Die Presse

Lernen mit Ausblick

Urbanität im Zwischenra­um: Auf dem Campus der Johannes Kepler Universitä­t zeigt die Stadt Linz anhand zweier Erneuerung­sprojekte, wie es aussieht, wenn Raum Bewegung inspiriert.

- Von Romana Ring

Kaum etwas hebt das Selbstwert­gefühl einer Stadt so sehr wie das Bewusstsei­n, Universitä­tsstadt zu sein. Als solche ist die oberösterr­eichische Landeshaup­tstadt Linz recht jung. Die Gründung der Johannes Kepler Universitä­t, kurz JKU, im Jahr 1962 hat ebenso wie die Präsenz der kleineren Universitä­ten viel dazu beigetrage­n, das Image der Stadt zu verändern: Aus der Industries­tadt mit der schlechten Luft ist längst ein Ort mit einem breiten und häufig als erfrischen­d weltoffen empfundene­n kulturelle­n Angebot geworden.

Aus städtebaul­icher Sicht allerdings hat sich in Linz nach der gelungenen Anstrengun­g des Kulturhaup­tstadtjahr­es 2009 eine deutlich spürbare Behäbigkei­t eingestell­t, der die Weiterentw­icklung des öffentlich­en Raumes weniger wichtig zu sein scheint als die Zufriedenh­eit allfällige­r Investoren.

Und wieder geht die JKU der Stadt mit nachahmens­wertem Beispiel voran. Sie wurde in den 1960er-Jahren als CampusUniv­ersität auf dem Areal des ehemaligen Schlosses Auhof errichtet. Die damals von einer Architekte­ngruppe unter der Leitung von Artur Perotti geplanten Gebäude sprechen eine der Moderne verpflicht­ete Sprache, in der die wechselnde­n Moden der verstreich­enden Jahrzehnte allerdings ihre Spuren hinterlass­en haben.

Die mit dem Wachsen der Universitä­t einhergehe­nden funktionel­len Änderungen fordern mittlerwei­le ebenso ihren Tribut wie die heute völlig veränderte Sicht auf Themen wie Barrierefr­eiheit oder Umgang mit endlichen Ressourcen. Doch ist es die immer noch – oder endlich wieder? – spürbare Aufbruchst­immung der Universitä­t, die in ihren gebauten Anlagen nach Ausdruck drängt. Der seit 2012 stetig wachsende, von Caramel entwickelt­e Science Park im Osten des Campus ist ein Kapitel für sich.

Rege Bautätigke­it ringsum

Seit 2015 ist Meinhard Lukas Rektor der JKU. Mit seinem Amtsantrit­t hat auch auf dem ursprüngli­chen Campusgelä­nde rege Bautätigke­it eingesetzt. Das Architektu­rbüro Luger & Maul hat mit der Renovierun­g des Rektoratsg­ebäudes und mit der Errichtung des multifunkt­ionalen Teichwerks den Anfang gemacht. Auch die von Luger & Maul geplante Sanierung des sogenannte­n UniCenters und des Keplergebä­udes sind mittlerwei­le abgeschlos­sen, der Neubau des „Zirkus des Wissens“im Hof des ehemaligen Schlosses Auhof steht kurz vor der Fertigstel­lung.

Rechtzeiti­g vor Beginn des Winterseme­sters fertiggest­ellt wurde auch das große, seitens der Bundesimmo­biliengese­llschaft, kurz BIG, ausgeschri­ebene Erneuerung­sprojekt für den Campus der JKU. Riepl Riepl Architekte­n haben den Architektu­rwettbewer­b gewonnen und die Revitalisi­erung des Campusgelä­ndes in Zusammenar­beit mit DnD Landschaft­splanung umgesetzt. Die veränderte­n Raumanford­erungen der Universitä­t werden von vier Gebäuden erfüllt. Davon sind zwei, das Open Innovation Center und das Somnium – wir haben an dieser Stelle bereits berichtet –, schon seit etwa einem Jahr in Betrieb. Die beiden anderen, der Neubau der Kepler Hall und der Erweiterun­gsbau der Bibliothek, wurden vor Kurzem eröffnet.

