Das Le­ben neu­ent­de­cken

Wir rei­sen durchs Land und stel­len Ös­ter­reichs schöns­te Plät­ze vor. Heu­te der Forst­bo­den ( Stmk.) mit der fünf­fa­chen Mut­ter Maria Au­er.

Kronen Zeitung - - Reportage - To­bi­as Mi­cke

Es knirscht so rich­tig schön un­ter den Fü­ßen. End­lich ist es kalt ge­nug, dass der Schnee ein­mal ei­ne Wei­le lie­gen bleibt. Maria hat so­gar si­cher­heits­hal­ber ih­re Schnee­schu­he mit­ge­nom­men. Manch­mal ent­schei­det sie auf ih­ren Tou­ren recht spon­tan, wo sie wei­ter­ge­hen möch­te.

Ge­hen, das ist für die Berg­wan­der­füh­re­rin Maria- El­frie­de Au­er, die auch Pil­ger über meh­re­re Ta­ge auf ih­ren Tou­ren in der Ober­stei­er­mark be­treut, Ent­span­nung, be­deu­tet, den Kopf frei zu be­kom­men. Aber auch – vor al­lem auf viel be­gan­ge­nen We­gen – Din­ge neu zu ent­de­cken, in­dem man den Blick­win­kel ver­än­dert.

Heu­te führt ihr Weg von St. Pe­ter am Kam­mers­berg, wo sie da­heim ist, über den Forst­bo­den. Dort hat man ei­nen wun­der­ba­ren Blick in die Pöl­lau hin­ein mit ih­ren Hö­fen und Wei­lern. Und an schö­nen Ta­gen gibt es von dort auch ei­ne Pracht­aus­sicht auf den Greim ( 2475 m), ein be­lieb­tes Ski­tou­ren- Ziel in den Wöl­zer Tau­ern.

Seit in der Früh ver­steckt sich der Berg ein we­nig hin­ter den vor­bei­zie­hen­den Wol­ken. Meist er­ahnt man ihn nur, manch­mal blitzt der Gip­fel her­vor.

Ein Mä­del, vier Bur­schen und gu­te Ner­ven

Maria: „ Ich weiß, dass mein Haus­berg, mein Kraft­platz, da ist. Wie die Son­ne. Das zu spü­ren ge­nügt mir.“Maria ist Mut­ter von fünf Kin­dern – ein Mä­del und vier Bur­schen – von de­nen der Jüngs­te ge­ra­de 20 ge­wor­den ist. Ihr Mann Pe­ter war in den ers­ten Jah­ren als Stark­strom- Tech­ni­ker sehr viel auf Montage, be­vor er als Tisch­ler mehr für die Fa­mi­lie da sein konn­te. Schon mit die­sem klei­nen Wis­sen kann man Maria ge­ra­de­wegs drei Ei­gen­schaf­ten

auf die Na­se zu­sa­gen: Sie ist kei­ne, die leicht die Ner­ven ver­liert. Sie kann mit Kin­dern um­ge­hen. Und sie ist ei­ner von den Men­schen, die es ge­wohnt sind, im­mer und übe­r­all an­zu­pa­cken, zu or­ga­ni­sie­ren, Initia­ti­ven zu er­grei­fen.

Ei­ne ge­hö­ri­ge Lü­cke, die be­füllt wer­den will

Letz­te­res mün­de­te in ei­ne Viel­zahl von Ne­ben­be­schäf­ti­gun­gen, nach­dem die Kin­der aus dem Gröbs­ten her­aus wa­ren. Nä­hen, Wol­le spin­nen, Pa­pier schöp­fen, Holz­welt- Bot­schaf­te­rin für die Re­gi­on Murau oder in ei­ner ganz an­de­ren Li­ga Ein­sät­ze für das Kri­sen- In­ter­ven­ti­ons­team: Da sein, wenn Men­schen un­ter Schock Be­treu­ung brau­chen, wie im Som­mer 2011, als schwe­res Hoch­was­ser das ge­sam­te Wöl­zer­tal über­schwemm­te.

