­the­ri­ne Breil­lat zwei Art­haus-Kult­fi­gu­ren ge­gen­über, die vor al­lem als Quäl­geis­ter bür­ger­li­chen Moral­emp­fin­dens Be­kannt­heit er­lang­ten und de­ren Schaf­fen im­mer wie­der auf­grund an­geb­li­cher An­stands­ver­let­zun­gen ab­ge­watscht (und ge­fei­ert) wur­de. Ex­em­pel da­für, dass Em­pö­rung oft nur Vor­wand ist, um nicht ge­nau hin­se­hen zu müs­sen.

Heu­te soll­te sel­bi­ges leich­ter fal­len. Was soll schon groß scho­ckie­ren an ei­ner ge­mäch­li­chen Gro­tes­ke wie „Das gro­ße Fres­sen“? Die Sex­sucht von Mar­cel­lo Mas­troi­an­ni? Mi­chel Pic­co­lis Fla­tu­len­zen? Wie harm­lo­se Schwein­ige­lei­en wir­ken die De­ka­denz­pos­sen­spie­le die­ses Films, der bei sei­ner Can­nes-Pre­mie­re 1973 mit Schimpf und Schan­de über­häuft wur­de. Nun öff­net sich der Blick für Fer­re­ris ei­gent­li­ches Leit­mo­tiv: iro­ni­sche Kri­tik an bour­geoi­ser Männ­lich­keit als Keim­zel­le ver­schlepp­ter Selbst- und Fremd­zer­stö­rung.

Dass die­se oft mit Frau­en­feind­lich­keit ver­wech­selt wur­de, liegt an Fer­re­ris fast schon ver­bis­se­nem Fo­kus auf die trieb­ge­steu­er­ten Irr­we­ge sei­ner Prot­ago­nis­ten. Schon sein Durch­bruch „L’ape regina“(1963) frot­zel­te die ita­lie­ni­sche Zen­sur mit der Ge­schich­te ei­nes Je­der­manns (Ugo To­gnaz­zi), der im Ha­fen der Ehe ver­en­det, weil sei­ne from­me Gat­tin ihn als blo­ßen Zeu­gungs­hel­fer sieht. Ist sein tra­gi­ko­mi­sches Schick­sal nun ih­re Schuld? Oder Re­sul­tat ka­tho­li­scher Moral? Fer­re­ris Pa­ra­beln, die bis zu sei­nem Tod 1997 zu­neh­mend ins Ab­sur­de dräng­ten, wa­ren stets auch (Kon­sum-) Ge­sell­schafts­sa­ti­ren.

Cle­ver die Kon­trast­mon­ta­ge mit Breil­lat. Am 17. und 18. Jän­ner wird die 71-jäh­ri­ge Au­to­ren­fil­me­rin in Wi­en zu Gast sein. Auch sie wühlt schon lang im Trieb­le­ben ih­rer Haupt­fi­gu­ren – nur sind die­se fast durch­wegs weib­lich. Da­mit wä­re auch das Skan­da­lon be­nannt, das ih­rem Werk an­hängt: Nur weil die streng er­zo­ge­ne Fran­zö­sin es wag­te,

Frau­en­be­geh­ren auf ex­pli­zi­te Art ins Bild zu set­zen, wur­de sie im Zu­ge wie­der­hol­ter Kon­tro­ver­sen als Por­no­tan­te ab­ge­stem­pelt. Schon ihr Re­gie­de­büt, „Une vraie jeu­ne fil­le“(1976), das der se­xu­el­len Re­bel­li­on ei­ner Te­enage­rin folgt, lan­de­te für De­ka­den im Gift­schrank. Da­bei geht es bei Breil­lats glei­cher­ma­ßen fe­mi­nis­ti­schen wie fein­füh­li­gen Psy­cho­gram­men nicht um bil­li­ge Ef­fek­te, son­dern um ge­schlecht­li­che Selbst­fin­dung – und ih­re psy­cho­so­zia­len Hin­der­nis­se.

Ih­re Welt­sicht ist nicht por­no­gra­fisch, son­dern „por­no­kra­tisch“(um den Ti­tel ei­nes Ro­mans der Re­gis­seu­rin zu ver­wen­den): Sex ist die Wur­zel al­len Übels, aber auch der Er­lö­sungs­quell. Spä­tes­tens mit „Ro­mance“(1999), der ei­ne Be­zie­hungs­ge­frus­te­te auf ero­ti­sche Er­kun­dungs­tour schickt, kam der Ge­dan­ke auch beim Pu­bli­kum an. Ge­schlechts­ver­kehr bleibt hier un­ver­stellt, aber nie un­re­flek­tiert, Be­weg­grün­de wer­den in lan­gen Ein­stel­lun­gen und be­son­ne­nen Off-Me­di­ta­tio­nen aus­kla­mü­sert. An­ders­wo, wie in „ ma so­eur!“(2001), A ` zer­brö­seln feuch­te Ju­gend­träu­me zwi­schen jung­fräu­li­cher Scham, un­bän­di­ger Be­gier­de und männ­li­cher Ego­zen­trik.

Das Ur­teil über­las­sen Fer­re­ris und Breil­lats Fil­me je­den­falls den Zu­schau­ern. Man kann sie als kri­ti­sche Lehr­stü­cke se­hen – oder re­si­gna­tiv mit den Schul­tern zu­cken. Wie san­gen noch­mal die Ärz­te? „Män­ner und Frau­en/sind das nack­te Grau­en!“

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