Was er sich von der See­le schrieb

Kronen Zeitung - - KULTUR - Kar­lheinz Ro­schitz

Sie­ben mo­nu­men­ta­le Wer­ke Tschai­kow­skys an drei Abenden! Die Tsche­chi­sche Phil­har­mo­nie gas­tiert un­ter ih­rem Chef, dem St. Pe­ters­bur­ger Se­myon Bych­kov (66) im Mu­sik­ver­ein. Wo­bei im Mit­tel­punkt je­des Abends ein Star­so­list steht: der Pia­nist Ki­rill Ger­stein, die Brü­der Ren­aud und Gau­tier Ca­puçon.

Be­ju­bel­tes Er­eig­nis des ers­ten Abends war die sel­ten ge­spiel­te „Man­fred-Sin­fo­nie“nach Lord By­ron (1816). In Moskau 1886 mit mä­ßi­gem Er­folg ur­auf­ge­führt, wur­de die ge­wal­ti­ge Pro­gramm­s­in­fo­nie in der Nach­fol­ge Ber­li­oz’ und Liszts von Tschai­kow­sky sehr zwie­späl­tig be­ur­teilt: Bald war’s sei­ne „bes­te Sin­fo­nie“, bald ver­schmäh­te er sie als „ab­sto­ßen­des Werk“.

Mit gro­ßer thea­tra­li­scher Ges­te er­zählt Tschai­kow­sky von ei­nem Hel­den, der nach ei­ner In­zest-Ver­bin­dung mit sei­ner Halb­schwes­ter flie­hen muss und erst nach qual­vol­lem Le­ben voll Trau­er und Angst und sei­ner Wan­der­schaft in den Al­pen bei ei­nem Bac­cha­nal den Geist der Schwes­ter be­schwö­ren kann. Und stirbt.

Ein stark au­to­bio­gra­fi­sches Werk! Wie ru­he­los de­pres­siv der Kom­po­nist sich wäh­rend die­ser Ar­beit ge­fühlt ha­ben muss und wie er sich mehr und mehr mit der Fi­gur des Man­fred iden­ti­fi­zier­te, hört man in der kraft­strot­zen­den, ef­fekt­vol­len In­ter­pre­ta­ti­on Bych­kovs

und der Tsche­chen in je­dem der vier Sät­ze. Psy­cho­thea­ter, in dem das Orches­ter al­le Pracht spät­ro­man­ti­scher Far­ben ent­fes­selt. Da hat Tschai­kow­sky sich viel von der See­le ge­schrie­ben.

Ki­rill Ger­stein spiel­te das b-Moll-Kla­vier­kon­zert:

scharf­kan­tig, kraft­strot­zend. Ro­man­ti­sche Me­lan­cho­lie und Zau­ber wischt er weg. Bei ihm wirkt der So­lo­part kämp­fe­risch, wie in St­ein ge­mei­ßelt. Und ex­trem laut, was auch das Orches­ter zu ex­tre­mer Laut­stär­ke her­aus­for­der­te.

Sie­ben Tschai­kow­sky-Wer­ke: Se­myon Bych­kov – Spielt heu­te die „Ro­ko­ko-Va­ria­tio­nen“: Cel­lostar Gau­tier Ca­puçon.

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