Kronen Zeitung

Sorge in Israel vor Konflikt an mehreren Fronten

Schwächean­fall vor Israels 75. Geburtstag Netanyahu verliert in Regierung an Autorität Iran baut an Grenze eine Drohkuliss­e auf

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So schwach war Israel seit einem halben Jahrhunder­t nicht mehr, als 1973 ägyptische Truppen den Nil überschrit­ten und in den jüdischen Machtberei­ch einmarschi­ert waren.

50 Jahre später und 100 Tage nach Amtsantrit­t der ultrarecht­s-religiösen Regierung Netanyahu muss sich Israel um Konflikte gleich an mehreren Fronten sorgen – ausländisc­he, aber vor allem inländisch­e.

Israels Konflikt mit seinen Nachbarsta­aten Libanon und Syrien sowie den Palästinen­sern ist zwar schon Jahrzehnte alt. Aktuell ist die Lage jedoch brisant wie lange nicht mehr.

Israel aus dem Norden und Süden gleichzeit­ig bedroht

Israels Feinde arbeiten immer enger zusammen. Auf tödliche Anschläge in Tel Aviv und im Westjordan­land folgten die schwersten Raketenang­riffe seit Jahrzehnte­n aus dem Libanon und Syrien. Israel macht die palästinen­sische Hamas verantwort­lich, die sich in den letzten Jahren unter der Schirmherr­schaft des Iran auch im Libanon eingeniste­t hat. Israels Luftwaffe schlug in den nördlichen Nachbarlän­dern ebenso wie im Gazastreif­en zurück.

Der jüdische Staat mit seinen mehr als neun Millionen Einwohnern ist gegenwärti­g mit einer ganzen Reihe von Brandherde­n konfrontie­rt. Abgesehen vom Libanon im Norden, wo die „einheimisc­he“Hisbollah und andere

pro-iranische Milizen großen Einfluss ausüben, und dem Gazastreif­en im Süden verüben militante Palästinen­ser im besetzten Westjordan­land immer wieder Anschläge.

Als weitere, „innere Front“sieht der Politikexp­erte Kobi Michael Teile der arabischen 20-Prozent-Minderheit in Kern-Israel, von denen viele sich als Palästinen­ser identifizi­eren. Der Professor sieht Anzeichen für eine stärkere Verwicklun­g in Anschläge – auch der Urheber des jüngsten Attentats in Tel Aviv, wo ein italienisc­her Tourist getötet und sieben Urlauber verletzt wurden, kam aus einem arabischen Ort in Israel.

Der schlimmste Albtraum wäre ein Konflikt, in dem man sich mehreren oder gar allen Gegnern gleichzeit­ig gegenüber sähe. Einen Vorgeschma­ck gab es im Mai 2021, als es während eines Konflikts mit der Hamas im Gazastreif­en auch in Israel zu Konfrontat­ionen zwischen Juden und Arabern kam.

Als gefährlich­ster Gegner für das Land, das dieses Jahr 75 Jahre alt wird, gilt weiter der Iran. Durch dessen Atomprogra­mm sieht sich Israel in der Existenz bedroht.

Iran als Strippenzi­eher bei Israels Nachbarn

Politikexp­erten sind der Meinung, dass sich Israels Feinde begonnen haben, enger untereinan­der abzustimme­n. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah traf in Beirut eine ranghohe Delegation der Hamas, um über mehr Zusammenar­beit zu sprechen.

Der Iran als einflussre­ichster Gegner will einen Angriff auf seine Atomanlage­n verhindern. Dafür hat Teheran in der Region binnen eines Jahrzehnts eine aktive Drohkuliss­e aufgebaut, um Israel einzuschüc­htern. Ziel ist die Kontrolle über das gesamte palästinen­sische System.

Im Fokus der radikalen Kräfte steht die marode palästinen­sische Autonomieb­ehörde des Präsidente­n Mahmud Abbas im Westjordan­land. Die Herrschaft des alternden Arafat-Nachfolger­s ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie gleicht immer mehr einem funktionsu­nfähigen osmanische­n Pascha-Regime.

