„Ihr, un­ter die­sem Ban­ner: schla­fet nicht!“

Kleine Zeitung Steiermark - - KARWOCHE - Von Ber­tram Karl St­ei­ner

Da schlum­mern sie nun, die Kriegs­knech­te, im un­te­ren Drit­tel des Fres­kos: Die Be­hör­den ha­ben sie ab­kom­man­diert, sie sol­len das­grabim Gar­ten be­wa­chen. Es liegt nur we­ni­ge Schrit­te von je­ner Stel­le im St­ein­bruch ent­fernt, wo Je­sus am Kreu­ze ver­stor­ben war. Jo­sef von Ari­mat­häa, ein wohl­ha­ben­der Mann und im Stil­len ein Jün­ger des­herrn, hat­te sich den Leich­nam des Ge­fol­ter­ten von Pi­la­tus er­be­ten, um ihn eh­ren­voll zu be­stat­ten. Sie ha­ben den ge­schun­de­nen Kör­per mit duf­ten­den Kräu­tern be­streut und ei­lends mit ei­nem Lin­nen be­deckt, denn bald wür­de der Abend des Sab­bat her­ein­bre­chen. Dann ver­schlie­ßen die Jün­ger das Gr­ab mit ei­nem St­ein. Be­im­mor­gen­grau­en des drit­ten Ta­ges aber soll der Leich­nam ri­tu­ell ge­salbt wer­den.

All das in­ter­es­siert die Sol­da­ten nur mehr we­nig. Sie ha­ben nichts ge­gen den Hin­ge­rich­te­ten, des­sen Lei­che sie be­wa­chen. Es ist ih­nen nur lang­wei­lig und die Aus­sicht, lan­ge Näch­te an die­sem un­wirt­li­chen Or­te aus­har­ren zu müs­sen (wo bleibt end­lich die Ver­pfle­gung?), ist nicht da­zu an­ge­tan, ih­re Stim­mung zu he­ben. Mit der Zeit wer­den sie al­le mü­de und am Abend des zwei­ten Ta­ges schla­fen sie ein, ei­ner nach dem an­de­ren. s er­geht ih­nen wie uns al­len. Zu­erst ei­ne ge­wis­se Auf­merk­sam­keit für das, was die Ka­me­ra­den des Hin­rich­tungs­kom­man­do­sih­nen be­rich­tet ha­ben: Ihr Haupt­mann hät­te sei­ne Lan­ze in die Sei­te des Ge­kreu­zig­ten ge­sto­ßen, er wä­re von ei­nem Schwall von

EBlut un­d­was­ser über­strömt in die Knie ge­sun­ken und hät­te aus­ge­ru­fen: „Wahr­haf­tig, das war Got­tes Sohn!“Und wenn das stimm­te? iel­leicht könn­te er ja recht ha­ben, der Haupt­mann. Aber was soll’s: Nix Ge­nau­es­weiß­man­nicht, es­wür­de un­sauch­nichts­wei­ter­an­ge­hen; wir sind jetzt al­le­mü­de, un­d­das wis­sen wir. Schla­fen, schla­fen, nichts als schla­fen, wo­mög­lich oh­ne Träu­me, das ist ihr und auch un­ser Be­geh­ren an­ge­sichts des oh­ne­hin un­lös­ba­ren Rät­sels der con­di­tio hu­ma­na. Wir „mo­der­ne“Men­schen hal­ten es wie­der mit Pi­la­tus, mit Epi­kur und, wenn’s hoch­kommt, mit den Stoi­kern. War­um noch fra­gen, war­um su­chen, wenn er doch so süß ist, der Schlaf … Fast er­scheint es, als ob der Schlaf den Sol­da­ten und uns den ewi­gen Frie­den brin­gen wür­de, den Frie­den ewi­ger Un­be­wusst­heit … er von uns ver­mag noch, im Tief­schlaf ver­sun­ken, den­weck­ruf der hei­li­gen Te­re­sa von Ávi­la zu ver­neh­men: „Ihr, un­ter die­sem Ban­ner: schla­fet nicht, schla­fet nicht, denn es gibt kei­nen Frie­den auf Er­den!“? Gleich ei­nem schmet­tern­den Fan­fa­ren­stoß fah­ren die Ver­se der Mys­ti­ke­rin durch die Zei­ten bis ans En­de die­ser­welt. Die Wäch­ter aber schla­fen. Und so neh­men sie, neh­men wir nicht wahr, dass sich hin­ter ih­nen, hin­ter uns, so­eben das Ban­ner ent­fal­tet, das der Herr mor­gen, in al­ler Herr­gotts­früh aus sei­nem fins­te­ren Gr­ab tra­gen wird …

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