Die Blut­grä­fin

Hexen & Vampire - - INHALT -

Die un­ga­ri­sche Grä­fin Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry er­mor­de­te Dut­zen­de jun­ge Mäd­chen – an­geb­lich, um in de­ren Blut zu ba­den.

Grä­fin Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry hat Dut­zen­de jun­ger Mäd­chen zu To­de ge­fol­tert. Ei­ne Pro­pa­gan­da­schrift be­haup­tet hun­dert Jah­re spä­ter, dass die rei­che Ade­li­ge mit dem Blut ih­rer Op­fer die ei­ge­ne Schön­heit und Ju­gend kon­ser­vie­ren woll­te – und macht so aus der Mas­sen­mör­de­rin die ers­te Vam­pi­rin.

Je­des­Mal wenn Já­nos Uj­vá­ry neu­es Per­so­nal für sei­ne Her­rin an­wer­ben will, wer­den die Bau­ern un­ru­hig. Sie fürch­ten sich vor dem son­der­ba­ren Uj­vá­ry, ge­nannt „Ficz­kó“, der in im­mer kür­ze­ren Ab­stän­den für sei­ne Her­rin, Grä­fin Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry, Di­enst­mäd­chen sucht. Denn bis­her hat man kei­nes von ih­nen wie­der zu Ge­sicht be­kom­men. Al­le Mäd­chen, die Ficz­kó an­ge­wor­ben hat­te, ha­ben ih­re Fa­mi­li­en noch kein ein­zi­ges Mal wie­der be­sucht. War­um sind sie stän­dig im Schloss? Er­laubt ih­nen die Grä­fin nicht den frei­en Nach­mit­tag, der ih­nen pro Mo­nat zu­steht? Im­mer wie­der kommt der un­heim­li­che Ficz­kó und fragt nach neu­en Mäd­chen, al­le Dör­fer in der Um­ge­bung von Burg Čach­ti­ce, ge­le­gen in der heu­ti­gen West­slo­wa­kei, hat er be­reits ab­ge­grast.

Am 29. De­zem­ber 1610 stürmt Graf Györ­gy Thur­zó im Auf­trag des un­ga­ri­schen Kö­nigs Mat­thi­as II. Burg Čach­ti­ce, die Haupt­re­si­denz der Grä­fin Bá­t­ho­ry. Zu vie­le Ge­rüch­te schwir­ren be­reits her­um, nun soll der Graf vor Ort un­ter­su­chen, was in der Burg los ist. Ei­nen Tag nach der Er­stür­mung schreibt der Ver­trau­te des Kö­nigs an sei­ne Frau: „Als un­se­re Män­ner und Knech­te in die Burg Čach­ti­ce ein­dran­gen, fan­den sie ge­ra­de ein Mäd­chen tot, ein zwei­tes ge­fol­tert und vol­ler Wun­den im Ster­ben lie­gend. Ei­ne drit­te Frau war eben-

falls ge­pei­nigt und ver­wun­det. Au­ßer­dem wa­ren ei­ni­ge – für künf­ti­ge Fol­te­run­gen vor­be­rei­tet – in stren­ger Haft ge­hal­ten von der ver­fluch­ten Frau.“Die „ver­fluch­te Frau“, Grä­fin Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry (1560–1640), ist bes­ser be­kannt als die be­rüch­tig­te „Blut­grä­fin“. Sie ist die reichs­te und mäch­tigs­te Frau Süd­ost­eu­ro­pas. Sie ist die Nich­te des pol­ni­schen Kö­nigs Stephan und seit dem Tod ih­res Ehe­man­nes Franz Nádas­dy al­lei­ni­ge Her­rin über ei­nes der größ­ten Ver­mö­gen ih­rer Zeit. Zu ih­ren Schuld­nern ge­hört un­ter an­de­rem der un­ga­ri­sche Kö­nig Mat­thi­as II. – ein De­tail, das spä­ter An­lass zu Spe­ku­la­tio­nen ge­ben wird. Graf Thur­zós Män­ner fin­den in der Burg der Grä­fin die Über­res­te un­zäh­li­ger Mäd­chen, teils im Kel­ler­ver­lies, teils ver­scharrt rund um das Schloss. Eli­sa­beth Bá­t­ho­rys treu­er Ficz­kó, ei­ne Kam­mer­zo­fe, ei­ne Wä­sche­rin und die Am­me der Kin­der der Grä­fin wer­den fest­ge­nom­men. Un­ter der Fol­ter ge­ste­hen die Be­diens­te­ten, dass ih­re Her­rin un­zäh­li­ge Mäd­chen tö­te­te und sie ihr da­bei hal­fen. Laut Pro­zess­un­ter­la­gen be­zif­fert die Kam­mer­zo­fe die Zahl der Op­fer ih­rer Her­rin mit 36, ei­ne an­de­re Zeu­gin spricht von über 80 to­ten Mäd­chen, ei­ne wei­te­re Zeu­gin will ei­ne hand­ge­schrie­be­ne Op­fer­lis­te der Grä­fin ge­se­hen ha­ben, auf der sich an­geb­lich die Na­men von über 600 Mäd­chen fan­den. Un­ter der Fol­ter – die nur das Per­so­nal zu er­lei­den hat­te, nicht aber die hoch­ge­bo­re­ne Grä­fin – beich­te­ten die Be­diens­te­ten von dem sa­dis­ti­schen Trei­ben ih­rer Her­rin: Die Mäd­chen sei­en vor ih­rem Tod auf je­de er­denk­li­che Art ge­quält und miss­han­delt wor­den, man ha­be sie aus­ge­peitscht, mit glü­hen­den Zan­gen ge­zwickt und mit ko­chen­dem Was­ser über­gos­sen, und sie hät­ten da­bei im­mer nackt sein müs­sen.

