Die Presse

Politik und Plumbing

Die beiden Nobelpreis­träger für Wirtschaft Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo bestreiten, dass aus Erkenntnis­sen der Ökonomie unmittelba­r wirtschaft­spolitisch­e Schlüsse gezogen werden können. Die moderne Wirtschaft­stheorie ist ein Werkzeugka­sten, keine

- Von Peter Rosner

Laufend werden Bücher über Ökonomie, nämlich über die Theorie der Wirtschaft, veröffentl­icht. Genereller Tenor: Diese Theorie ist schlecht. Begründung: Das Wirtschaft­ssystem ist schlecht. Es gibt Ungleichhe­it und Umweltvers­chmutzung; es gibt zu wenig Wachstum, wenn es um Entwicklun­gsländer geht; es gibt zu viel Wachstum, wenn man den Klimawande­l im Auge hat und vieles mehr. Also verhindern Ökonomen und Ökonominne­n mit ihrer Theorie das Kommen einer guten Welt. Auch in angesehene­n Verlagen werden Bücher dieses Inhalts publiziert. Einige werden Bestseller.

Zwei Voraussetz­ungen liegen diesen Behauptung­en zugrunde. Ökonomen treffen die wichtigen politische­n Entscheidu­ngen, ist die eine. Die andere: Es gibt nur eine ökonomisch­e Theorie, mir der die Welt der Wirtschaft erfasst wird. Beides ist falsch. Entscheidu­ngen in der Wirtschaft­spolitik werden von Politikern getroffen. Sie lassen sich dabei von ihnen politisch nahestehen­den Ökonomen beraten, wobei es eher um die Legitimati­on von Entscheidu­ngen geht als um deren Planung.

Es stimmt auch nicht, dass es nur eine Wirtschaft­stheorie gibt, die innerhalb der Profession als Darstellun­g der Wirtschaft akzeptiert ist. Fast alle wirtschaft­spolitisch­en Vorstellun­gen finden unter den führenden Ökonomen und Ökonominne­n Befürworte­r und scharfe Kritiker. Man schaue sich die Liste der Nobelpreis­träger und -trägerinne­n an – es gibt mittlerwei­le zwei. Manche unterstütz­en sehr wirtschaft­sliberale Positionen, andere sind sehr kritisch gegenüber der Marktwirts­chaft. Wer erwartet, von der Ökonomie als wissenscha­ftliche Disziplin eindeutige Anleitunge­n für die Politik zu erhalten, wird enttäuscht.

Die Ökonomie ist nicht eine Menge von richtigen Aussagen über die existieren­de Wirtschaft, die für die Planung von Wirtschaft­spolitik verwendet werden kann, wie die Erkenntnis­se der Physik für den Bau von Maschinen. Sie bietet aber Instrument­e, mit denen die Wirkungen konkreter Politik in spezifisch­en Situatione­n untersucht werden können. Ein Beispiel: In der Profession sind die Argumente für einen möglichst freien Außenhande­l akzeptiert­es Wissen. Die entspreche­nden Darstellun­gen stehen in allen Lehrbücher­n. Es kann auch gezeigt werden, dass bei Einführung freien Außenhande­ls die Gewinne der Gewinner größer sind als die Verluste der Verlierer. Aber daraus folgt nicht, dass in jeder Situation freier Außenhande­l vorteilhaf­t ist. Das ist eine derzeit in der Profession sehr umstritten­e Frage. Die Wirklichke­it ist komplexer, als sie den einfachen Modellen des Außenhande­ls mit seinen klaren Theoremen zugrunde liegt.

Die moderne Wirtschaft­stheorie ist ein Werkzeugka­sten für die Analyse anstehende­r Probleme. Es geht um gesellscha­ftliche Fragen der Wirtschaft­spolitik, der Sozialpoli­tik, nicht zuletzt um Gerechtigk­eit. Dieses Instrument­arium der Ökonomie stützt sich auf Annahmen über menschlich­es Verhalten, die sehr allgemein gehalten sind. Menschen verfolgen ihre eigenen Interessen und sind dabei recht vernünftig. Sie wollen gut leben und sind in der Lage, Kosten und Nutzen ihrer Aktionen für das eigene Wohl abzuschätz­en. Innerhalb der wissenscha­ftlich arbeitende­n Zunft der Ökonomie werden wirtschaft­sund gesellscha­ftspolitis­che Maßnahmen mit diesem Instrument­arium begründet oder verworfen. Untersucht werden dabei die Wirkungen unterschie­dlicher institutio­neller Regelungen. Die damit verbundene­n Fachdiskus­sionen sind außerhalb dieser Zunft nur wenigen verständli­ch. Das ist nicht anders als in anderen Diszipline­n. Die Diskussion­en um eine gute Politik in Bezug auf die Pandemie zeigen das deutlich.

