„Men­schen be­gin­nen, Ar­ti­kel weg­zu­las­sen“

Die Presse - - THEMA DES TAGES -

Lan­ge Zeit konn­te ich nicht un­ter­schei­den, was ein ver­meint­li­cher Spaß in ge­sel­li­ger Run­de und was ei­gent­lich Ras­sis­mus ist. Als Kriegs­flücht­ling aus Bos­ni­en ha­be ich schon sehr früh Sa­chen ge­hört, die ich nicht rich­tig ein­ord­nen konn­te. Was mein­te die­se Per­son? In wel­chem Zu­sam­men­hang hat sie das ge­sagt? Als Kind sag­te ein­mal ein Pfar­rer zu mir, ich hät­te ari­sche Zü­ge, weil ich blond war und blaue Au­gen hat­te. Ich ha­be die­se Aus­sa­ge da­mals nicht wirk­lich ver­stan­den. Als Er­wach­se­ner hin­ter­fragt man Din­ge na­tür­lich ge­nau­er.

Mein jüngs­tes

Er­leb­nis mit All­tags­ras­sis­mus hat­te ich erst vor ei­ni­gen Wo­chen in Ver­bin­dung mit mei­nem

Haus­bau. Ein

Mit­ar­bei­ter ei­ner

Be­hör­de kam auf mei­ne Bau­stel­le und sah mich in ei­nem ty­pi­schen Bau­stel­len­ge­wand. Ich hat­te gera­de den Ka­nal ge­gra­ben und war ent­spre­chend schmut­zig. Er mus­ter­te mich und frag­te nach dem Bau­herrn. Ich ant­wor­te ihm, dass ich das sei.

Er schau­te noch mal auf sei­ne Un­ter­la­gen und frag­te mich in ab­sicht­lich ge­bro­che­nem Deutsch, ob ich den Grund­stücks­be­sit­zer ru­fen kön­ne. Ich ant­wor­te­te ihm zum Spaß eben­falls in ge­bro­che­nen Deutsch, dass ich das sei. Nach­dem er mit­be­kom­men hat­te, dass er ins Fett­näpf­chen ge­tre­ten war, sag­te er mir, dass er es nicht bö­se ge­meint ha­be. Schließ­lich sei das ei­ne teu­re Ge­gend, und als er mei­nen Vor- und Nach­na­men ge­le­sen hat­te, war er ver­wun­dert.

Üb­ri­gens: Ho­le ich Aus­künf­te zum Haus­bau te­le­fo­nisch ein, wird manch­mal sehr lang­sam und auf­fäl­lig deut­lich ge­spro­chen. Ich kann mei­nen Ak­zent nun ein­mal nicht voll­stän­dig aus­blen­den. Wenn Men­schen das hö­ren, be­gin­nen sie, Ar­ti­kel weg­zu­las­sen und sehr oft „ver­ste­hen Sie das?“am En­de ei­nes Sat­zes zu sa­gen. Mitt­ler­wei­le re­agie­re ich aber an­ders als in mei­ner Kind­heit.

Ich ma­che Men­schen dar­auf auf­merk­sam, wenn sie et­was sa­gen, was mich kränkt. Im ers­ten Mo­ment ist es na­tür­lich schwer für mich und für die an­de­re Per­son, für die Zu­kunft er­spart es aber al­len un­an­ge­neh­me Si­tua­tio­nen.

Er mus­ter­te mich von oben bis un­ten und frag­te schließ­lich nach dem Bau­herrn.

Meh­med Ala­jbeg (Wur­zeln in Bos­ni­en) Event­ma­na­ger und Po­li­ti­ker

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