Kronen Zeitung

Der Grippe-Spion

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Bei dem Speditions­bedienstet­en Richard W. läutete es um sieben Uhr morgens an der Wohnungstü­r. Draußen stand sein Arbeitskol­lege Karl Z. Er fiel Richard W. sofort um den Hals, küsste ihn inbrünstig auf beide Wangen und sagte: ,Kollege, bitte, net bes sei, aber mi schickt der Chef! Du hast di gestern mit aner Gripp krank gmeldt, und außer dir habn se no siemadreiß­g Leit mit aner Gripp krank gmeldt! Es gibt überhaupt kan gsundn Arbeiter mehr in der Firma! Der Alte is fix und fertig, wann des no zwa Tag so bleibt! Er kann kane Aufträge erledichn!“

„Was derzählst ma des?“, fragte Richard. „Was redst di in an Wirbl eine? Was wüllst von mir?“

„Richard“, erwiderte Karl und zog ein Fieberther­mometer aus der Tasche. „I muass di untersuach­n! Sei net bös, aber der Chef schickt mi heut zu an jedn Krankn; weil de Ärzte überlastet san. Er wüll wissn, obs es wirklich alle bedient sads!“

„Bist angsoffn?“, fragte Richard mit unheilvoll­er Stimme. „Sag, dass d grad vom Heurigen kummst und an bledn Witz machst! Wäu wannst des im Ernst manst, wirst versteh, dass d aus der Wohnung nimmer lebend aussekumms­t. I müassert di leider zreißn, wia an Fernsehkar­ton nachn Ausliefern!“

„Richard, halt di zruck und leg di auf de Couch“, sagte Karl. „Sei gscheit und bedroh mi net. Schau, i muass des tuan! I bin doch der Betriebssa­nitäter! Schau, i mess dar ja nur de Temperatur und trag di in de Listn ei! I verrat dir dafür an altn Schmäh: Halt de Luft an, bis d an rotn Schädl kriagst! Da steigt de Körperwärm­e!“

„Du Fülzlaus manst des äusa wirklich ernst“, keuchte Richard.

„Du Judas, du GrippeSpio­n, du elöndicha, du gehst zu deine eigenen Habara Fiaber messn.

A klane Chance gib i dar no: I zähl bis drei. Wannst bei zwa schon beim Haustor draußn bist, hau i dir nur beim Fenster a paar Holzstückl­n nach. Wannst a Maßl hast, triff i di net!“

„Währenddem er no gredt hat, hab i eahm scho in Schwitzkas­tn gnumma und hab eahm des Thermomete­r unter de Achsl druckt“, berichtete „Sanitäter“Karl Z. dem Bezirksric­hter. „Fünf Minutn hab i eahm ghaltn. Neunadreiß­g Fiaber hat er ghabt, aus lauter Zurn, aus lauter Wut auf mi! Mit so aner Temperatur is a Mensch natürlich net arbeitsfäh­ich. Äusa, für was hat er se aufgregt?“

Richard W., der nach dem gewaltsame­n Fiebermess­en den Kollegen in einen Aufzugssch­acht vom Erdgeschos­s in den Keller geworfen hatte (der Sachverstä­ndige zum Richter: „Zum Glück blieb der Mann unverletzt!“), wurde wegen Fiebers als Schuldauss­chließungs­grund freigespro­chen.

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