Vä­ter soller Pen­si­on mit Müt­tern tei­len

Frau­en über­neh­men den Groß­teil der Kin­der­be­treu­ung – auf Kos­ten ih­rer Pen­si­on. Das von der Ko­ali­ti­on ge­plan­te Pen­si­ons­split­ting soll mehr Fair­ness brin­gen.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON JEAN­NI­NE HIERLÄNDER

Es ist nur ein kur­zer Ab­satz auf Sei­te 251 des Re­gie­rungs­pro­gramms – aber er birgt ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Zünd­stoff: Die tür­kis-grü­ne Re­gie­rung will ein au­to­ma­ti­sches Pen­si­ons­split­ting ein­füh­ren. Die Pen­si­ons­an­sprü­che von El­tern sol­len zu­sam­men­ge­rech­net und je zur Hälf­te auf ih­ren Pen­si­ons­kon­ten gut­ge­schrie­ben wer­den. Weil Frau­en den Groß­teil der Kin­der­be­treu­ung über­neh­men, oft in Teil­zeit ar­bei­ten und in der Pen­si­on durch die Fin­ger schau­en. Laut Da­ten der So­zi­al­ver­si­che­rung er­hiel­ten Frau­en (oh­ne Be­am­te) zu­letzt ei­ne durch­schnitt­li­che Al­ters­pen­si­on in Hö­he von 1028 Eu­ro, bei Män­nern wa­ren es hin­ge­gen 1678 Eu­ro.

Frei­wil­lig will kaum ein Mann tei­len

Das frei­wil­li­ge Pen­si­ons­split­ting gibt es schon seit 2005, es wird aber kaum ge­nützt. Tür­kis-Grün plant ei­ne we­sent­li­che Än­de­rung, die ei­ne völ­li­ge Trend­um­kehr be­deu­tet. Der­zeit müs­sen Ver­si­cher­te ak­tiv ei­nen An­trag auf die Tei­lung der Pen­si­ons­an­sprü­che stel­len. Die Ko­ali­ti­on will ein Opt-ou­tMo­dell ein­füh­ren. Wer das Split­ting nicht will, muss sich ak­tiv ab­mel­den.

Dass vor al­lem Frau­en von Al­ters­ar­mut be­trof­fen sind, wird zwar von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und In­ter­es­sen­ver­tre­tern im­mer wie­der kri­ti­siert. Von der Hal­be-hal­be-Re­ge­lung bei den Pen­sio­nen war aber in der öf­fent­li­chen De­bat­te so gut wie nie die Re­de.

ÖVP-Frau­en und Ne­os for­dern für Ös­ter­reich schon lang ein au­to­ma­ti­sches Pen­si­ons­split­ting. Die FPÖ hat sich in der Ver­gan­gen­heit da­ge­gen aus­ge­spro­chen, weil das au­to­ma­ti­sche Auf­tei­len ei­ne „Zwangs­ver­pflich­tung“p der Fa­mi­li­en sei. Selbst die SPÖ fin­det ein au­to­ma­ti­sches Pen­si­ons­split­ting „pro­ble­ma­tisch“: Es sei ein An­reiz für Frau­en, zu Hau­se und da­mit vom Part­ner­ein­kom­men ab­hän­gig zu blei­ben, und kön­ne tra­di­tio­nel­le Rol­len­mus­ter ver­fes­ti­gen. Voll ar­bei­ten und ei­ge­ne Pen­si­ons­an­sprü­che er­wer­ben sei die bes­te Al­ters­vor­sor­ge.

In der Re­gel wä­ren Frau­en die Be­güns­tig­ten: Sie sind es meist, die län­ger in Ka­renz und im An­schluss in Teil­zeit ge­hen. 48 Pro

zent der Frau­en, aber nur zehn Pro­zent der Män­ner ar­bei­ten in Teil­zeit. In Deutsch­land und in der Schweiz gibt es be­reits ein ver­pflich­ten­des Pen­si­ons­split­ting.