Fünf Kin­der hin­ter­las­sen ei­ne ge­hö­ri­ge Lü­cke, wenn sie ir­gend­wann selbst die Ver­ant­wor­tung für ihr Le­ben über­nom­men ha­ben. Wenn die un­er­setz­ba­re Mut­ter dann doch ir­gend­wann er­setz­bar wird.

Maria er­in­nert sich noch mit ei­nem la­chen­den und ei­nem wei­nen­den Au­ge an die Zeit da­vor. Als nachts links und rechts von ihr im Bett oft min­des­tens ein kran­kes Kind lag, tie­fer Schlaf ein Lu­xus war und dann mor­gens, als sie ein­mal „ erst“um 8 Uhr zum Ein­kau­fen in den Ort kam, ei­ne scharf­sin­ni­ge Be­kann­te mein­te: „ Ja, grüß Sie, Frau Au­er! Ma, heut ha­ben S’ aber lang ge­schla­fen . . .“

Die­ser höchst in­ten­si­ve Le­bens­ab­schnitt ist nun vor­über. Und Maria weiß ganz genau, was es heißt, wenn sie sagt: „ Der Frei­raum, der dann ent­steht, will gut be­füllt wer­den.“Dann fügt sie noch et­was lei­ser hin­zu: „ Das kann ei­nen ganz schön run­ter­zie­hen.“

In sol­chen Le­bens­pha­sen war ihr der Glau­be ei­ne gro­ße Hil­fe, am liebs­ten in Ver­bin­dung mit der Na­tur: „ Ei­nen Son­nen­auf­gang er­le­ben oder das Fun­keln des fri­schen Schnees im Mond­licht. Da spürt man ein­fach, es gibt noch et­was an­de­res. Da ist je­mand, der uns hilft, dass wir die har­ten Zei­ten schaf­fen. Das ist auch bei den Pil­g­er­wan­de­run­gen, bei de­nen die Leut zum Bei­spiel von Stift Lam­brecht bis nach Ma­ria­zell ge­hen, im­mer ei­nes der gro­ßen The­men.“

Kin­der soll­ten neu­gie­rig sein, die Na­tur er­kun­den

„ Aber“, sagt Maria, „ mir ist auch sehr wich­tig, dass die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, un­se­re jet­zi­gen Kin­der, in Zei­ten von Smart­pho­ne und Ta­blet als Dau­er­ver­su­chung nicht ver- ler­nen, sich in der Na­tur zu be­we­gen und dort neu­gie­rig zu sein, Din­ge zu er­kun­den.“

Vier­mal pro Wo­che für je­weils fünf St­un­den über­nimmt Maria Au­er die Nach­mit­tags­be­treu­ung für die Kin­der von be­rufs­tä­ti­gen El­tern in ei­ner Nach­bar­ge­mein­de.

„ Da sind wir mög­lichst viel drau­ßen. An der Mur oder am Gras­berg un­ter­wegs. Dort sol­len sie ih­ren Blick schär­fen, Spu­ren le­sen. Was ist hier auf die­sem Forst­weg ge­fah­ren? Und war­um? Es ist gut, wenn sie über den Tel­ler­rand zu schau­en ler­nen und ne­ben­bei ih­re ei­ge­ne Hei­mat er­kun­den.“Und au­gen­zwin­kernd fügt Maria noch hin­zu: „ Ich sag im­mer im Ge­spräch mit den El­tern: Wach­sen müs­sen die Kin­der schon sel­ber, aber man kann ih­nen ein we­nig das Un­kraut weg­zup­fen.“

Der Blick vom Forst­bo­den in die Pöl­lau mit dem Gip­fel des Greim ( li.), wie ihn Maria Au­er liebt ( oben mit dem Au­tor und links un­ter­wegs).

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