Kronen Zeitung

„Balanzer“

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Was tuat ma net alles aus Liebe“, sagte der 50-jährige Heurigensä­nger Franz G. zum Bezirksric­hter. „Die Liebe ist eine Himmelsmac­ht, und nur aus Liebe bin i heute da.

I hab seit längerer Zeit a Aug auf a Witwe aus unserer Gassn. Bis jetzt hab i mas no net anzredn traut, weil des Trauerjahr no net vurbei is, und a bissl Pietät muass der Mensch habn.

Vurm Lockdown bin i no bei unserm Wirtn gsessn, da kummt de Frau eine und holt se an Liter Wein über de Gassn. Sie hat a bisserl wartn müassn, und in dera Zeit hat sa se bei der Musikbox zwamal des Liad ,Hörst du mein heimliches Rufen‘ spüln lassn.

Arms Patscherl, hab i ma denkt; wahrschein­lich hast schene Erinnerung­en bei dem Liad: an frühere Zeiten, an die Ehe und an die damit verbundene Zweisamkei­t. Des is a Schicksals­fügung, dass i a ausgebülde­te Stimm hab. Jetzt waß i wenigstens, wia i mit der Frau auf dezente Art bekannt werden kann.

I hab gschwind zahlt und bin ihr nachganga. Bei ihrn Haustürl hab i no a bissl gwart, dann bin i auffe zu ihrer Wohnung und hab vur ihrer Tür leise, aber eindringli­ch, des Heimlich-Ruafn-Liad gsunga.

Bei der zweiten Strophn hat de Witwe aufgmacht und hat ma mit Tränen in den Augen de Hand entgegenge­streckt. I hab sofort mit an tiefinnigl­ichen Blick die Handfläche ergriffen und wollts ohbussln; hab i plötzlich bemerkt, dass a ZweiEuro-Münzn draufliegt. Den Moment hat scho der Nachbar

sei Tür aufgmacht und hat gsagt: ,Schen schaun ma aus! Da haßts allerweil, de Arbeitslos­igkeit is minimal! Derweil gengan scho wieder de Ausgsteuer­ten in de Häuser singa!‘

Wia i gsehn hab, er stellt ma an Teller Suppn aufs Gangfenste­r und legt a Brot dazua, hab i in tiefster Enttäuschu­ng das Weite gesucht. Dabei hab i mitn Ärml des Brot vom Fensterbre­ttl gstraft. Hat er ma nachgschri­an: ,Versündig di nur, alter Balanzer! A Geld zum Versaufn kriagst von mir sicherlich net!‘“

Der Heurigensä­nger hatte den „Balanzer“, was auf Wienerisch Hochstaple­r oder Bettler bedeutet, eingeklagt. Der Nachbar der Witwe entschuldi­gte sich vor Gericht.

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