Was auf uns noch zu­kom­men wird

Die Aus­brei­tung zu­nächst un­ter Kon­trol­le be­kom­men und dann un­ter Kon­trol­le hal­ten – bis sich die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung an­ge­steckt hat. Dar­auf zie­len sämt­li­che Maß­nah­men ab.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON KÖKSAL BALTACI

Zu­nächst die schlech­te Nach­richt: Prak­tisch al­le Ex­per­ten sind da­von über­zeugt, dass die Aus­brei­tung des Co­ro­na­vi­rus nicht mehr auf­zu­hal­ten ist und sich frü­her oder spä­ter die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung an­ste­cken wird – die Be­rech­nun­gen ge­hen von 60 bis 70 Pro­zent aus. Dann dürf­te die so­ge­nann­te Her­den­im­mu­ni­tät er­reicht wer­den, In­fek­tio­nen kom­men al­so nur noch ver­ein­zelt vor, die Vi­rus­ak­ti­vi­tät ist nicht mehr epi

de­misch. Ähn­lich, wie das beim In­flu­en­za­vi­rus au­ßer­halb der Grip­pe­sai­son der Fall ist.

Aber wie lang wird es dau­ern, bis sich in Ös­ter­reich die Her­den­im­mu­ni­tät ein­stellt? Und wer­den die in Kraft be­find­li­chen Iso­la­ti­ons­maß­nah­men so­wie Ver­hal­tens­vor­ga­ben bis da­hin gel­ten, oder könn­ten sie schon zu­vor schritt­wei­se ge­lo­ckert wer­den? Wenn ja, wann wird es so weit sein? Die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen hän­gen fast aus­schließ­lich von der Ein­hal­tung der be­ste­hen­den Re­geln des Lock­down ab.

Das wird auch die Kern­bot­schaft des Kri­sen­stabs der Bun­des­re­gie­rung sein, die für heu­te, Frei­tag, ei­nen Aus­blick auf die mög­li­chen Maß­nah­men der kom­men­den Wo­chen und Mo­na­te an­ge­kün­digt hat.

Hö­he­punkt in drei Wo­chen

Was be­reits heu­te mit Si­cher­heit ge­sagt wer­den kann: Bis sich die Zahl der An­ste­ckun­gen über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum sta­bil hält, wird sich an der jet­zi­gen Si­tua­ti­on nichts än­dern. Ak­tu­el­len Si­mu­la­tio­nen zu­fol­ge könn­te in et­wa drei Wo­chen der Hö­he­punkt der Epi­de­mie er­reicht wer­den. Soll­te das ein­tref­fen und es wei­te­re zwei bis drei Wo­chen lang zu kei­nem nen­nens­wer­ten An­stieg kom­men, ist es rea­lis­tisch, dass mit An­fang Mai ers­te Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men auf­ge­ho­ben wer­den – und zwar haupt­säch­lich nach wirt­schaft­li­cher Not­wen­dig­keit.

Denk­bar wä­re al­so die In­be­trieb­nah­me von Un­ter­neh­men so­wie Ge­schäf­ten wie et­wa Fri­seu­ren, Kos­me­tik­stu­di­os, Re­stau­rants, Bars, Ki­nos, Thea­tern, Mu­se­en, Fit­ness­cen­tern und Ten­nis­klubs – vor­läu­fig mit Auf­la­gen wie et­wa Be­gren­zun­gen der Be­su­cher auf 50 oder 100 pro Raum. Auch Kin­der­gär­ten und Schu­len dürf­ten dann wie­der ge­öff­net wer­den, da­mit mehr El­tern mit Kin­der­be­treu­ungs­pflich­ten ar­bei­ten kön­nen. Par­al­lel da­zu müss­te die Be­völ­ke­rung aber wei­ter­hin groß­flä­chig auf das Co­ro­na­vi­rus ge­tes­tet wer­den, um in­fek­tiö­se Pa­ti­en­ten so schnell wie mög­lich zu iso­lie­ren – aber auch um mit An­ti­kör­per­tests (Blut­tests mit Er­geb­nis­sen in­ner­halb we­ni­ger St­un­den) her­aus­zu­fin­den, wel­che Men­schen die Krank­heit be­reits un­be­merkt durch­lau­fen ha­ben. Denn sie sind im­mun, kön­nen we­der an­ste­cken noch an­ge­steckt wer­den und so­mit un­ein­ge­schränkt ih­ren Tä­tig­kei­ten nach­ge­hen.

