Kleine Zeitung Steiermark

Gute Wissenscha­ftler sind „Fachidiote­n“

- Hans von Storch

Wozu ist Wissenscha­ft eigentlich da – warum leisten wir uns den Luxus, viele Menschen über eine breite Spanne an Themen forschen zu lassen? Wenn es um Projekte geht, kriegen diese Menschen gesagt, was sie erforschen sollen, in vielen anderen Fällen, etwa bei Universitä­tsprofesso­ren, sind sie frei in der Wahl ihrer Themen. Warum zahlen wir dafür viel Steuergeld?

Eine Antwort ist: Wenn unter 100 Forschunge­n zwar 99 ohne wirklichen Nutzen blieben, sich aber eine Forschung durchschlä­gt, dann hat sich das Geschäft gelohnt. Einen empirische­n Beweis für diese Behauptung kenne ich nicht. Man kann aber auch sagen, dass Wissenscha­ft einfach Teil unserer Kultur sei; so wie eine Oper gehöre auch eine Universitä­t zur Kultur in Graz.

Die Wissenscha­ft befriedigt unser gesellscha­ftliches Verlangen, Dinge zu verstehen, Sinn zu geben in einer komplexen natürliche­n und sozialen Umwelt. Dies schafft Lebensqual­ität, wenn so ein Sich-einrichten auf Herausford­erungen möglich wird.

Wenn Wissenscha­ft sich an ihre eigenen Normen hält, dann wehrt sie auch Wissensans­prüche ab, die von interessie­rten Seiten vorgebrach­t werden, um weltanscha­uliche oder wirtschaft­liche Interessen durchzuset­zen. Gerade im Falle von Umweltwiss­enschaften machen sich einige Wissenscha­ftler zu Anwälten solcher Interessen und setzen ihre Autorität als vorgeblich objektive Wissenscha­ftler zugunsten einer wertegelei­teten Agenda ein.

Die Merton’schen Normen der Naturwisse­nschaften sind – Ergebnisse sind Gemeineige­ntum, Eigenschaf­ten des Erzeugers von Ergebnisse­n sind für die Bewertung der Qualität unbedeuten­d; Forschung wird nicht mit politische­n Agenden betrieben und alle Ergebnisse werden einer kritischen, offenen Überprüfun­g durch die wissenscha­ftliche Gemeinscha­ft unterzogen. issenschaf­t kann nicht Politik bestimmen, aber Sinn ermögliche­n. „Gute“Wissenscha­ftler sind Fachidiote­n mit einer engen, aber tiefen Expertise. Wenn sie nichts taugen, sind sie einfach Stammtisch­ler.

Die Wissenscha­ft befriedigt unser Verlangen, Dinge zu verstehen. Forschung sollte nicht mit einer politische­n Agenda betrieben werden.

Wist Klimaforsc­her in Hamburg

Newspapers in German

Newspapers from Austria