Die Säu­le des „Got­te­staats“wankt

Die Pro­tes­te ge­gen das Re­gime hal­ten an. Die Re­vo­lu­ti­ons­gar­de ist nach der Li­qui­die­rung Qas­em So­lei­ma­nis und dem Flug­zeug­ab­schuss ge­schwächt.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten THOMAS SEIBERT

Durch die Stra­ßen von Te­he­ran und Is­fa­han hall­ten An­ti-Re­gi­me­pa­ro­len wie „Tod dem Dik­ta­tor“, „Kle­ri­ker, haut ab“oder „Sie ha­ben un­se­re Eli­ten ge­tö­tet und sie durch Kle­ri­ker er­setzt“, die um­ge­hend Son­der­ein­hei­ten der Po­li­zei auf den Plan rie­fen. In On­li­ne-Fo­ren zir­ku­lier­ten Vi­de­os, auf de­nen die Si­cher­heits­kräf­te mit Schlag­stö­cken ge­gen die Stu­den­ten vor­gin­gen und Blut­la­chen zu se­hen wa­ren.

Un­weit des Aza­di-Plat­zes in der Haupt­stadt wa­ren Schüs­se zu hö­ren und Ru­fe von Au­gen­zeu­gen: „Schlagt sie nicht.“In ei­nem Tweet hat­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump be­reits zu­vor die Ver­ant­wort­li­chen in Te­he­ran auf­ge­for­dert: „Tö­tet die De­mons­tran­ten nicht.“

Die ver­ein­zel­ten Pro­tes­te ge­gen das Mul­lah-Re­gime hiel­ten auch am drit­ten Tag nach dem Schuld­ein­ge­ständ­nis am Ab­schuss der ukrai­ni­sche Pas­sa­gier­ma­schi­ne an. „Sie lü­gen. Un­ser Feind ist nicht Ame­ri­ka, un­ser Feind sitzt hier im Land“, skan­dier­te ei­ne Grup­pe. Die Füh­rung in Te­he­ran fürch­tet, die Kund­ge­bun­gen könn­ten sich zu ei­ner Pro­test­wel­le aus­wei­ten, die Städ­te im gan­zen Land er­fasst – wie im Spät­herbst bei Pro­test­ak­tio­nen ge­gen die Er­hö­hung des Sprit­prei­ses, als Aya­tol­lah Ali Kha­men­ei und die Re­vo­lu­ti­ons­gar­den in den Fo­kus des Un­muts ge­rie­ten. Da­mals star­ben mög­li­cher­wei­se mehr als 1000 Men­schen, zahl­lo­se wei­te­re ver­schwan­den in Ge­fäng­nis­sen.

Wäh­rend­des­sen zi­tier­te Schwe­den den ira­ni­schen Bot­schaf­ter ins Au­ßen­mi­nis­te­ri­um. Un­ter den Op­fern des Flug­zeug­ab­schus­ses wa­ren auch meh­re­re Per­so­nen, die in Schwe­den re­gis­triert wa­ren. Schwe­den ge­hört ne­ben

Ka­na­da, der Ukrai­ne und Groß­bri­tan­ni­en auch zu den Na­tio­nen, die am Don­ners­tag in Lon­don über recht­li­che Schrit­te ge­gen den Iran be­ra­ten wer­den.

Ge­fähr­li­che Le­gi­ti­mi­täts­kri­se

In der Is­la­mi­schen Re­pu­blik kommt der­weil die Eli­te­trup­pe der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den un­ter Be­schuss. „Ich wün­sche, ich wä­re tot“, hat Ami­ra­li Had­schi­sa­deh, ein Ge­ne­ral der Gar­den er­klärt, nach­dem der Iran of­fi­zi­ell die Ver­ant­wor­tung für die Flug­zeug­ka­ta­stro­phe über­nom­men hat­te. Das Ein­ge­ständ­nis kommt ei­ner De­mü­ti­gung für die macht­ge­wohn­ten Re­vo­lu­ti­ons­gar­den gleich. Sie sol­len das Re­gime ver­tei­di­gen. Statt­des­sen ver­stärkt ihr Ver­hal­ten ei­ne Le­gi­ti­mi­täts­kri­se, die für das Re­gime ge­fähr­li­cher ist als die Wirt­schafts­sank­tio­nen der USA.

