Recht­schreib­re­form

„Mil­li­ar­den­kos­ten und Ver­wir­rung“

Kronen Zeitung - - Österreich -

Herr Dr. Denk, Sie sind Stu­di­en­di­rek­tor im Ru­he­stand und selbst Schrift­stel­ler. Sie gel­ten als schar­fer Kri­ti­ker der Recht­schreib­re­form. Was ist so schlecht da­ran? Ist Wi­der­stand im Jahr 2016 über­haupt noch sinn­voll?

Ich be­wun­de­re den Wi­der­stand ös­ter­rei­chi­scher Au­to­ren und vor al­lem Au­to­rin­nen ge­gen die so­ge­nann­te Recht­schreib­re­form. Zwei wört­li­che Zi­ta­te zu die­sem The­ma: „Nicht nur der Club der to­ten Dich­ter ist da­ge­gen, auch die Gem­se, der Thun­fisch und das Kän­gu­ruh.“Das schrieb Il­se Aichin­ger im Jahr 2000 in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“. El­frie­de Je­linek: „Die deut­sche Spra­che hat­te kei­ne Recht­schreib­re­form nö­tig, schon gar nicht die­se voll­stän­dig miß­ra­te­ne.“Die­se Au­to­rin­nen sind wie bei­spiels­wei­se auch Pe­ter Hand­ke und Chris­toph Rans­mayr bei der klas­si­schen Schrei­bung ge­blie­ben, die sta­bi­ler und ver­nünf­ti­ger ist als die Re­form­schrei­bung.

Wor­an üben Sie noch wei­ters Kri­tik? Die­se Re­form hat Mil­lio­nen von Ar­beits­stun­den ver­geu­det, Mil­li­ar­den­kos­ten ver­ur­sacht und jahr­zehn­te­lan­ge Ver­wir­rung ge­stif­tet. Wenn man sich bei­spiels­wei­se die S-Schrei­bung ge­nau­er an­sieht: Sie ist für die Schü­ler nicht ein­fa­cher ge­wor­den und ver­rin­gert den häu­figs­ten Schreib­feh­ler, näm­lich die Ver­wechs­lung von „dass“und „das“, kei­nes­wegs.

Wie sieht es mit klas­si­scher ös­ter­rei­chi­scher Li­te­ra­tur aus? Wur­den äl­te­re Wer­ke schon um­ge­schrie­ben?

Zum Glück sind die klas­si­schen Bü­cher der ös­ter­rei­chi­schen Li­te­ra­tur des 20. Jahr­hun­derts nicht um­ge­druckt wor­den: von In­ge­borg Bach­mann über Hei­mi­to von Do­de­rer, Mar­len Haus­ho­fer, Hu­go von Hof­manns­thal, Chris­ti­ne La­vant, Ro­bert Mu­sil, Jo­seph Roth, Ar­thur Schnitz­ler, Hil­de Spiel bis hin zu Ste­fan Zweig. Das ist auch nicht nö­tig, denn ab­ge­se­hen von der S-Re­gel, die erst­mals üb­ri­gens 1879 in ös­ter­rei­chi­schen Schu­len ein­ge­führt und 1901 zu­guns­ten ei­ner ein­heit­li­chen Schrei­bung wie­der ab­ge­schafft wur­de, ist von der „Neu­re­ge­lung“fast nichts mehr üb­rig als ein paar ver­wir­ren­de Re­geln, die et­wa je­des 400. Wort in ei­nem Text be­tref­fen. Hat sich das ge­lohnt?

Kän­gu­ru statt Kän­gu­ruh, Schiff­fahrt statt Schif­fahrt und das „ß“nur noch nach lan­gem Vo­kal – drei von vie­len Bei­spie­len, wie sich un­se­re Schrift­spra­che seit 1996 ver­än­dert hat. 20 Jah­re hat die Recht­schreib­re­form nun auf dem Bu­ckel, um­strit­ten ist sie noch im­mer. Ak­tu­el­les Stich­wort: Bin­nen-I. An­läss­lich des run­den Ju­bi­lä­ums blickt die „Kro­ne“auf die Ve­rän­de­run­gen zu­rück. Und wir las­sen so­wohl ei­nen Be­für­wor­ter als auch ei­nen Kri­ti­ker in zwei aus­führ­li­chen Ex­per­ten-In­ter­views zu Wort kom­men.

Stu­di­en­di­rek­tor Fried­rich Denk ist „Recht­schreib-Re­bell“.

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