War­um Ski­fah­rer in der Hoch­sai­son vor zu­ge­sperr­ten Hüt­ten ste­hen

Wenn ei­nem Tou­ris­mus­land die Fachkräfte aus­ge­hen, rei­chen kei­ne Schnell­schüs­se und das üb­li­che Jam­mern. Es braucht ech­tes Um­den­ken.

Die Presse - - DEBATTE -

Die Weih­nachts­fe­ri­en be­scher­ten Ös­ter­reich ei­nen wah­ren An­sturm an Tou­ris­ten. Be­son­ders Städ­te und Ski­ge­bie­te quol­len schier über. Das freut ei­ner­seits die Wirt­schaft, an­de­rer­seits macht es ei­ni­ge Pro­ble­me im Hin­ter­grund deut­lich sicht­bar.

So et­wa in ei­nem Ski­ge­biet im Bun­des­land Salz­burg. Vier Ski­hüt­ten gibt es hier, die Mehr­zahl mit Über­nach­tungs­mög­lich­keit. Doch heu­er blie­ben zwei da­von zu­ge­sperrt. Bei den bei­den an­de­ren war der An­drang der Ta­ges­gäs­te der­ma­ßen groß, dass es zu lan­gen Schlan­gen und enor­men War­te­zei­ten kam.

Das Per­so­nal kam trotz un­er­müd­li­chem Ein­satz nicht mehr nach, das schmut­zi­ge Ge­schirr sta­pel­te sich drau­ßen im Schnee. Der Grund, war­um zwei der Hüt­ten trotz Hoch­sai­son zu blie­ben: Die Be­trei­ber hat­ten nicht ge­nü­gend Per­so­nal ge­fun­den. Auch neue Päch­ter zu fin­den, ist schwie­rig. Die Si­tua­ti­on ist kein Ein­zel­fall.

Schau­platz­wech­sel in die Salz­bur­ger In­nen­stadt. Ein gro­ßer Gas­tro­no­mie­be­trieb, auch die­ser bumm­voll mit Tou­ris­ten aus al­ler Welt. Das Ser­vice­per­so­nal eilt hin und her, al­les ist gut or­ga­ni­siert. Auf­fal­lend sind die vie­len jun­gen Män­ner, of­fen­bar aus Nord­afri­ka, Kü­chen­hil­fen, die tap­fer mit dem ho­hen Tem­po mit­hal­ten. Ein Blick auf die Web­site des Un­ter­neh­mens ver­rät, dass hier mehr als 100 Mit­ar­bei­ter aus 20 ver­schie­de­nen Län­dern ar­bei­ten; und dass auch die­ser Be­trieb mit Per­so­nal­not zu kämp­fen hat.

Lau­fend wer­de Per­so­nal ge­sucht, heißt es da, man bie­te Ent­loh­nung nach Kol­lek­tiv­ver­trag und be­mü­he sich um die Zuf­rie­den­heit der Mit­ar­bei­ter. Und wei­ter: „Durch ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten, fi­xe Di­enst­plä­ne so­wie pünkt­li­che und or­dent­li­che Ent­loh­nung ist es dem Un­ter­neh­men mög­lich, ei­ne Work-Li­fe-Ba­lan­ce zu kre­ieren, die so in der Gas­tro­no­mie­bran­che äu­ßerst sel­ten ist.“

Wie bit­te? Hat man rich­tig ge­le­sen? Soll­ten nicht ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten und pünkt­li­che Ent­loh­nung ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein? Und was sagt es über die Bran­che aus, wenn ein Gas­tro­nom selbst dar­auf hin­weist, dass dies sel­ten zu fin­den sei? Im Um­kehr­schluss heißt das, dass Aus­beu­tung von Ar­beits­kräf­ten und schlech­te Be­zah­lung – so­fern sie über­haupt recht­zei­tig er­folgt – of­fen­bar die Norm dar­stel­len. Darf man sich dann wun­dern, wenn man für den Tou­ris­mus zu we­ni­ge Leu­te be­kommt?

Denn bei der Viel­zahl an of­fe­nen Stel­len kön­nen sich gut ge­schul­te Fachkräfte heut­zu­ta­ge ih­ren Ar­beit­ge­ber aus­su­chen und For­de­run­gen stel­len, statt wie frü­her um­ge­kehrt. Selbst un­ter den bes­ten Häu­sern ist ein re­gel­rech­ter Wett­be­werb um gu­te Mit­ar­bei­ter ent­brannt.

Vor die­sem Hin­ter­grund er­scheint die drin­gen­de For­de­rung von Bran­chen­ver­tre­tern nach dem Blei­be­recht von ab­ge­lehn­ten Asyl­wer­bern in ei­nem an­de­ren Licht. Ist es wirk­lich der tat­säch­li­che Man­gel an Men­schen im ei­ge­nen Land? Oder ist es nicht eher so, dass sich Flücht­lin­ge mit schlech­ten Jobs zu­frie­den­ge­ben (müs­sen)? Auch wenn die neue Re­gie­rung Zu­wan­de­rung und Asyl tren­nen will, was ja rich­tig ist, wird das die­ses Pro­blem nicht lö­sen. Denn was wird die Aus­wei­tung der Rot-Weiß-Rot-Card brin­gen, wenn die­se Jobs der­art un­at­trak­tiv sind? Das be­trifft auch die Idee der neu­en Tou­ris­mus-Mi­nis­te­rin, die Zu­mut­bar­keit bei Ar­beits­lo­sen aus­zu­deh­nen, da­mit die­se als Sai­son­niers nach We­st­ös­ter­reich ver­mit­telt wer­den könn­ten.

Ein Land wie Ös­ter­reich, das stark vom Tou­ris­mus pro­fi­tiert, soll­te sich mehr ein­fal­len las­sen. Die Tou­ris­mus­bran­che kri­ti­siert nicht oh­ne Grund re­gel­mä­ßig über­bor­den­de Auf­la­gen und Steu­ern. Den­noch soll­ten so­wohl Po­li­tik als auch die Bran­che dar­über nach­den­ken, dass nur mit ei­nem fai­ren, men­schen­freund­li­chen und an­stän­dig be­zahl­ten An­ge­bot Ar­beits­kräf­te an­zu­lo­cken sind. Egal, wo­her sie kom­men.

Not­si­tua­tio­nen von Men­schen, ob aus dem In­land oder aus Flucht­län­dern, aus­zu­nüt­zen, ist je­den­falls nicht fair. Noch da­zu, wo Ös­ter­reich kein bil­li­ges Rei­se­ziel ist. Aber ein sehr schö­nes!

VON GUDULA WALTERSKIR­CHEN

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.