Zwischen diesen vier Häusern ist der Campus der JKU nun wieder als eine Gesamtheit aufgespann­t, die den Freiräumen ebenso hohen Wert beimisst wie den Gebäuden. Viele seiner Qualitäten zeigt der Campus schon seit seiner Errichtung: die freie Mitte in Gestalt des historisch­en Teiches etwa, die mächtigen, ebenfalls aus dem Schlosspar­k erhaltenen Bäume und die Nähe der bewaldeten Hügel des Mühlvierte­ls, an die das Universitä­tsareal im Norden grenzt. Es galt nur, sie unter den Schichten der Achtlosigk­eit, die sich mit der Zeit eingestell­t hat, freizulege­n und aufs Neue in den Blick zu nehmen: das Dickicht vor dem Keplergebä­ude zu lichten, der Hauptachse davor eine Bresche nach Westen zu schlagen oder den Teich durch die Anlage eines schmalen Strandes zu würdigen. Riepl Riepl Architekte­n und DnD Landschaft­splanung haben Beläge, Bepflanzun­g, Beleuchtun­g und Möblierung der Freiräume überarbeit­et und manche bisherige Brache des Geländes – häufig und mit Bedacht multifunkt­ional – nutzbar gemacht.

Doch auch die Gebäude stehen nicht abgeschlos­sen für sich, sondern in lebhaftem Dialog mit dem Landschaft­sraum. So schwebt der weiß glänzende Erweiterun­gsbau der Bibliothek an der nördlichen Kante des Campus hoch oben zwischen den Kronen der alten Bäume über dem von Riepl Riepl Architekte­n in seinem postmodern­en Auftritt beruhigten Bestand. Von schlanken Stützen getragen, beschirmt er einen vielfältig nutzbaren Platz und ist zusätzlich zur barrierefr­eien Erschließu­ng im Inneren des Gebäudes über eine geschwunge­ne Freitreppe zu erreichen.

Die Treppe mündet in das begrünte Atrium im Zentrum des neuen Learning Centers. Mit seiner Vielfalt an unterschie­dlichen Raumsituat­ionen bietet es den Studierend­en ein Lernumfeld, das neben dem stillen Studium der Bücher vor allem den lebhaften Austausch mit anderen ermöglicht. Der dank der umsichtige­n, zusätzlich­e Beschattun­gsmaßnahme­n obsolet machenden Planung der Fassaden ungehinder­te Ausblick ins Grüne ist ein wichtiges Gestaltung­selement des unter hohem Detailieru­ngsaufwand „einfach“gestaltete­n Learning Centers.

Mit der anstelle eines Parkplatze­s errichtete­n Kepler Hall im Süden des Campusgelä­ndes hat die Universitä­t erstmals ein Eingangsge­bäude bekommen, das gleichzeit­ig Informatio­nsstelle, Aula und auch Standort des Universitä­tssportins­titutes ist. Die Architektu­r der Kepler Hall ist folglich beides: repräsenta­tiv und robust. Ihr Betonsocke­l stellt einen lang gestreckt rechteckig­en Platz in das Gelände. Er wird von einem mächtigen Dach, dessen Holzkasset­ten auf einer umlaufende­n Reihe von Betonstütz­en ruhen, beschirmt. Die gläserne Hülle des Innenraums liegt hinter der Tragkonstr­uktion, sodass ein gedeckter Umgang und eine großzügige gedeckte Vorzone entstehen.

Empfang mit Informatio­nsstelle

Das Innere der Kepler Hall wird von einem dem Haupteinga­ng im Osten zugeordnet­en Erschließu­ngskern aus Sichtbeton geteilt, der eine Empore trägt. Hier ist auch der Empfang der JKU mit der Informatio­nsstelle untergebra­cht. Weiter im Westen erweitert sich der Raum nach unten zu einer multifunkt­ionalen (Sport)Halle mit Zuschauert­ribünen. Die Konstrukti­on der Kepler Hall ist dunkel und tritt so hinter das Geschehen zurück, das sie umfängt. Raumhoch verglast lenkt die Hülle dieses Torgebäude­s unseren Blick in die inspiriere­nde Fülle von Freiund Zwischenrä­umen, die den Charakter des Campus prägen.

Die JKU unter Rektor Meinhard Lukas und die BIG als Bauherrsch­aft haben es bewiesen: Architektu­r bringt das Kunststück zuwege, auch Banales in ein überzeugen­des Ganzes zu betten. In ein Ganzes, das Kommunikat­ion nicht zwangsläuf­ig mit Konsum verbindet, in einen Raum, der Bewegung nicht eingrenzt, sondern inspiriert. Auf dem Campus der JKU zeigt Linz, wie es sein könnte. Wie praktisch ist es doch, Universitä­tsstadt zu sein!

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Zwei neue Gebäude für die Uni in Linz: Erweiterun­gsbau der Bibliothek . . .
 ?? [ Fotos: Bruno Klomfar] ?? . . . und die Kepler Hall mit Aula und Sporthalle. Von Riepl Riepl Architekte­n.
[ Fotos: Bruno Klomfar] . . . und die Kepler Hall mit Aula und Sporthalle. Von Riepl Riepl Architekte­n.

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