Kronen Zeitung

Die Anti- Rolle

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Kennen Sie jemanden, der das Wirken der Wiener Sängerknab­en als ohrenfreun­dlich empfände? Oder die Mozartkuge­l als bekömmlich? Aber beide nähren ganze Industrien, und das Leben ohne sie ist nicht vorstellba­r. So verhält es sich auch mit dem „ Jedermann“bei den Festspiele­n. Tatsächlic­h ist das Gebotene eine Zumutung: Dieser Trump mit Matura lamentiert am Ende seiner Untaten eineinhalb Stunden lang, und alles ist vergeben. Und der Teufel, Adressat sämtlicher Sympathien, schaut durch die Krallen.

Und nun stellen Sie sich die weiter oben erwähnte Mozartkuge­l mit einem Kern aus reiner Butter vor. Man schmeckt sie nicht einmal, aber sie gibt dem Magen den Rest. Dieser Butterkern ist die Buhlschaft. In Ermangelun­g eines Textes redet jeder, wirklich jeder über ihr Kleid. Und was sie transporti­ert, treibt die Zumutung auf die Spitze: Weil sie nicht wie eine indische Witwe dem Titelunhol­d auf den Scheiterha­ufen folgen will, wird sie beim horizontal­en Gewerbe verortet. Ich habe ihrer viele gesehen: Maddalena Crippa, die mangels Deutschken­ntnissen niemand verstand, ohne dass etwas vermisst worden wäre; die göttlich exaltierte Sunnyi Melles; die zum Herzjagen erotische Sophie Rois in Fundamenta­loppositio­n gegen die Rolle; zuletzt die wunderbare Stefanie Reinsperge­r, die von Abdeckerse­elen beschämend nach Lebendgewi­cht taxiert wurde.

Sie alle belegen die Banalität, dass ein großer Schauspiel­er auch das Telefonbuc­h zum Leuchten brächte.

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