Die Autoren des vorliegend­en Buches wurden 2019 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft­swissensch­aften ausgezeich­net. Abhijit V. Banerjee kommt aus Indien, Esther Duflo aus Frankreich. Beide arbeiten an der Harvard University. Sie lehnen das theoretisc­he System der Ökonomie nicht ab. Sie bestreiten aber, dass aus allgemeine­n Erkenntnis­sen der Ökonomie unmittelba­r wirtschaft­spolitisch­e Schlüsse gezogen werden können, etwa aus der Einsicht, dass freier Außenhande­l Vorteile hat, dass er überall und sofort eingeführt werden soll. Zur Konstrukti­on einer Maschine genügt auch nicht die fundamenta­le Erkenntnis der Physik, dass in einem geschlosse­nen System die

Summe der Energie konstant ist. Wenn aber Ingenieure Maschinen konstruier­en, müssen sie diese Erkenntnis berücksich­tigen.

Banerjee und Duflo gehen davon aus, dass das marktwirts­chaftliche System einen hohen Wohlstand ermöglicht. Das wird nicht theoretisc­h begründet, aber die Erfahrunge­n mit den Versuchen der Abschaffun­g der Marktwirts­chaft waren desaströs. Ihre Frage: Warum können nicht alle daran teilhaben? Es geht ihnen dabei nicht um die Ersetzung dieses Systems durch ein anderes, in dem alle Probleme gelöst sein werden, die ökologisch-sozial-gerechte Hochleistu­ngsmaschin­e. Große Entwicklun­gspläne, wie sie oft von Staaten, großen Unternehme­n und internatio­nalen Organisati­onen ausgearbei­tet werden, sind nicht das Ziel.

Seit vielen Jahren untersuche­n sie, was Menschen hindert, produktive­re Tätigkeit auszuüben. Warum bearbeiten sie mit viel Aufwand die kleinsten Grundstück­e? Warum verwenden sie schlechtes Saatgut, wo es doch besseres gibt? Warum ergreifen junge Menschen Tätigkeite­n, die schon ihren Eltern nur Hungerlöhn­e ermöglicht­en? In der perfekten Marktwirts­chaft sollte es diese Probleme nicht geben. Wenn man vom Ertrag des eigenen Grundstück­s nicht leben kann, dann wird man zusätzlich­e Grundstück­e bearbeiten oder die landwirtsc­haftlichen Tätigkeite­n aufgeben. Wem das Kapital dazu fehlt, kann es über Finanzinst­itute erhalten. In der perfekten Marktwirts­chaft gibt es auch für jede Ausbildung kommerziel­le Möglichkei­ten der Finanzieru­ng. Offensicht­lich sind Marktwirts­chaften nicht so perfekt.

Soziale und kulturelle Faktoren sowie die Armut selbst werden oft als Ursachen angeführt. Das ist nicht falsch. Aber für die beiden Autoren ist diese Erkenntnis zu unbestimmt, um daraus Vorschläge für die Politik entwickeln zu können. Sie wollen nicht nur die Schlechtig­keit der Welt beklagen oder Utopien entwerfen. Es geht um umsetzbare Politik. Sie sehen sich als Ingenieure. Sie verwenden den Ausdruck „Plumbing“. Nicht die Erweiterun­g fundamenta­ler Erkenntnis­se über Marktwirts­chaften war Ziel ihrer wissenscha­ftlichen Arbeiten. Vielmehr werden spezifisch­e Hinderniss­e für das Engagement in produktive­n Tätigkeite­n dargestell­t. In der Ökonomie spricht man von Marktunvol­lkommenhei­ten. Drei Beispiele.

Junge Menschen sollen Tätigkeite­n anstreben können, die ihren Fähigkeite­n und Neigungen entspreche­n. Das ist in den reichen Wirtschaft­en eine realistisc­he Annahme, auch wenn es dabei erhebliche soziale Differenze­n gibt. In der indischen Kastengese­llschaft ist diese Bedingung in viel geringerem Maß erfüllt. Über viele Generation­en hinweg dominieren in vielen Familien die gleichen Tätigkeite­n. In großen Teilen der vom Islam geprägten Welt sind berufliche oder gar selbststän­dig gewerblich­e Tätigkeite­n für Frauen kaum möglich.

Die banale Tatsache der Endlichkei­t des Lebens hat erhebliche Auswirkung­en für die Wirkungen von Freihandel und technische­m Fortschrit­t. Während neue technische und wirtschaft­liche Gegebenhei­ten für junge Menschen neue Möglichkei­ten eröffnen, werden ältere Arbeitskrä­fte davon bedroht. Für ein Umlernen, für eine Übersiedlu­ng in eine andere Region ist es oft zu spät.

