Ein­bli­cke in un­se­re Ei­gen­hei­me

Ho­me-Sta­ging. Die Sicht­bar­ma­chung des Pri­va­ten macht dank Vi­deo­kon­fe­ren­zen im Ho­me-Of­fice auch vor den Wohn­ver­hält­nis­sen nicht halt. Ein­bli­cke in Ei­gen­hei­me meh­ren sich – und ge­ben Auf­schluss über die Psy­cho­lo­gie des Woh­nens.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON DA­NI­EL KALT

Dank Vi­deo­kon­fe­ren­zen wis­sen wir bes­ser, wie an­de­re woh­nen. Da­hin­ter ver­birgt sich auch ei­ni­ges.

Das Ge­heim­nis ei­ner Wie­ner Woh­nung ist fast nicht zu lüf­ten“, schreibt In­ge­borg Bach­mann in ih­rem „To­des­ar­ten“-Ro­man­frag­ment „Der Fall Fran­za“. Und wei­ter: „Auch für die bes­ten Freun­de ei­nes Men­schen nicht, und die Leu­te, die es wag­ten, Leu­te ein­zu­la­den, die wa­ren neu­reich, alt­reich und hat­ten nichts zu ver­ber­gen und Ba­de­zim­mer, in die man Gäs­te füh­ren konn­te ( . . . )“Das war 1966. Dass sich seit­her in die­sen einst un­lüft­ba­ren Wohn­räu­men die Si­tua­ti­on äs­the­tisch ge­bes­sert hat, ist an­zu­neh­men. In jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit hat wohl auch die Ten­denz zu so­ge­nann­tem Self-Broad­cas­ting in so­zia­len Me­di­en zu die­ser Öff­nung bei­ge­tra­gen.

Wa­ren bis vor Kur­zem noch in ers­ter Li­nie Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­men und Airb­n­bAn­bie­ter die Ab­neh­mer von pro­fes­sio­nel­lem Ho­me-Sta­ging – al­so der meist eher ste­ri­len Be­hüb­schung von nicht ganz per­sön­lich ge­stal­te­ten Wohn­räu­men –, so hat sich die Si­tua­ti­on be­darfs­sei­tig nun ver­än­dert. Vi­deo­te­le­fo­na­te ge­hö­ren in der Hei­mi­so­lie­rung zu den gän­gigs­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­ma­ten: Man möch­te auch vi­su­ell in Kon­takt blei­ben. Zu­gleich ver­la­gert sich das Be­rufs­le­ben ver­mehrt in das Pri­va­te, al­ler­orts wird Ho­me-Of­fice prak­ti­ziert. Und Ge­schäfts­part­ner, die an ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz teil­neh­men, be­kom­men nun nicht den an­ony­men Hin­ter­grund an­de­rer Vi­deo­kon­fe­renz­zim­mer zu se­hen, son­dern eben je­ne Räu­me, die man zu­vor nur je­nen zeig­te, die man die Schwel­le zum Zu­hau­se über­tre­ten ließ.

Bau­ern­stu­be oder Vin­ta­ge-Ra­dio?

Auch an­de­res tritt mit der er­zwun­ge­nen Of­fen­le­gung des Woh­nens zu­ta­ge. Schließ­lich ge­hört, sie­he Pier­re Bour­dieus Aus­füh­run­gen zum Dis­tink­ti­ons­be­dürf­nis der so­zia­len Schich­ten, auch die­ser Aspekt zu ei­nem er­hoff­ten ge­sell­schaft­li­chen Up­grade auf­stre­ben­der In­di­vi­du­en. Auf der Ebe­ne der Be­klei­dung oder des Kul­tur­ge­schmacks lässt sich das aber leich­ter ver­wirk­li­chen als durch die Zur­schau­stel­lung ei­nes mit er­erb­tem Mo­bi­li­ar be­stück­ten Wohn­zim­mers. Au­ßer­dem ist die Dring­lich­keit, sich die­ses Le­bens­be­reichs an­zu­neh­men, im Nor­mal­fall ge­rin­ger: Die Pri­vat­sphä­re lässt sich eben ein­fa­cher wah­ren als der Kunst- oder Mu­sik­ge­schmack ver­heim­li­chen.

Auf­schluss­reich sind die neu­en Ein­bli­cke auch hin­sicht­lich der Psy­cho­lo­gie des Woh­nens. Die Ecken und Bild­aus­schnit­te, in de­nen ein je­der sich vi­deo­kon­fe­ren­zie­rend her­zeigt, sind wohl je­ne, die er am re­prä­sen­ta­tivs­ten für sich selbst hält. Rus­ti­ka­le Bau­ern­stu­ben in Fe­ri­en­häu­sern, Kunst al­ler Qua­li­täts­stu­fen, Bo­den­va­sen mit küm­mer­li­chen Ge­ste­cken, dis­kret den Buch­rü­cken ver­heim­li­chen­de Ro­ma­ne, au­ßer­dem vie­le schrä­ge Wän­de in aus­ge­bau­ten Dach­woh­nun­gen: Das be­kommt man auch im Fern­se­hen ge­ra­de zu­hauf zu se­hen, und zwar bei Aus­lands­jour­na­lis­ten (lieb ge­won­nen: das Vin­ta­ge­ra­dio von ORF-Rom-Kor­re­spon­den­tin Kat­ha­ri­na Wa­gner) eben­so wie bei den Ko­mö­di­an­ten Gott­schalk, Jauch und Po­cher, die in ei­ner Sky­pe-Hu­mor-WG an der kol­lek­ti­ven Be­spa­ßung Deutsch­lands schei­tern.

