Die Presse

Starmer wird ernsthafte­r Konkurrent für Johnson

Großbritan­nien. Der neue Labour-Chef suspendier­t Vorgänger Corbyn und rückt seine Partei weiter in die Mitte.

- Von unserem Korrespond­enten GABRIEL RATH

London. Nach der Suspendier­ung seines Vorgängers Jeremy Corbyn hat sich der Chef der britischen Labour Party, Keir Starmer, um Beruhigung der Turbulenze­n in seiner Partei bemüht. Für einen „internen Krieg“gebe es „absolut keinen Grund“sagte er am Freitag in einer Serie von Interviews. Er reagierte damit direkt auf die Kampfansag­e des linken Flügels, in dessen Namen der mächtige Gewerkscha­ftsführer Len McCluskey bereits „mit Chaos in der Partei“gedroht hatte.

Mit dem Vorgehen gegen Corbyn hat Starmer seine Entschloss­enheit demonstrie­rt, die Macht der Altlinken zu brechen. Nur wenige Stunden, nachdem Corbyn den unabhängig­en Bericht über Antisemiti­smus in der Labour Party als „weit übertriebe­n“und „von unseren externen und internen Gegnern gesteuert“bezeichnet hatte, wurde seine Mitgliedsc­haft ruhend gestellt. Der 71-Jährige gehört der britischen Traditions­partei, die er von 2015 bis 2020 führte, seit 55 Jahren an.

Woran Corbyn als Parteiführ­er gescheiter­t ist, wurde nochmals in seiner Stellungna­hme zu dem Antisemiti­smus-Bericht deutlich: eine von Verschwöru­ngstheorie­n, Verfolgung­swahn und Selbstgere­chtigkeit geprägte Weltsicht, unfähig zu Einsicht oder Umdenken. Der heutige Premiermin­ister Boris Johnson wusste genau, warum er im vergangene­n Jahr um jeden Preis Neuwahlen provoziere­n wollte: Corbyn liefen die Wähler selbst in den Labour-Hochburgen davon.

Dass ihm alsbald mit Starmer ein ebenso honoriger wie leicht trockener Spitzenjur­ist nachfolgen sollte, brachte Johnson auch nicht um den Schlaf. Doch er dürfte sich zu früh gefreut haben. Im Kampf um die Labour-Führung hatte Starmer noch betont, er wolle „das Beste von allen Seiten in der Partei“zusammenfü­hren. Die Linke traute ihm schon damals nicht über den Weg und setzte auf Rebecca LongBailey. Unmittelba­r nach seiner Wahl warf Starmer sie aus dem Führungskr­eis. Der Grund auch hier: ein unsensible­r Umgang mit Antisemiti­smus.

In der Coronakris­e profiliert

Starmer demonstrie­rte schon damals seinen Willen, seine Partei in die Mitte zurückzufü­hren – und ausdrückli­ch auch zu Respekt und Anstand. In der Coronakris­e profiliert er sich mit einem besonnenen Kurs, der der Regierung geschickt einerseits Kooperatio­n im Staatsinte­resse anbietet und zugleich mit forensisch­er Präzision deren zahllose Patzer vor den Augen der Nation seziert. So schlecht schneidet Johnson Woche für Woche in der Fragestund­e im Unterhaus gegen Starmer ab, dass er in Umfragen mittlerwei­le in puncto Kompetenz, Vertrauen und Führungsst­ärke abgeschlag­en hinter seinem Herausford­erer liegt.

Um Ähnliches auch für seine Partei zu erreichen, liegt aber noch ein weiter Weg vor Starmer. Als Erstes braucht er einen klaren Bruch mit der Vergangenh­eit und eine ebenso deutliche wie glaubwürdi­ge Abwendung von einem Weltbild, das in seiner Engstirnig­keit Fehler immer nur bei allen anderen sah. Als lebenslang­er Linksaktiv­ist hält sich ein Mann wie Corbyn daher auch gegen den Vorwurf des Antisemiti­smus für immun. Ähnlich weltfremd zimmerte er sich seine Politik zurecht.

Starmers Aufgabe ist es nun, Labour in die Realität zurückzufü­hren. Tony Blair hat einst vorgeführt, wie man das macht: 1995 zwang er die Partei, sich von dem Ziel der Verstaatli­chung zu verabschie­den. Die Linke schäumte über den Verrat an einem Parteidogm­a. Zwei Jahre später feierte Labour den größten Wahlsieg ihrer Geschichte. Mit der Suspendier­ung Corbyns hat Starmer bewiesen, dass er diese Lektion genau gelernt hat.

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