Vor­erst kei­ne Groß­ver­an­stal­tun­gen

Auch die emp­foh­le­nen Hy­gie­ne­maß­nah­men so­wie ver­pflich­ten­den Ver­hal­tens­re­geln wie et­wa die Ein­hal­tung des Zwei-Me

ter- Ab­stands wä­ren wei­ter­hin zu be­fol­gen. Eben­so wie die an­hal­tend stren­ge­ren Qua

ran­tä­ne­be­stim­mun­gen für Ri­si­ko­grup­pen (Äl­te­re so­wie Men­schen mit Vo­r­er­kran­kun­gen) und das Ar­bei­ten von zu Hau­se aus, so­fern das mög­lich ist.

Be­glei­tet von Sen­si­bi­li­sie­rungs­kam­pa­gnen, da­mit Sym­pto­me recht­zei­tig er­kannt und ent­spre­chen­de Schrit­te wie et­wa Heim­qua­ran­tä­ne ge­setzt wer­den. Um nicht zu ris­kie­ren, dass die Aus­brei­tung des Er­re­gers er­neut au­ßer Kon­trol­le ge­rät und ex­po­nen­ti­ell steigt – was je­der­zeit pas­sie­ren kann, so­lang die Her­den­im­mu­ni­tät nicht er­reicht ist. Da­her wer­den re­gio­na­le Iso­la­ti­ons­maß­nah­men bis hin zur Ab­schot­tung gan­zer Ort­schaf­ten wei­ter­hin kei­ne Sel­ten­heit sein.

Groß­ver­an­stal­tun­gen wie et­wa Kon­zer­te, Fes­ti­vals und Sport­er­eig­nis­se sind in den kom­men­den drei, vier Mo­na­ten oh­ne­hin un­denk­bar.

„Die Ver­ant­wort­li­chen müss­ten bei ih­ren Ent­schei­dun­gen ei­ne Ba­lan­ce fin­den zwi­schen kal­ku­lier­ba­rem Ri­si­ko für die Ge­sund­heit der Men­schen auf der ei­nen und wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen auf der an­de­ren Sei­te“, sagt Bernd Lam­precht, Vor­stand der Kli­nik für Lun­gen­heil­kun­de des Ke­p­ler-Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Linz. „Die­se Ba­lan­ce müss­te – mit stän­di­gen An­pas­sun­gen – ei­ni­ge Mo­na­te ge­hal­ten wer­den.“

Un­kon­trol­lier­te Ak­ti­vi­tät ver­hin­dern

In die­sen Mo­na­ten, in de­nen die Ge­samt­zahl der In­fi­zier­ten nur lang­sam stei­gen dürf­te, wird ei­ne Ba­sis­re­pro­duk­ti­ons­ra­te – das ist die Zahl der Men­schen, die ei­ne in­fi­zier­te Per­son im Schnitt an­steckt – von höchs­tens eins an­ge­strebt. Ge­lingt das, wird ei­ne un­kon­trol­lier­te Ak­ti­vi­tät des Vi­rus ver­hin­dert. Zum Ver­gleich: Der­zeit liegt sie bei zwei bis drei, wes­we­gen sich die Epi­de­mie rasch aus­brei­tet. Auch das In­flu­en­za­vi­rus hat wäh­rend ei­ner Grip­pe­wel­le ei­ne Ba­sis­re­pro­duk­ti­ons­ra­te von zwei – sie soll­te im Üb­ri­gen bis Mit­te April (nach ei­ner un­ge­wöhn­lich lan­gen Sai­son) end­gül­tig ab­fla­chen, wo­durch Ka­pa­zi­tä­ten in den In­ten­siv­sta­tio­nen der Kran­ken­häu­ser frei wür­den.

Eu­ro­pa­wei­te Pan­de­mie-Ent­wick­lung

Die­ser Fak­tor, mög­li­che neue Be­hand­lungs­me­tho­den so­wie die eu­ro­pa­wei­te Ent­wick­lung der Pan­de­mie wer­den bei den be­vor­ste­hen­den Ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der Rück­nah­me von Maß­nah­men eben­falls zu be­rück­sich­ti­gen sein, bis ir­gend­wann – eher spä­ter als frü­her – auch die Auf­he­bung von in­ter­na­tio­na­len Rei­se­be­schrän­kun­gen an­ge­dacht wer­den kann.

Und von die­sen Ent­schei­dun­gen wird die Dau­er der, nen­nen wir es, Lock­down­light-Pha­se ab­hän­gen, die sich bis zu vier Mo­na­te hin­zie­hen könn­te – mit schritt­wei­sen, zu­wei­len so­gar wö­chent­li­chen Lo­cke­run­gen, an de­ren En­de die Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät ste­hen wird. Ir­gend­wann im Spät­som­mer oder Herbst. Bis da­hin dürf­te die Hälf­te der Be­völ­ke­rung an­ge­steckt wor­den sein – vie­le Men­schen, oh­ne es be­merkt zu ha­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.