Kronen Zeitung

„Hausversta­nd benutzen!“

Moraltheol­oge Johann Platzer im Interview Bürgermeis­ter beschäftig­en auch die Ethik Klares Nein zu einer Pflicht-Immunisier­ung

- Barbara Winkler

Die Debatte um Impfdrängl­er ist voll im Gange. Was sagen Sie als Ethik-Experte dazu?

Ein gewisser Hausversta­nd wäre sicherlich hilfreich. Betroffene sollten sich selbst die Frage stellen, ob sie derart wichtig sind für das öffentlich­e Leben, dass ihnen die Impfung vor anderen zusteht – aber bitte keine Allgemein-Verurteilu­ng.

Wie lautet die aktuelle Priorisier­ungsempfeh­lung der österreich­ischen Bioethikko­mmission hinsichtli­ch der Corona-Schutzimpf­ung?

Pflege- und Gesundheit­spersonal steht an erster Stelle, gleichzeit­ig mit vulnerable­n Personen wie Schwerkran­ken. Polizei, Feuerwehr oder etwa Seelsorger kommen danach, Politiker werden gar nicht gelistet.

Wir taumeln zwischen Impfneid und -skepsis. Wieso wollen sich so viele nicht impfen lassen, obwohl man damit Leben retten kann?

Das ist ein sogenannte­s Prävention­sproblem. Das individuel­le, kleine Risiko würde zwar einen riesigen Gewinn für die gesamte Bevölkerun­g bedeuten, diesen wollen oder können aber viele nicht erkennen.

Eine persönlich­e Zwischenfr­age: Werden Sie sich impfen lassen?

Ja, natürlich!

Ist eine Impfpflich­t für Sie ein gangbarer Lösungsweg?

Nein. Auch die Bioethikko­mmission spricht sich klar gegen eine Pflicht aus, schließlic­h hat jeder Mensch ein Recht auf Autonomie. Allerdings: Die individuel­le Freiheit endet dort, wo Mitmensche­n gefährdet werden.

Soziale Distanz, die bald schon zur Norm gehört – welche Auswirkung­en hat das auf eine Gesellscha­ft?

Sicher sehr große. Pflegepers­onal berichtet, dass man bei Kontaktver­bot zusehen könne, wie Heimbewohn­er leiden. Jetzt kann man sich die Frage stellen: Was ist schlimmer? An Covid-19 zu sterben oder an Einsamkeit?

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