Grä­fin Bá­t­ho­ry und ih­re Hel­fer wur­den des Mor­des an min­des­tens 80 Men­schen an­ge­klagt und ver­ur­teilt. Der Diener Ficz­kó wur­de ge­köpft, sei­ne Lei­che an­schlie­ßend ver­brannt. Die drei Die­ne­rin­nen wur­den bei le­ben­di­gem Leib ver­brannt, vor­her wur­den ih­nen noch die Fin­ger aus­ge­ris­sen. Ih­re Her­rin wur­de auf Burg Čach­ti­ce in ei­nem klei­nen Ver­lies ein­ge­mau­ert; nur ein klei­nes Loch, durch das man ihr Essen reich­te, blieb frei. Vier Jah­re spä­ter starb die Frau, die als „Blut­grä­fin“in die Ge­schich­te ein­ge­hen soll­te, in ih­rem Ver­lies. Die Grün­de für ihr Han­deln lie­gen eben­so im Dun­keln wie die ge­naue Zahl ih­rer Op­fer. Die Spe­ku­la­tio­nen rei­chen von psy­chi­schen In­zest­fol­gen über fa­mi­liä­re Prä­gun­gen – schwe­re Ge­walt in der engs­ten Fa­mi­lie, ok­kul­te Nei­gun­gen – bis hin zu ei­ner höchst­wahr­schein­li­chen Epi­lep­sie, zu de­ren Hei­lung Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry mög­li­cher­wei­se un­heil­vol­len Ein­flüs­te­run­gen folg­te.

Was Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry von an­de­ren Se­ri­en­mör­dern der Ge­schich­te un­ter­schei­det, ist, dass ih­ren Ver­bre­chen nach­träg­lich ein De­tail an­ge­dich­tet wur­de, das nie­mals Ge­gen­stand der An­kla­ge oder von Zeu­gen­aus­sa­gen war und doch stär­ker den un­heim­li­chen Ruf der Grä­fin be­grün­de­te als all ih­re Mor­de. Es geht da­bei um die ver­meint­lich un­er­sätt­li­che Gier der Grä­fin nach dem Blut jun­ger Mäd­chen. Denn Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry soll vor al­lem des­halb ge­mor­det ha­ben, weil sie im Blut der

Mäd­chen ge­ba­det und es ge­trun­ken ha­be, um ih­re Schön­heit und Ju­gend zu be­wah­ren.

War­um die­ses er­fun­de­ne De­tail mehr zur schau­er­li­chen Le­gen­de der „Blut­grä­fin“bei­trug als die Tat­sa­che, dass sie un­zäh­li­ge Mäd­chen er­mor­de­te, er­klärt sich zum Teil aus dem Zeit­punkt, zu dem die­se Ge­schich­te auf­kam. Mehr als 100 Jah­re nach dem Tod der „Blut­grä­fin“be­rich­te­te der Je­su­it Lász­ló Turóc­zi in ei­nem Buch, das auf den Ori­gi­nal­ak­ten des Pro­zes­ses ba­siert, in das aber auch Fik­tio­na­les ein­floss, dass ein­mal, wäh­rend ei­ner ih­rer Fol­te­run­gen, das Blut ei­nes Mäd­chens auf Eli­sa­beth Bá­t­ho­rys Wan­ge ge­spritzt sei und sie ge­nau an die­ser Stel­le ei­ne auf­fäl­li­ge Ver­schö­ne­rung ih­rer Haut wahr­ge­nom­men ha­be – da­her kä­me ih­re Gier, die Mäd­chen nicht nur zu fol­tern, son­dern gleich in de­ren Blut zu ba­den und es zu trin­ken. Auf­fäl­lig in Lász­ló Turóc­zis Buch ist al­ler­dings, dass der Je­su­it, der in den Di­ens­ten der Ge­gen­re­for­ma­ti­on stand, den Über­tritt der mäch­ti­gen und ein­fluss­rei­chen Grä­fin zum Pro­tes­tan­tis­mus als Aus­lö­ser ih­rer Ver­bre­chen ins Ge­spräch bringt.