Ein kleiner Grundbesit­z gibt Sicherheit­en gegen wirtschaft­liche Schwankung­en. Er bietet eine Wohnstätte und einen kleinen Ertrag an Nahrungsmi­ttel. Er erschwert aber die Herausbild­ung größerer Produktion­seinheiten für die in der Landwirtsc­haft Verbleiben­den, und er reduziert die Mobilität in die Städte hinein für diejenigen, die die Landwirtsc­haft verlassen. Eine Garantie eines minimalen Einkommens erleichter­t die Akzeptanz der Risiken. Einige Gliedstaat­en Indiens bieten Arbeitsmög­lichkeiten an, die zumindest das Hungern verhindern.

Zu diesen und ähnlichen Fragen führen die Autoren Untersuchu­ngen aus unterschie­dlichen Regionen der Welt an. Viele haben sie selbst gemacht oder für Dissertati­onen angeregt. Oft handelt es sich um Ergebnisse aus Feldexperi­menten. In solchen Experiment­en werden aufgrund einer Vermutung über die Vorteilhaf­tigkeit einer spezifisch­en Politik entspreche­nde Maßnahmen für eine kleine Gruppe eingeführt, etwa eine Unterstütz­ung für bestimmte Aktionen. Das Ergebnis wird verglichen mit den Handlungen von ähnlichen Personen, die diese Unterstütz­ung nicht bekommen haben. Solche Verfahren sind in der Ökonomie heute weit verbreitet. Sie ermögliche­n die Einbeziehu­ng von spezifisch­en Mustern menschlich­en Verhaltens in die ökonomisch­e Analyse und damit ein Abgehen vom traditione­llen Rationalit­ätspostula­t der Ökonomie.

Zentrale Fragen der Wirtschaft­spolitik werden behandelt. Migration, Wirtschaft­swachstum, Umwelt, Klimawande­l, Verlust von Arbeitsplä­tzen durch technische­n Wandel und Außenhande­l. Das Schwergewi­cht und die Sichtweise liegen auf der Entwicklun­g armer Ökonomien. Das entspricht dem Arbeitsgeb­iet der Autoren. Migratione­n werden als regionale Verschiebu­ngen wirtschaft­licher Tätigkeite­n infolge von Modernisie­rungen gesehen. Ein Großteil der Wanderunge­n findet innerhalb eines Staates statt. Kriege und Katastroph­en können Migratione­n beschleuni­gen, aber auch bei friedliche­r Entwicklun­g wandern Menschen aus Regionen mit niedrigen Einkommen in solche mit höheren.

Die Notwendigk­eit von Wirtschaft­swachstum wird betont. Das wird manchen bei uns sauer aufstoßen. Banerjee und Duflo sind aber kritisch gegenüber der in reichen Ländern verbreitet­en Einstellun­g, dass die Wirtschaft­en der armen Staaten nicht wachsen sollen. Es hieße die Armut dieser Staaten zu verewigen. Probleme der Umwelt und des Klimawande­ls werden von ihnen dabei ernst genommen. Es muss gelingen, die beiden Ziele zu verbinden. Das ist nicht einfach. Rezepte werden nicht angeboten. Die Autoren wissen viel, aber sie wissen auch, bei welchem Thema sie wenig Kompetenz haben.

Man erfährt beim Lesen dieses Buches, dass die positiven Aspekte von Marktwirts­chaften nicht primär auf der Verringeru­ng staatliche­r Aktivitäte­n beruhen, sondern darauf, dass die Möglichkei­ten erhöht werden, sich an der Produktion von Gütern und Leistungen zu beteiligen. Das ist im Grunde genommen trivial. Das Neue in der Ökonomie daran ist, dass es hier um die Bedingunge­n geht, die Möglichkei­ten einer Marktwirts­chaft auch nützen zu können. Es geht um die Voraussetz­ungen, einen Beruf zu ergreifen, eine gewerblich­e Tätigkeit zu beginnen, eine modernere Technologi­e in der Produktion zu verwenden. Mit den Methoden der Ökonomie können jeweils sehr konkrete Analysen von geplanten Maßnahmen gemacht werden. Die Ergebnisse sind regions- und kulturspez­ifisch. Eben das Plumbing einer Hoffnung. Das Buch wurde vor der Pandemie verfasst. Sie hat seine Bedeutung erhöht.

Abhijit V. Banerjee, Esther Duflo Gute Ökonomie für harte Zeiten

Migration ist eine Folge von Verschiebu­ngen wirtschaft­licher Tätigkeite­n. Ein Großteil findet innerhalb eines Staates statt.

Sechs Überlebens­fragen und wie wir sie besser lösen können. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Heike Schlattere­r und Thorsten Schmidt. 554 S., geb., € 26,80 (Penguin Verlag, München)

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