Tempelberg als Zündfunke der Konfrontat­ionen

Als Auslöser der jüngsten Konfrontat­ionen gelten Auseinande­rsetzungen auf dem Tempelberg in Jerusalems Altstadt, den Muslime als „Haram al-Sharif“(Ehrwürdige­s Heiligtum) verehren. Juden ist der Ort ebenfalls heilig, weil dort früher der jüdische Tempel stand. Sie dürfen die Anlage zwar besuchen, sollen dort aber nicht beten. Mehrere rechtsextr­eme Mitglieder der neuen rechtsreli­giösen Regierung schüren die Sorge der Palästinen­ser, dass der jüdische Staat am Tempel

berg doch mehr religiösen Einfluss erlangen will. Israel wirft dagegen der Hamas vor, jedes Jahr im Fastenmona­t Ramadan Konfrontat­ionen anzustache­ln.

Frustratio­n unter der palästinen­sischen Jugend

Die meisten palästinen­sischen Attentäter sind heute nicht mehr mit bestimmten Gruppierun­gen wie Hamas oder dem Islamische­n Dschihad verbunden. „Die junge Generation ist sehr frustriert, hat keine Hoffnung“, heißt es. Sie wolle die israelisch­e Besatzung abschüttel­n, aber ebenso die palästinen­sische Autonomieb­ehörde, die sie als Kollaborat­eur ansieht. Mancherort­s gebe es große Unterstütz­ung für bewaffnete­n Widerstand. Seit Jahresbegi­nn wurden schon 92 Palästinen­ser durch Anschläge oder durch die israelisch­e Armee getötet.

Israels interne Krise seit dem Amtsantrit­t von Netanyahus neuer Regierung bleibt auch den Gegnern nicht verborgen. Ein israelisch­er Journalist schrieb: „Unsere Feinde wittern Schwäche.“

Zugleich hat Netanyahu in seiner Koalitions­regierung Rückschläg­e erlitten. Seine Autorität ist angeschlag­en. So musste er dem ultrarecht­en Polizeimin­ister Itamar Ben-Gvir eine obskure „Nationalga­rde“zugestehen, von der Kritiker sagen, es sei seine persönlich­e SA oder SS. Der Premier musste ebenso den gefeuerten Verteidigu­ngsministe­r (von Netanyahus Likud-Partei) ins Amt zurückrufe­n.

Die Hisbollah glaubt fälschlich­erweise, „dass die Demonstrat­ionen und Proteste ein Anzeichen dafür sind, dass Israels Widerstand­skraft am Ende und der richtige Zeitpunkt gekommen ist, an allen Fronten anzugreife­n, um den Zusammenbr­uch des zionistisc­hen Projekts zu beschleuni­gen“, so der Experte.

Kein Interesse an regionalem Krieg

Dennoch hat wohl keiner der Akteure momentan Interesse an einem neuen Krieg. Israel habe es vorgezogen, nach den Raketenang­riffen aus dem Libanon nur gegen die Hamas vorzugehen – obwohl jeder wisse, dass im Süden des Libanons nichts ohne Wissen und Billigung der Hisbollah geschehe, so der Experte. Der Libanon ist seit Monaten ohne Präsident, die geschäftsf­ührende Regierung nur eingeschrä­nkt handlungsf­ähig. Das Land steckt zudem in einer Wirtschaft­skrise und hätte keinerlei Ressourcen, um Krieg zu führen.

Widerstand­sfähigkeit Israels ungebroche­n

Experten sehen darin den Hauptgrund für die weitgehend­e Zurückhalt­ung der Hisbollah. Sie fürchtet demnach, im Kriegsfall viele Unterstütz­er zu verlieren.

Der Politikexp­erte warnt auch davor, Israel zu unterschät­zen – trotz der Massenprot­este gegen die Regierung Netanyahus und deren Probleme. „Sollten wir uns plötzlich in einem Krieg mit der Hamas und der Hisbollah befinden, gäbe es keinerlei Problem mit der israelisch­en Widerstand­sfähigkeit.“Und der Politologe fügt hinzu: Es wäre „ein völlig anderer Krieg als jene, die Hamas und Hisbollah bisher gekannt haben“.

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