Die­ses be­wusst als Pro­pa­gan­da­mit­tel ein­ge­setz­te Zu­satz­de­tail wird auch noch zu ei­nem Zeit­punkt in die Welt ge­setzt, als in Mit­tel- und Süd­ost­eu­ro­pa ge­ra­de ei­ne wah­re „Vam­pir­hys­te­rie“herrscht: Die Men­schen be­fin­den sich durch un­zäh­li­ge Vam­pir­war­nun­gen be­reits in der­art ho­her Alarm­be­reit­schaft, dass die­ser schein­ba­re Be­weis wil­lig auf­ge­nom­men wird – und so ist die ers­te Vam­pi­rin ge­bo­ren, auch wenn sie noch nicht über Reiß­zäh­ne ver­fügt, wie spä­ter Dra­cu­la. Die his­to­ri­sche Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry ist in­des aus der Le­gen­de kaum mehr her­aus­zu­schä­len. Nicht ein­mal, dass die Ori­gi­nal-pro­zess­ak­ten 1817 ver­öf­fent­licht wur­den, konn­te die Le­gen­den­bil­dung ein­däm­men. Statt­des­sen nutz­ten vie­le Schrift­stel­ler die Le­gen­de der „Blut­grä­fin“als Ma­te­ri­al; es ist an­zu­neh­men, dass auch „Dra­cu­la“-er­fin­der Bram Sto­ker die Le­gen­de ge­kannt hat, zu­mal er sich nach­weis­lich in­ten­siv mit den Vam­pir-er­zäh­lun­gen Mit­tel- und Ost­eu­ro­pas aus­ein­an­der­ge­setzt hat.

Heu­te setzt sich die se­riö­se For­schung rund um die „Blut­grä­fin“ und Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry vor al­lem mit ei­ner Fra­ge aus­ein­an­der: War­um muss­ten die Ver­bre­chen der Grä­fin in der Literatur mit ei­nem der klas­si­schen Kli­schees für „weib­li­che Be­weg­grün­de“um­man­telt wer­den? Die Tat­sa­che, dass Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry bei vol­lem Be­wusst­sein Dut­zen­de Wehr­lo­se quäl­te und mor­de­te, rief längst nicht so viel Ent­set­zen her­vor wie der er­fun­de­ne Hin­weis, dass hier ei­ne Frau für ih­re Schön­heit ge­tö­tet ha­be.

Zu­min­dest ei­ner wei­te­ren Le­gen­de hat die For­schung kürz­lich den Bo­den ent­zo­gen: Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry war nicht, wie ei­ne Zeit lang be­haup­tet, Op­fer ei­ner po­li­ti­schen Ver­schwö­rung. Sie wur­de nicht an­ge­klagt, weil sie mäch­ti­ge Schuld­ner hat­te und als rei­che, un­ab­hän­gi­ge und ein­fluss­rei­che Frau ei­ne Be­dro­hung der staat­li­chen Ord­nung dar­stell­te und des­halb aus dem Weg ge­schafft wer­den muss­te. Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry wur­de ver­ur­teilt, weil sie ei­ne Mas­sen­mör­de­rin war. Ihr Pro­zess ent­sprach nach ei­ner im Jahr 2014 durch­ge­führ­ten Aus­wer­tung der Pro­zess­ak­ten den üb­li­chen ju­ris­ti­schen Stan­dards sei­ner Zeit.

Franz Nádas­dy von Fo­ga­ras­föld, der „schwar­ze Rit­ter“, war der Ehe­mann der „Blut­grä­fin“. Sei­nen Bei­na­men er­hielt er auf­grund sei­ner gro­ßen Grau­sam­keit ge­gen­über sei­nen Fein­den.

DAS „un­ga­ri­sche Haus“der Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry in der Au­gus­ti­ner­stra­ße in Wi­en. Auch wenn sie in ih­rem Wie­ner Pa­lais weil­te, muss­te ihr Diener stän­dig jun­ge Frau­en für sei­ne Her­rin An­lo­cken.

Fo­tos: Ge­rald Axel­rod, Fo­to­lia (2)

Sa­dis­ti­scher Lust­ge­winn: Die Op­fer der „Blut­grä­fin“wur­den un­ter an­de­rem im Win­ter nackt in den Schnee ge­wor­fen und mit kal­tem Was­ser über­gos­sen.

Burg Čach­ti­ce in der Slo­wa­kei: Hier soll Eli­sa­beth Bá­t­ho­ry min­des­tens 80 Mäd­chen um­ge­bracht und ver­scharrt ha­ben.

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