Ich bin er­wacht in ei­nem Ker­ker

Geschichte - - SISI-INHALT -

Strei­tig­kei­ten und ein schwe­rer Schick­sals­schlag be­las­ten die jun­ge Ehe. Si­sis skan­da­lö­se Flucht aus Ös­ter­reich.

Als fünf­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen tut man ei­nen Schwur, den man nicht ver­steht und dann sein Le­ben lang nicht mehr lö­sen kann. Kai­se­rin Eli­sa­beth drei­ßig Jah­re nach ih­rer Hoch­zeit

Die kai­ser­li­che Ehe be­steht den All­tags­test nicht. Strei­tig­kei­ten, Krän­kun­gen und Macht­kämp­fe mit der Schwie­ger­mut­ter über­schat­ten Si­sis ers­te Jah­re als Kai­se­rin. Als bö­se Ge­rüch­te auf­kom­men, ver­lässt sie den ver­hass­ten Wie­ner Hof und flieht in den Sü­den.

Die ers­ten Jah­re soll­ten für Si­si und Franz Jo­seph die glück­lichs­ten ih­rer ge­sam­ten Ehe wer­den. Doch selbst die­se kur­ze Zeit ist von fa­mi­liä­ren Kämp­fen und per­sön­li­chen Tra­gö­di­en über­schat­tet.

Zu­min­dest das Glück des Kai­sers ist un­über­seh­bar: Er strahlt und tut al­les, um sei­ner jun­gen Frau ihr neu­es Le­ben so an­ge­nehm wie mög­lich zu ge­stal­ten. Die kai­ser­li­chen Ap­par­te­ments ließ er für die neue Kai­se­rin re­no­vie­ren, er über­schüt­tet Si­si mit Ge­schen­ken und liest ihr je­den Wunsch von den Au­gen ab. Was Franz Jo­seph sei­ner jun­gen Frau al­ler­dings nicht ge­ben kann, ist das, was sie am meis­ten bräuch­te: sei­ne An­we­sen­heit und emo­tio­na­le Nä­he. Die Po­li­tik er­for­dert Franz Jo­sephs gan­ze Zeit und En­er­gie, denn die in­nen- und au­ßen­po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ist in den 1850er-jah­ren an­ge­spannt und die Angst vor ei­ner wei­te­ren Re­vo­lu­ti­on stets ge­gen­wär­tig.

So ver­bringt Si­si den Groß­teil ih­rer Zeit oh­ne Franz Jo­seph. Sie fühlt sich ein­sam, lei­det un­ter Heim­weh und hat zu nie­man­dem Ver­trau­en bei Hof. Nicht ein­mal ih­re Hof­da­men darf sie selbst aus­wäh­len, über al­les wacht ih­re ein- fluss­rei­che Schwie­ger­mut­ter Erz­her­zo­gin So­phie, die nicht um­sonst bei Hof „die heim­li­che Kai­se­rin“ge­nannt wird. Die Erz­her­zo­gin ver­sucht, Si­si zu ei­ner Kai­se­rin nach ih­ren Vor­stel­lun­gen zu er­zie­hen. So­phies per­ma­nen­te Rat­schlä­ge, Be­vor­mun­dung und Ein­mi­schun­gen rei­zen Si­si und füh­ren je­doch nicht zum ge­wünsch­ten Er­geb­nis, son­dern er­zeu­gen bei der sech­zehn­jäh­ri­gen Kai­se­rin nur Trotz­re­ak­tio­nen.

