So läuft der Markt? Es gibt aber ein Recht auf Pri­vat­sphä­re

War­um Sie der Tin­der-Skan­dal be­trifft, auch wenn Sie kei­ne Da­ting-Apps wie OkCu­pid oder Ähn­li­ches ver­wen­den.

Die Presse - - DEBATTE -

Ha­ben Sie schon ein­mal psy­che­de­li­sche Dro­gen ge­nom­men?“Wer sich bei der On­line-Da­tin­gPlatt­form OkCu­pid re­gis­triert, wird auf­ge­for­dert, die­se und ähn­li­che Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Das macht die Platt­form be­liebt, denn an­hand der Ant­wor­ten wer­den pas­sen­de Pro­fi­le emp­foh­len. Das Pro­blem ist: OkCu­pid gab die­se In­for­ma­tio­nen an Mar­ke­ting­fir­men wei­ter. Das zeig­te ei­ne neue Stu­die, die ein nor­we­gi­sches For­schungs­in­sti­tut in Ko­ope­ra­ti­on mit der ös­ter­rei­chi­schen Da­ten­schut­zNGO Noyb durch­führ­te. Auch die vor­wie­gend von ho­mo­se­xu­el­len Män­nern ge­nutz­te Da­ting-App Grin­dr ist be­trof­fen.

Und? – ich nut­ze sol­che Di­ens­te nicht, den­ken Sie vi­el­leicht. Der Be­griff „Da­ten­schutz“er­weckt in Ih­nen zu­dem Gähn­re­fle­xe? Le­sen Sie doch bit­te trotz­dem wei­ter, denn das Pro­blem be­trifft uns al­le. Per­sön­li­che Da­ten sind ein Macht­fak­tor. Ob Fir­men oder Re­gie­run­gen, je mehr die­se über Sie wis­sen, des­to stär­ker ha­ben sie Sie un­ter Kon­trol­le. Ba­na­les Bei­spiel: Face­book ver­folgt, auf wel­che In­hal­te Sie kli­cken – und zeigt Ih­nen dann Maß­ge­schnei­der­tes, da­mit Sie mehr Zeit auf der Sei­te ver­brin­gen. Und schon sind zehn Mi­nu­ten um! Face­book hat be­stimmt, wo­mit Sie sich be­schäf­ti­gen.

Je mehr Fir­men oder Re­gie­run­gen über Sie wis­sen, des­to eher kön­nen Sie Ih­nen scha­den. Da spre­chen wir gar nicht von weit­grei­fen­der Über­wa­chung, wie sie der frü­he­re US-Ge­heim­dienst­mit­ar­bei­ter Ed­ward Snow­den vor bald sie­ben Jah­ren öf­fent­lich mach­te und wie sie in Chi­na zu­neh­mend üb­lich wird. Selbst wenn Fir­men ver­spre­chen, sie wür­den auf die Da­ten gut auf­pas­sen – ein so wert­vol­ler Schatz ist häu­fig An­grif­fen aus­ge­setzt. Da­ten­schutz be­deu­tet auch Da­ten­si­cher­heit. In Er­in­ne­rung bleibt et­wa der Hack von Ash­ley Ma­di­son, ei­ner ka­na­di­schen Sei­ten­sprung­platt­form. Rund 30 Mil­lio­nen E-Mail-Adres­sen von re­gis­trier­ten Per­so­nen wur­den ver­öf­fent­licht; es soll des­we­gen zu min­des­tens ei­nem Sui­zid ge­kom­men sein.

Auf ei­ne Platt­form wie Ash­ley Ma­di­son bräch­ten Sie kei­ne zehn Pfer­de? „Ich ha­be nichts zu ver­ber­gen“, den­ken Sie.

Ist das so? Stel­len Sie sich vor, al­le wüss­ten al­les über Sie. Die Toi­let­ten­tür steht of­fen; was Sie ei­nem Freund tip­pen, wird im Fern­se­hen aus­ge­strahlt. Wä­re Ih­nen das an­ge­nehm? Da­zu kommt: Wir ver­hal­ten uns an­ders, wenn wir uns be­ob­ach­tet füh­len. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Rechts­pro­fes­so­rin Ju­lie E. Co­hen be­zeich­ne­te Pri­vat­sphä­re schon 2012 als „Atem­pau­se“, un­um­gäng­lich für die per­sön­li­che Ent­wick­lung.

So läuft der Markt, ist oft das Ge­gen­ar­gu­ment: Mit mei­nen In­for­ma­tio­nen zah­le ich für die An­ge­bo­te. WhatsApp, Face­book oder Da­ting-Apps kos­ten schließ­lich kein Geld. Statt­des­sen er­lau­ben mei­ne per­sön­li­chen Da­ten dem An­bie­ter, ziel­ge­rich­te­te Wer­bung zu schal­ten – was ihn wie­der­um at­trak­ti­ver für An­zei­gen­kun­den macht. „Was Fir­men an Ih­ren Da­ten be­sit­zen, ist ei­ne di­gi­ta­le Re­prä­sen­ta­ti­on Ih­res Kör­pers“, sagt der lang­jäh­ri­ge Tech-In­ves­tor Ro­ger McNa­mee dem „Fal­ter“– und zieht den Ver­gleich zu ei­nem Arzt­be­such: Der un­ter­su­chen­den Ärz­tin ge­hört dann auch nicht au­to­ma­tisch der Kör­per des Pa­ti­en­ten. Zu­dem ist der Da­ten­han­del ein un­fai­res Ge­schäft. Wer per­sön­li­che Da­ten her­gibt, steigt schlech­ter aus. Denn je mehr Da­ten ge­sam­melt wer­den, des­to wert­vol­ler wer­den sie, weil sie Qu­er­ver­bin­dun­gen zu­las­sen.

Was tun ge­gen die Über­macht? Ähn­lich wie beim Kli­ma­schutz ist die Än­de­rung des ei­ge­nen Ver­hal­tens nur ein Teil der Lö­sung. Auf Face­book ver­zich­ten, der Wei­ter­ga­be von Da­ten nicht zu­stim­men . . . Die Ver­ant­wor­tung liegt aber nicht bei den End­nut­ze­rin­nen und -nut­zern, son­dern bei der Po­li­tik und den Fir­men selbst. Bei der nor­we­gi­schen Da­ten­schutz­be­hör­de wur­de schon ei­ne Be­schwer­de ein­ge­reicht. Auch die Da­ten­schutz-NGO Noyb will bei der hei­mi­schen Be­hör­de ei­ne Be­schwer­de ein­rei­chen. Dass sich Tür­kis-Grün die „Aus­stat­tung der Da­ten­schutz­be­hör­de mit aus­rei­chen­den Res­sour­cen“ins Pro­gramm ge­schrie­ben hat, ist des­halb gut und wich­tig – für uns al­le, nicht nur die On­line-Da­ting-Fans.

VON AN­NA GOLDENBERG

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