Max Hollein im In­ter­view

New York. Max Hollein, Di­rek­tor des Me­tro­po­li­tan Mu­se­um, sieht auch Chan­cen in der Kri­se, et­wa das lo­ka­lere Pu­bli­kum.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON AL­MUTH SPIEG­LER

Der Di­rek­tor des Me­tro­po­li­tan Mu­se­ums in New York sieht Chan­cen in der Kri­se.

Die Pres­se: Zwei Ta­ge nach den Mu­se­en in Ös­ter­reich ha­ben Sie schon am 13. März das Me­tro­po­li­tan Mu­se­um ge­schlos­sen. Das war lang be­vor der Rest von New York her­un­ter­ge­fah­ren wur­de. War­um?

Max Hollein: Wir wa­ren ei­nes der ers­ten gro­ßen Mu­se­en, die auf die Kri­se re­agiert ha­ben. An­ders als in Eu­ro­pa, wo ei­ne staat­li­che Stel­le et­was vor­schreibt, ha­ben wir das als Stif­tung für uns selbst ent­schie­den. Uns ging es dar­um, für die Be­su­cher, Mit­ar­bei­ter und die All­ge­mein­heit rich­tig zu han­deln.

Das heißt, al­le nach Hau­se zu schi­cken. Nur Sie er­rei­chen wir jetzt im Mu­se­um, zwi­schen meh­re­ren Te­le­fon­kon­fe­ren­zen. Wie kann man sich das vor­stel­len – wan­deln Sie al­lein durch die Hal­len?

Nicht ganz, aber der Mit­ar­bei­ter­stab vor Ort ist ex­trem re­du­ziert, be­ste­hend vor al­lem aus Si­cher­heits­leu­ten und an­de­ren, die die Funk­tio­na­li­tät wie Kli­ma­tech­nik etc. auf­recht­er­hal­ten.

Wann rech­nen Sie mit Wie­der­er­öff­nung? Der­zeit sind wir beim 1. Ju­li. Das wird dann al­ler­dings nicht mehr un­se­re, son­dern ei­ne Ent­schei­dung des Staa­tes New York sein.

Mit wel­chen Ver­lus­ten rech­nen Sie? Die Al­ber­ti­na in Wi­en hat ih­re mit acht Mil­lio­nen Eu­ro be­zif­fert.

Nie­mand kann ei­ne ge­naue Zahl nen­nen. Aber wir rech­nen mit 100 Mil­lio­nen als di­rek­te Aus­wir­kung. 60 Mil­lio­nen bis zur Wie­der­er­öff­nung, wei­te­re 40 da­nach. Es wird ja nicht so­fort wie­der nor­mal wei­ter­ge­hen, die Be­su­cher­zah­len und das Fund­rai­sing wer­den ge­rin­ger sein. Es ist uns wich­tig, un­se­ren Trus­tees jetzt rasch klar­zu­ma­chen, was das für uns be­deu­tet. Auch für al­le an­de­ren Mu­se­en in den USA, die ja vor­wie­gend pri­va­te Stif­tun­gen sind.

Se­hen Sie Aus­wir­kun­gen auf die ge­sam­te US-Mu­se­ums­land­schaft?

Es wird wohl ei­ne neue Form der Kol­le­gia­li­tät und Un­ter­stüt­zung in Form von Zu­sam­men­ar­beit ge­ben. Da­bei möch­ten wir ei­ne

Füh­rungs­rol­le ein­neh­men, ha­ben et­wa ge­ra­de ei­ne Kam­pa­gne ge­star­tet, um Ein­fluss zu neh­men auf die der­zei­ti­gen Hilfs­pa­ke­tVer­hand­lun­gen auf staat­li­cher Ebe­ne.

An­de­re Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen in den USA ha­ben so­fort mas­siv Mit­ar­bei­ter ent­las­sen, vor al­lem im Mu­sik­be­reich. Wie wer­den Sie das hand­ha­ben?

Wir ha­ben 2400 Mit­ar­bei­ter, und dar­an wird sich bis 4. April – das war das ers­te an­ge­nom­me­ne Da­tum der Wie­der­er­öff­nung – nichts än­dern. Jetzt sind wir da­bei, Mo­del­le für da­nach zu über­le­gen. Es ist für al­le hier ei­ne Kri­se, die auch per­sön­lich je­den Ein­zel­nen be­trifft. Wir ha­ben ei­nen von tie­fer emo­tio­na­ler Ver­bun­den­heit ge­präg­ten Mit­ar­bei­ter­stab. Kom­mu­ni­ka­ti­on und Or­ga­ni­sa­ti­on sind jetzt gro­ße Her­aus­for­de­run­gen.

Wel­che Aus­stel­lun­gen muss­ten Sie be­reits ab­sa­gen?

Wir ha­ben Tei­le ver­scho­ben, Klei­ne­res ab­ge­sagt. Noch da­zu ha­ben wir ge­ra­de heu­er ein be­son­ders vol­les, groß­ar­ti­ges Pro­gramm, weil wir un­ser 150. Ju­bi­lä­um fei­ern. Was man aber auch be­den­ken muss – im Mo­ment ge­hen na­tür­lich kei­ne Leih­ga­ben rund um die Welt. Ob ge­plan­te gro­ße Aus­stel­lun­gen im Herbst al­so zu­stan­de kom­men, ist frag­lich. Wir wer­den uns ver­stärkt auf un­se­re ei­ge­ne Samm­lung kon­zen­trie­ren.

Was wird im Herbst noch an­ders sein? Ne­ben ins­ge­samt we­ni­ger Be­su­chern und we­ni­ger Mä­ze­na­ten­tum wer­den wir zu Be­ginn ein deut­lich lo­ka­leres Pu­bli­kum ha­ben. Das se­he ich als Chan­ce, ei­nen noch en­ge­ren Dia­log zu füh­ren, ei­ne noch en­ge­re Bin­dung zu er­rei­chen. Ei­ne wei­te­re gro­ße Ve­rän­de­rung wird sein, dass wir den Mus­kel der di­gi­ta­len Ver­brei­tung so ent­wi­ckelt ha­ben wer­den, dass das ein noch viel stär­ke­res Stand­bein als bis­her wird. Wir ha­ben sehr früh schon auf die­se On­line­platt­for­men ge­setzt. Es ist ei­ne er­wei­ter­te Form, mu­sea­le Auf­ga­ben ein­zu­lö­sen. Da­bei geht es nicht dar­um, die Be­trach­tung des Ori­gi­nals zu er­set­zen, son­dern un­ser Sto­ry­tel­ling, grund­le­gen­des Wis­sen über Kunst­ge­schich­te, wei­ter­zu­ver­brei­ten.

[ Max Hollein]

Selbst fo­to­gra­fiert: Max Hollein, ge­bo­ren 1969 in Wi­en, im lee­ren Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art.

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