Dis­kus­si­on über Kin­der­be­treu­ung

2019 be­an­trag­ten so vie­le Men­schen ein Pen­si­ons­split­ting wie bis­her nie: Bis Ok­to­ber er­le­dig­te die PVA 500 An­trä­ge. Im Ge­samt­jahr 2018 wa­ren es 411, von 2010 bis 2017 in Sum­me nur 850. Da­bei steht das Pen­si­ons­split­ting al­len Paa­ren mit Kin­dern of­fen, man muss we­der ver­hei­ra­tet sein noch im sel­ben Haus­halt le­ben. 2018 wur­den in Ös­ter­reich 85.535 Kin­der ge­bo­ren. Die Pen­si­ons­ver­si

che­rungs­an­stalt zählt über 3,4 Mil­lio­nen Ver­si­cher­te. Ein An­sturm sieht an­ders aus. Das dürf­te vor al­lem da­ran lie­gen, dass das Pen­si­ons­split­ting kaum be­kannt ist. Und dass man es ak­tiv be­an­tra­gen muss.

So­zio­lo­gin­nen wie Son­ja Dörf­ler vom In­sti­tut für Fa­mi­li­en­for­schung an der Uni­ver­si­tät Wi­en nen­nen das das Sta­tus-quo-Bi­as: „Der Mensch ist er­wie­se­ner­ma­ßen trä­ge, er ver­harrt eher in ei­ner Si­tua­ti­on, als dass er et­was än­dern wür­de.“Ak­tu­ell kann das Pen­si­ons­split­ting bis zum sie­ben­ten Ge­burts­tag (bei mehr Kin­dern: bis zu 14 Jah­re) in An­spruch ge­nom­men wer­den. Es soll bis zum zehn­ten Ge­burts­tag aus­ge­dehnt wer­den. „Selbst wenn ei­ner der Ehe­part­ner raus­op­tie­ren will, kommt es in der Fa­mi­lie zu­min­dest zu ei­ner Dis­kus­si­on über die Kon­se­quen­zen der Auf­tei­lung der Be­treu­ungs­pflich­ten“, sagt Dörf­ler. Ein­mal be­an­tragt, kann das Split­ting nicht mehr rück­gän­gig ge­macht wer­den. Auch, wenn sich ein Paar trennt. Künf­tig soll man ein­mal die Mög­lich­keit ha­ben, sich ab­zu­mel­den.

Aber was pas­siert, wenn ein Part­ner kein Pen­si­ons­split­ting will? Müs­sen sich El­tern ei­nig sein – oder kann ei­ner auf ei­ge­ne Faust raus­op­tie­ren? Aus dem So­zi­al­mi­nis­te­ri­um heißt es auf „Pres­se“-An­fra­ge, dass die De­tails erst aus­ge­ar­bei­tet wer­den.

Bes­ser­stel­lung von Frau­en

Chris­ti­ne May­r­hu­ber, Ex­per­tin für Pen­sio­nen am Ös­ter­rei­chi­schen In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (Wi­fo), be­grüßt das Vor­ha­ben der Re­gie­rung: „In ei­nem bei­trags­ori­en­tier­ten Pen­si­ons­sys­tem, in dem je­des Er­werbs­jahr mas­si­ven Ein­fluss auf die Al­ters­si­che­rung hat, wür­de das ei­ne deut­li­che Bes­ser­stel­lungg von Frau­en be­deu­ten“, sagt die Öko­no­min zur „Pres­se“.

In den ers­ten vier Jah­ren nach der Ge­burt des Kin­des er­hal­ten Müt­ter (oder Vä­ter, wenn sie den Haupt­an­teil der Kin­der­er­zie­hung über­neh­men) ei­ne Gut­schrift auf ih­rem Pen­si­ons­kon­to für ein fik­ti­ves Mo­nats­ein­kom­men von 1923 Eu­ro – mehr, als so man­ches Teil­zeit­ge­halt her­gibt. Paa­re, die sich die Pen­si­ons­an­sprü­che tei­len, so­lang die Kin­der klein sind, könn­ten im Al­ter so­gar bes­ser aus­stei­gen als oh­ne Split­ting, sagt May­r­hu­ber vom Wi­fo. Weil der El­tern­teil, der ei­nen Teil sei­ner Pen­si­on an den Part­ner ab­tritt, mit­un­ter in ei­ner nied­ri­ge­ren Steu­er­klas­se bleibt. „Un­ter dem Strich kann das Net­to­ein­kom­men des Haus­halts stei­gen.“

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Ge­mein­sa­me Kin­der, ge­mein­sa­me Pen­si­on – die­ses Mo­dell wird so gut wie gar nicht ge­lebt.

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