Si­si kränkt sich über bö­ses Ge­re­de der Hof­ge­sell­schaft

So schwer es ihr auch fällt, in ih­ren ers­ten Jah­ren bei Hof ver­sucht Si­si

die Er­war­tun­gen, die in sie ge­setzt wer­den, zu er­fül­len. Bei öf­fent­li­chen Auf­trit­ten wirkt Si­si al­ler­dings ver­schreckt, vor Men­schen­mas­sen hat sie pa­ni­sche Angst, bei hö­fi­schen Ver­an­stal­tun­gen wirkt sie un­ge­lenk und spricht kaum ein Wort. Ih­re an­ge­bo­re­ne Schüch­tern­heit ist ein rie­si­ges Hin­der­nis bei ih­ren re­prä­sen­ta­ti­ven Auf­ga­ben. Si­si ist ei­ne klu­ge jun­ge Frau, die sich mit Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie be­schäf­tigt, we­gen ih­rer schwa­chen öf­fent­li­chen Auf­trit­te be­kommt sie al­ler­dings den Ruf des „schö­nen Dum­merls“. Die selbst­be­wuss­te und ar­ro­gan­te Hof­ge­sell­schaft nimmt Si­si nicht ernst und lässt die jun­ge Kai­se­rin ih­re ver­meint­li­chen De­fi­zi­te spü­ren. Krän­kun­gen und Ent­täu­schun­gen sind an der Ta­ges­ord­nung. Die hy­per­sen­si­ble und hoch­e­mo­tio­na­le Si­si fühlt sich bald nur mehr von Fein­den um­ge­ben. Da­zu kommt der per­ma­nen­te Druck, end­lich den er­sehn­ten Thron­fol­ger zu ge­bä­ren. Nach zwei Töch­tern, So­phie und Gi­se­la, war­ten Kai­ser und Hof auf die Ge­burt ei­nes Soh­nes. Denn so­lan­ge die Thron­fol­ge nicht ge­si­chert ist, hat Si­si ih­re wich­tigs­te Auf­ga­be als Kai­se­rin nicht er­füllt. Zu­sätz­li­che Be­las­tung brin­gen die per­ma­nen­ten Strei­tig­kei­ten mit der Schwie­ger­mut­ter um die Kin­der. So­phie be- an­sprucht die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung über die kai­ser­li­che Kinds­kam­mer. Si­sis Auf­ga­ben als Kai­se­rin wür­den den Groß­teil ih­rer Zeit be­an­spru­chen, au­ßer­dem glaubt So­phie, dass ih­re Schwie­ger­toch­ter

emo­tio­nal zu we­nig be­last­bar ist, um die Kin­der oh­ne ih­re Un­ter­stüt­zung groß zu zie­hen.

Im Früh­jahr 1857 trifft Si­si der ers­te Schick­sals­schlag: Ih­re erst­ge­bo­re­ne Toch­ter So­phie stirbt plötz­lich wäh­rend der Un­garn­rei­se des Kai­ser­paa­res. Si­si macht sich schwe­re Vor­wür­fe, weil sie die Kin­der ent­ge­gen der War­nun­gen ih­rer Schwie­ger­mut­ter auf die Rei­se mit­ge­nom­men hat­te. Die ver­stor­be­ne So­phie war der Lieb­ling der Groß­mut­ter, das Ver­hält­nis der bei­den Frau­en wird nach dem Un­glück voll­ends ei­sig. Noch be­vor Si­si ih­re Trau­er über den Ver­lust ih­res ers­ten Kin­des ver­ar­bei­tet hat, wird sie zum drit­ten Mal schwan­ger. Im Au­gust 1858 bringt sie den er­sehn­ten Kron­prin­zen, Ru­dolf, zur Welt.

Litt Si­si un­ter ei­nem „Burn-out-syn­drom?

Nach der drit­ten Ge­burt kämpft Si­si nicht mehr, sie über­lässt die Kin­der ih­rer Schwie­ger­mut­ter. Zu ih­ren äl­tes­ten Kin­dern Gi­se­la und Ru­dolf wird Si­si spä­ter ein dis­tan­zier­tes Ver­hält­nis ha­ben.trotz al­ler Kri­sen ist die kai­ser­li­che Ehe zu die­sem Zeit­punkt noch in­takt. Doch ir­gend­wann im Jahr 1860 kommt es zu ei­nem Riss zwi­schen den Ehe­leu­ten, die fa­mi­liä­re Si­tua­ti­on kippt nun völ­lig. Man weiß bis heu­te nicht, was zu die­ser Zeit ge­nau pas­siert ist, es exis­tie­ren kei­ner­lei Qu­el­len. Stim­men die Ge­rüch­te um ei­ne ehe­li­che Un­treue des Kai­sers? Plötz­lich heißt es, die Kai­se­rin brau­che we­gen ih­rer Ge-