Ös­ter­rei­chi­sche TV-Zu­se­her tref­fen sol­che Ein­bli­cke nicht ganz un­vor­be­rei­tet, man kennt die De­tail­auf­nah­men in Eli­sa­beth T. Spi­ras „Lie­bes­ge­schich­ten und Hei­rats­sa­chen“. Pein­li­cher Nip­pes, drol­li­ge Kit­schan­samm­lun­gen und schund­li­te­ra­ri­sche Klas­si­ker im Bü­cher­re­gal dien­ten da als ding­li­che Un­ter­füt­te­rung ei­nes In­ter­view­for­mats, das doch zu­meist lie­bens­wür­dig blieb.

Dass man als Auf­putz nur be­hal­ten soll, was „joy spar­ked“, weiß das ge­neig­te Pu­bli­kum seit dem in­ter­na­tio­na­len Er­folg der Net­flix-Auf­räum­hel­fe­rin Ma­rie Kon­do. Man mö­ge sich von al­lem Un­nö­ti­gen tren­nen, Platz schaf­fen, Licht und Luft durch­las­sen, so ih­re Bot­schaft. Mit der tröst­li­chen Ge­müt­lich­keit des in Nord­eu­ro­pa ent­stan­de­nen Hyg­ge-Wohn­ge­fühls konn­te Kon­do nicht viel an­fan­gen. Wer sich aber jetzt in sei­ner Qua­ran­tä­ne­woh­nung nach ent­sorg­ten Flau­schwoll­de­cken sehnt, ist Kon­do – die spä­ter selbst pa­ra­do­xer­wei­se ei­nen On­li­ne­shop mit durch­aus Ent­sor­gens­wer­tem star­te­te – wohl zu früh auf den Leim ge­gan­gen.

Kahl­heit in der Hei­mi­so­lie­rung

Die Ex­trem­ver­si­on des aus­ge­räum­ten – und da­durch ziem­lich un­per­sön­li­chen – Woh­nens prak­ti­ziert das Pop­kul­tur-Traum­paar Kanye West und Kim Kar­da­shi­an: West, der sich für ei­nen eben­so ge­nia­li­schen De­si­gner wie Ge­samt­künst­ler hält, hat das Haus für sei­ne Fa­mi­lie mit­ent­wor­fen. Wie man in die­sen kah­len Räu­men ei­ne an­dau­ern­de Hei­mi­so­lie­rung über­ste­hen soll, oh­ne in Tris­tesse zu ver­fal­len, er­schließt sich dem So­ci­al-Me­dia-Voy­eur nicht. Ent­spre­chend öde geht es ge­ra­de in den Ins­ta-Sto­ries die­ses Ce­le­bri­ty­Haus­halts zu. Es scheint fast, als sei Lan­ge­wei­le ein­ge­zo­gen, wo man sich sonst mit dem An­le­gen von Ganz­kör­per-La­te­xan­zü­gen vor ei­ner Mo­de­schau die Zeit ver­treibt.

Eher das Ge­gen­teil von in ex­tre­mis re­du­zier­tem Woh­nen könn­te es be­deu­ten, wenn das Schlag­wort des Neo-Bie­der­mei­ers nun ernst ge­nom­men wird: Denn es lie­ße den­ken an spie­ßi­ge Ge­müt­lich­keit, das Nied­li­che und Voll­ge­stopf­te oder, Ver­si­on 21. Jahr­hun­dert, eben doch das er­neu­te Sprie­ßen von Hyg­ge-Träu­me­rei­en. Wenn ge­nug Men­schen auf die Idee ver­fal­len, sich mit an­ge­wand­ter Ba­s­tel­kunst die neu ge­won­ne­ne Zeit (und je­ne der zu Hau­se ge­stran­de­ten Schul­kin­der, na­tür­lich!) zu ver­trei­ben, könn­te dem­nächst ei­ne Fau­na aus Kar­tof­fel­mäu­sen und Hä­kel­wür­mern welt­um­span­nend die Fens­ter­bänk­chen be­sie­deln. Ein Schelm, wer jetzt an die Um­stri­ckung des ra­ren Gu­tes Toi­let­ten­pa­pier­rol­le denkt.

So reich an ent­behr­li­chem De­ko­rum, wie man an­neh­men könn­te, wa­ren die Mö­bel des Bie­der­mei­ers üb­ri­gens gar nicht. Die Räu­me wa­ren zwar nicht spär­lich mö­bliert, doch die Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de soll­ten durch­aus funk­tio­nal sein. Das Ge­heim­nis­krä­me­ri­sche die­ser Zeit spie­gel­te sich in Schub­läd­chen, Kom­möd­chen und an­de­ren Mög­lich­kei­ten des Ver­räu­mens.

Wo­mög­lich steu­ern wir auf ei­ne Re­nais­sance der ana­lo­gen Ob­jekt­kul­tur zu, und, wenn die Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät erst ein­mal voll­zo­gen ist, die Ver­la­ge­rung des sehn­süch­ti­gen Sa­chen­su­chens (wie As­trid Lind­gren das nann­te) aus so­zia­len Me­di­en in neu­er­dings ent­staub­te Setz­käs­ten.

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Her­zeig­bar, aber et­was un­per­sön­lich: Kanye West ent­warf die mi­ni­ma­lis­ti­schen Wohn­räu­me für sei­ne Ce­le­bri­ty-Fa­mi­lie.

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