Selbst vie­le Re­gie­rungs­geg­ner im Iran hät­ten der Gar­de lang zu­gu­te ge­hal­ten, dass sie das Land zu­min­dest vor An­grif­fen von au­ßen schüt­ze, sagt der in Ham­burg le­ben­de ira­ni­sche Exil-Jour­na­list Omid Re­zaee. Nun stel­le sich her­aus, dass die Gar­de nicht ein­mal ein Ver­kehrs­flug­zeug in der Nä­he der Haupt­stadt kor­rekt iden­ti­fi­zie­ren kön­ne, sag­te Re­zaee der „Pres­se“. Das ha­be den Ruf der Trup­pe stark er­schüt­tert. Die of­fe­ne Kri­tik an den Re­vo­lu­ti­ons­gar­den sei et­was Neu­es für den Iran.

Die Gar­de ist Speer­spit­ze der Streit­kräf­te und der of­fen­si­ven Iran-Po­li­tik in Nah­ost. Das Korps wur­de nach der Re­vo­lu­ti­on von 1979 ge­grün­det, weil die Füh­rung un­ter Aya­tol­lah Khomei­ni der Ar­mee des ge­stürz­ten Schahs nicht trau­te. Über die Jah­re wei­te­te die Gar­de ih­re mi­li­tä­ri­sche, wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Macht aus. Heu­te ver­fügt sie über mehr als hun­dert­tau­send Sol­da­ten so­wie ei­ge­ne Ma­ri­ne- und Luft­waf­fen­ver­bän­de – sie ist ei­ne Art Par­al­lel-Ar­mee ne­ben den re­gu­lä­ren Streit­kräf­ten. Zu­dem kon­trol­liert die Gar­de, die di­rekt Khomei­nis Nach­fol­ger Kha­men­ei un­ter­steht, vie­le gro­ße Wirt­schafts­un­ter­neh­men.

„Schämt euch“

Ihr po­pu­lärs­ter Ge­ne­ral war Qas­em So­lei­ma­ni, der als Chef der Aus­lands­trup­pe der Gar­de die Nah­ost-Po­li­tik des Iran steu­er­te. So­lei­ma­nis Tö­tung war ein schwe­rer Schlag für das theo­kra­ti­sche Sys­tem. Auf die mi­li­tä­ri­sche Schwä­chung durch So­lei­ma­nis Tod folg­te die mo­ra­li­sche durch den Ab­schuss des ukrai­ni­schen Flug­zeugs. In­ter­na­tio­nal steht der Iran als Land da, des­sen Ar­mee und Re­gie­rung nicht nur in­kom­pe­tent sind, son­dern die Welt auch noch ta­ge­lang an­ge­lo­gen hat.

„Gar­de, schämt euch, lasst das Land in Ru­he“, lau­te­te ein Sprech­chor der De­mons­tran­ten, wie die ira­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin Ne­gar Mor­ta­za­vi auf Twit­ter be­rich­te­te. An­de­re be­schimpf­ten die Gar­dis­ten und Kha­men­ei als Mör­der. Die Re­vo­lu­ti­ons­gar­den wa­ren mit bru­ta­ler Här­te ge­gen die Kund­ge­bun­gen im Herbst vor­ge­gan­gen. Re­zaee meint: „Das wer­den die Leu­te nicht so schnell ver­ges­sen.“

Im Iran kam es auch am Mon­tag zu re­gie­rungs­kri­ti­schen Pro­tes­ten nach dem Ein­ge­ständ­nis des Ab­schus­ses ei­ner Pas­sa­gier­ma­schi­ne mit 176 To­ten. Im In­ter­net ver­brei­te­te Vi­de­os zeig­ten De­mons­tran­ten bei ei­ner Uni­ver­si­tät in Te­he­ran, die re­gie­rungs­kri­ti­sche Sprü­che rie­fen. In den Vi­de­os eben­falls zu se­hen war in an­de­ren Tei­len Te­he­rans pos­tier­te Be­reit­schafts­po­li­zei. Die Au­then­ti­zi­tät der Vi­de­os war zu­nächst nicht zu über­prü­fen. Die ira­ni­sche Staats­spit­ze hat­te am Sams­tag den ver­se­hent­li­chen Ab­schuss ei­ner ukrai­ni­schen Pas­sa­gier­ma­schi­ne rund um Ra­ke­ten­an­grif­fe auf US-Sol­da­ten im Irak zur Ver­gel­tung der Tö­tung ei­nes ira­ni­schen Ge­ne­rals durch die USA ein­ge­räumt. Da­nach war es am Wo­che­n­en­de im gan­zen Land zu Pro­test­kund­ge­bun­gen ge­kom­men. Die De­mons­tran­ten ver­lan­gen un­ter an­de­rem den Rück­tritt der Ver­ant­wort­li­chen.

[ AFP]

Mahn­wa­che in Te­he­ran für die Op­fer des Flug­zeug­ab­schus­ses, die zur Kund­ge­bung ge­gen das Re­gime mu­tier­te.

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