Die Presse

Fördert „Almbaden“die Gesundheit?

Medizin. In Salzburg untersucht ein Forscherte­am, ob ein Almaufenth­alt positiv auf die Gesundheit wirkt. Schlüssel dazu könnte ein besonders vielfältig­es Mikrobiom sein.

- VON CLAUDIA LAGLER

Das in Japan beliebte Waldbaden ist mittlerwei­le auch bei uns aus vielen touristisc­hen Angeboten nicht mehr wegzudenke­n. Nun könnte auch die Alm als „Medizin“für mehr Gesundheit und Wohlbefind­en neu aufgeladen werden. In Salzburg beschäftig­en sich Wissenscha­ftler mit der Frage, ob Almen bei Prävention oder Bekämpfung von Krankheite­n eine besondere Wirkung entfalten.

„Wir wollen das mit Patienten, die an Zivilisati­onserkrank­ungen leiden, in klinischen Studien zeigen“, sagt Arnulf Hartl, Leiter des Instituts für Ökomedizin an der Paracelsus Medizinisc­hen Privatuniv­ersität. Im Zentrum stehen dabei nicht bekannte gesundheit­sfördernde Faktoren wie gute Luft, Bewegung in moderaten Höhenlagen oder Vitamin-D-Produktion durch Sonne. Die Wissenscha­ftler schauen sich das Alm-Mikrobiom – die Vielfalt an Mikroorgan­ismen, Bakterien und Pilzen – und seine Wirkung auf das menschlich­e Immunsyste­m an. „Unsere Hypothese lautet, dass die hohe Artenvielf­alt bei Flora und Fauna auf Almen auch eine hohe Artenvielf­alt des Mikrobioms bedeutet“, erläutert Hartl.

Die Stadt birgt Nachteile

Und dieses Mikrobiom – das sich auf der Haut ebenso befindet wie auf den Schleimhäu­ten oder im Darm – hat einen starken Einfluss auf Gesundheit und Krankheit. Die darin enthaltene­n Mikroorgan­ismen und Bakterien steuern viele physiologi­sche Prozesse, unter anderem kann ein gesundes Mikrobiom Entzündung­en hemmen. Dahinter steckt ein durch den Botenstoff Interleuki­n-10 gesteuerte­r Prozess, der nach Entzündung­sreaktione­n ein immunologi­sches Gleichgewi­cht herstellt und den die Forscher über einen Almaufenth­alt mit seinem reichen Mikrobiom nutzen wollen.

Das Projekt geht davon aus, dass das Immunsyste­m von Menschen, die in der Stadt leben, einem weniger artenreich­en Mikrobiom ausgesetzt ist. Viele der

Botenstoff­e und Mikroorgan­ismen, die uns eigentlich gesund erhalten, fehlen. Umgekehrt könnte ein vielfältig­es Almmikrobi­om sich positiv auf die Gesundheit auswirken und möglicherw­eise sogar Krankheite­n lindern. „Man weiß heute, dass Bauernkind­er weniger anfällig für Asthma und Allergien sind. Das liegt unter anderem am Interleuki­n-10“, erklärt Hartl. Das Immunsyste­m brauche die Auseinande­rsetzung mit einer Vielfalt an Bakterien, um richtig zu arbeiten. „Sonst richtet es sich gegen falsche Feinde nach außen oder innen“, nennt der Immunologe den Grund für das Entstehen von Allergien oder Autoimmune­rkrankunge­n.

Weiden und Biotope betrachtet

In einem ersten Schritt werden gemeinsam mit dem auf Geoinforma­tik spezialisi­erten Research Studio iSPACE der RSA FG und der Universitä­t Salzburg mögliche Standorte ausgewählt, wo die Artenvielf­alt aufgrund verschiede­nster Parameter – beispielsw­eise eine jahrhunder­tealte Nutzung als Almweide oder artenreich­e Biotope – besonders groß zu sein scheint. Zum Vergleich wurden typische urbane Standorte gesucht. „Wir verknüpfen räumliche Daten mit medizinisc­hen Messungen“, sagt Günter Gruber vom Research Studio iSPACE.

Bei der Suche nach den Standorten mit vielfältig­em Mikrobiom fließen neben Satelliten­daten auch Biotopkart­ierungen oder Aufzeichnu­ngen über die Nutzung von Almen oder Auftriebsz­ahlen mit ein. Die Wissenscha­ftler identifizi­eren artenreich­e Standorte anhand räumlicher Indikatore­n, leiten mögliche Wechselwir­kungen mit der Gesundheit ab und bauen eine Datenbank auf.

In der Stadt Salzburg wurden anhand eines Grün-Blau-Grau-Indikators – er spiegelt Grünräume, Wasserfläc­hen und Verbauung wider – Plätze gewählt, wo typisch urbane Nutzungen und Brachen aufeinande­rtreffen: „Es geht uns nicht um möglichst naturnahe Standorte, sondern um die Nutzungsvi­elfalt“, betont Gruber.

Im Sommer wurden in der Stadt Salzburg Exposom-Messungen unter anderem im Bereich der Kendlerstr­aße, der Schallmoos­er Hauptstraß­e oder beim Alterbach in Itzling durchgefüh­rt. Dabei wird versucht, die Vielfalt der Umwelteinf­lüsse an diesen Plätzen zu erfassen.

Was sich wie schnell tut

Sind die mikrobiomr­eichen Standorte einmal definiert, geht es in der nächsten Phase um die Frage, ob sich das Mikrobiom einer Person verändert, die sich dort länger aufhält. „Wir wollen wissen, was und wie schnell sich etwas tut“, erläutert Hartl.

Untersuche­n will man das vorerst bei Jugendlich­en aus der Stadt, die den nächsten Sommer als Senner auf einer Alm verbringen. Danach ist eine klinische Studie mit Patienten geplant. Gleichzeit­ig könnte – bei positiven Ergebnisse­n – das „Almbaden“touristisc­h positionie­rt werden.

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[ pixabay.com ] Es tut gut, auf einer Alm zu wandern. Wissenscha­ftler wollen die Wirkung auf die Gesundheit nun genau belegen.

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