sund­heit ei­nen so­for­ti­gen Kli­ma­wech­sel. Lei­dend war Eli­sa­beth schon lan­ge: Die per­ma­nen­ten Ner­ven­kri­sen, das schwe­re Trau­ma nach dem Tod ih­rer Toch­ter, da­zu drei Schwan­ger­schaf­ten in vier Jah­ren ha­ben Si­si kör­per­lich und see­lisch ge­schwächt. Be­reits seit Jah­ren lei­det sie un­ter Schlaf­lo­sig­keit, Un­ru­he und un­ter ner­vö­sem Hus­ten. Heu­te wür­de man wohl von ei­nem schwe­ren post­trau­ma­ti­schen Über­las­tungs­syn­drom („Bur­nout“) spre­chen. Völ­lig über­ra­schend ver- lässt Si­si Ös­ter­reich und zieht sich für Mo­na­te auf die At­lan­tik­in­sel Ma­dei­ra zu­rück. Ih­re Kin­der, jetzt zwei und vier Jah­re alt, blei­ben in Wi­en zu­rück. Of­fi­zi­ell wird von ei­nem Lun­gen­lei­den ge­spro­chen, woran die Kai­se­rin ge­nau er­krankt ist, lässt sich bis heu­te nicht ve­ri­fi­zie­ren.

Auf Ma­dei­ra ge­nießt Eli­sa­beth das Le­ben fern al­ler hö­fi­schen Zwän­ge. Sie lebt mit ei­nem klei­nen Hof­staat, den sie selbst aus­ge­wählt hat, ein ru­hi­ges Le­ben, al­le Höf­lin- ge und Hof­da­men, die ihr in Wi­en nicht gut ge­son­nen wa­ren, hat sie zu­rück­ge­las­sen. Wäh­rend ih­rer lan­gen Ab­we­sen­heit von Wi­en ge­sun­det nicht nur Si­sis Kör­per, son­dern auch ih­re Psy­che. Sie blüht auf und ge­winnt an Selbst­be­wusst­sein. Zu­rück an den Kai­ser­hof will sie auch nach Mo­na­ten nicht, statt­des­sen reist die Kai­se­rin wei­ter nach Kor­fu und Ve­ne­dig. Erst nach zwei Jah­ren kehrt Eli­sa­beth wie­der nach Wi­en zu­rück. Und ab nun wür­de al­les an­ders wer­den.

Si­sis Schwie­ger­mut­ter Erz­her­zo­gin So­phie war die ein­fluss­reichs­te und mäch­tigs­te Frau des Wie­ner Ho­fes. Sie mach­te es sich zur Auf­ga­be, aus ih­rer Schwie­ger­toch­ter ei­ne Kai­se­rin nach ih­ren Vor­stel­lun­gen zu for­men. Der Macht­kampf zwi­schen Kai­se­rin...

Das ge­mein­sa­me Schlaf­zim­mer des jun­gen Kai­ser­paa­res in der Hof­burg, wie es in den ers­ten Ehe­jah­ren aus­ge­se­hen hat. Eli­sa­beth und Franz Jo­seph hat­ten zu Be­ginn ih­rer Ehe kei­ne ge­trenn­ten Schlaf­zim­mer, wie dies sonst in Kö­nigs- und Kai­ser­häu­sern üb­lich...

Das glück­li­che Paar

Ei­ne der ers­ten Fo­to­gra­fi­en Si­sis als Kai­se­rin, auf­ge­nom­men wahr­schein­lich nach dem Tod ih­res ers­ten Kin­des.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.