Jo­b­angst im Au­to­land: 410.000 Stel­len in Ge­fahr?

Deutsch­land. Ein be­ra­ten­des Gre­mi­um der Bun­des­re­gie­rung wühlt mit ei­nem „Ex­tremsze­na­rio“die Au­to­bran­che auf. Das mag zwar ein all­zu düs­te­rer Blick in die Zu­kunft sein. Doch es gibt noch ei­ne an­de­re schlech­te Nach­richt.

Die Presse - - ECONOMIST -

Der deut­sche Fi­nanz­mi­nis­ter schwimmt im Geld. Und zwar nach wie vor. Im ab­ge­lau­fe­nen Jahr soll der Bund trotz ein­ge­trüb­ter Kon­junk­tur ei­nen Über­schuss im nied­ri­gen zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­reich er­zielt ha­ben, was bei Ös­ter­reichs gro­ßem Nach­barn nun ei­ne De­bat­te über Steu­er­sen­kun­gen ent­fa­chen wird.

Die spru­deln­den Ein­nah­men des Fi­nanz­mi­nis­ters ver­stel­len aber den Blick dar­auf, dass der wich­tigs­te Zweig der Deutsch­land AG arg schwä­chelt: Die Au­to­mo­bil­bran­che steckt in­mit­ten ei­nes epo­cha­len Struk­tur­wan­dels, der schon jetzt die Kon­junk­tur be­las­tet und mit­tel­fris­tig je­de Men­ge Jobs kos­ten könn­te. Letz­te­res geht aus ei­nem 44-sei­ti­gen Zwi­schen­be­richt her­vor, den ein von der Bun­des­re­gie­rung ein­ge­setz­tes Be­ra­ter­gre­mi­um aus So­zi­al­part­nern, For­schern und Bran­chen­ver­tre­tern nun vor­ge­legt hat. Die­se so­ge­nann­te „Kom­mis­si­on Na­tio­na­le Platt­form Zu­kunft der Mo­bi­li­tät“skiz­ziert ein „Ex­tremsze­na­rio“, wo­nach in der Ge­samt­wirt­schaft bis zum En­de des Jahr­zehnts 410.000 Jobs durch den Um­stieg auf Elek­tro­mo­bi­li­tät ge­fähr­det sind, da­von al­lein 240.000 im Fahr­zeug­bau.

Die düs­te­re Zu­kunfts­aus­sicht stützt sich auf die An­nah­me, dass zum Er­rei­chen der Kli­ma­zie­le 2030 zehn Mil­lio­nen E-Au­tos auf den deut­schen Stra­ßen un­ter­wegs sind. Das klingt zwar sehr am­bi­tio­niert, deckt sich aber mit Zah­len der Bun­des­re­gie­rung, die sie­ben bis zehn Mil­lio­nen E-Au­tos bis da­hin für nö­tig er­ach­tet. Wei­ters geht das Sze­na­rio da­von aus, dass Deutsch­land sei­nen Rück­stand bei der Fer­ti­gung von E-Au­tos nicht auf­holt, al­so „auf mehr Im­por­te“an­ge­wie­sen ist, und zugleich die Au­to­ma­ti­sie­rung ra­sant vor­an­schrei­tet, je­den­falls viel schnel­ler als bei kon­ven­tio­nel­len Mo­to­ren.

Der mäch­ti­ge Ver­band der Au­to­mo­bil­in­dus­trie VDA hält die Zah­len für maß­los über­trie­ben. Von ei­nem „un­rea­lis­ti­schen Ex­tremsze­na­rio“war am Mon­tag die Re­de.

In ei­ner zwei­ten, we­ni­ger um­strit­te­nen Un­ter­su­chung des Be­ra­ter­gre­mi­ums wur­de be­leuch­tet, wie sich ein An­teil von 30 Pro­zent rei­ner Elek­tro­fahr­zeu­ge auf die Ar­beits­plät­ze in der An­triebs­fer­ti­gung aus­wir­ken wür­de. Dem­nach könn­ten nur in die­sem Be­reich 75.000 bis 88.000 Ar­beits­plät­ze weg­fal­len, der Lö­wen­an­teil in der Pro­duk­ti­on. Die Zah­len de­cken sich üb­ri­gens mit Schät­zun­gen der Au­to-Lob­by­is­ten des VDA. Ein Grund liegt dar­in, dass im Elek­tro­mo­tor deut­lich we­ni­ger Tei­le ver­baut sind.

Das Zwi­schen­fa­zit der Kom­mis­si­on liest sich je­den­falls bit­ter: „In kei­nem Fall wer­den die Au­to­mo­bil­her­stel­ler wei­ter­hin im sel­ben Ma­ße für ei­ne sol­che Wert­schöp­fung und Be­schäf­ti­gung ent­lang der Zu­lie­fe­rer­ket­ten sor­gen kön­nen, wie es heu­te der Fall ist.“Das trifft dann auch das Zu­lie­ferer­land Ös­ter­reich.

Schon 2019 hat die Schwä­che des Au­to­mo­bil­sek­tors den An­stieg der deut­schen Wirt­schafts­leis­tung um 0,75 Pro­zent ge­drückt, wie das ifo-In­sti­tut am Mon­tag schätz­te. Die Pro­duk­ti­on schrumpf­te um 8,9 Pro­zent. In­zwi­schen mel­den laut ifo-Um­fra­ge 14 Pro­zent der Au­to­mo­bil­fir­men Kurz­ar­beit. Meh­re­re Ex­per­ten ge­hen aber da­von aus, dass die Tal­soh­le für die Bran­che 2020 er­reicht ist und es 2021 wie­der zwi­schen­zeit­lich berg­auf geht.

Die Nach­fra­ge nach deut­schen Au­to­mar­ken ist üb­ri­gens auch 2019 ge­stie­gen. Sie wur­de nur nicht aus der in­län­di­schen Pro­duk­ti­on be­dient. Ein Grund könn­te die „Um­rüs­tung deut­scher Stand­or­te auf die Her­stel­lung von Elek­tro­au­tos“sein, ver­mu­tet ifo-Kon­junk­tur­chef Ti­mo Woll­mers­häu­ser. „In der Über­gangs­pha­se fällt das An­ge­bot an neu pro­du­zier­ten Pkw in Deutsch­land weg.“

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