Wie lan­ge blei­ben Sie Kanz­ler, Herr Kurz?

Ein Jahr nach der Wahl spricht Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz ( 32) über Hö­he­punk­te und Tief­schlä­ge, Zu­ge­ständ­nis­se an sei­nen Part­ner in der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on, Rü­gen der Ca­ri­tas und ei­ne of­fe­ne Rechnung mit Chris­ti­an Kern.

Kronen Zeitung - - Interview -

Ein Spät­nach­mit­tag im Bü­ro des Bun­des­kanz­lers. Stern­par­kett, Pracht­lus­ter, ein Steh­pult mit Kult­lam­pe. Zwi­schen ge­rahm­ten Schwar­zWeiß- Fo­tos von Leo­pold Figl und Bru­no Kreis­ky hängt ein Kreuz, das Se­bas­ti­an Kurz schon seit sei­ner Zeit als Staats­se­kre­tär be­glei­tet. „ Ich sit­ze nor­ma­ler­wei­se hier“, sagt er und zieht mir, der Da­me, den Stuhl ne­ben sich vom Tisch. Gen­tle­man- Ges­te. El­may­er wä­re be­geis­tert. Durch die halb ge­schlos­se­nen Ja­lou­si­en fällt ein mil­des Herbst­licht.

Herr Bun­des­kanz­ler, vor 365 Ta­gen hat die „ Kro­ne“ge­ti­telt: „ Wie die­se Wahl Ös­ter­reich ver­än­dert“. Was ist Ihr Re­sü­mee in ei­nem Satz?

Zu­nächst ein­mal tie­fe Dank­bar­keit für all die Un­ter­stüt­zung, die wir aus der Be­völ­ke­rung be­kom­men, und dann wür­de ich sa­gen, weil es ja nur ein Satz sein darf, dass die Ve­rän­de­rung be­gon­nen hat, dass wir ei­ni­ges schon um­ge­setzt ha­ben, aber es gibt noch viel zu tun.

Was war für Sie der Hö­he­punkt?

Der Be­schluss des Bud­gets im Früh­ling, weil es uns ge­lun­gen ist, die 60 Jah­re dau­ern­de Schul­den­po­li­tik zu be­en­den und uns trotz aus­ge­gli­che­nen Bud­gets auch Maß­nah­men leis­ten kön­nen, die uns per­sön­lich wich­tig sind. Wie et­wa steu­er­li­che Ent­las­tung von klei­nen Ein­kom­men und Fa­mi­li­en.

Tief­schlä­ge?

Gibt es je­den Tag. Ins­be­son­de­re der Rats­vor­sitz ist zeit­lich sehr for­dernd und bringt mich und mein gan­zes Team an un­se­re Gren­zen.

Sieht ein Tief­schlag nicht an­ders aus?

Ein wirk­lich trau­ma­ti­sie­ren­des Er­leb­nis hat­te ich noch kei­nes. – Lä­chelt.

Das An­ti- Rau­cher- Volks­be­geh­ren hat nur knapp die Gren­ze von 900.000 Un­ter- schrif­ten ver­fehlt. Was sagt Ih­nen das?

Zu­nächst ein­mal sagt mir das, dass nicht nur ich Nicht­rau­cher bin und ei­ne kla­re Mei­nung in die­ser Fra­ge ha­be, son­dern dass vie­le Men­schen das ähn­lich se­hen. Mich hat das Er­geb­nis nicht über­rascht.

Wä­re die­ser ho­he Zu­spruch nicht ei­ne Mög­lich­keit, die­sen Kurs zu kor­ri­gie­ren?

Wie ge­sagt, mei­ne Hal­tung hat sich nicht ge­än­dert, aber wenn man ei­ne Ko­ali­ti­on ein­geht, dann muss man Kom­pro­mis­se ma­chen, an­ders gibt es kei­ne Zu­sam­men­ar­beit. Denn was wä­re die Al­ter­na­ti­ve? Ro­tSchwarz mit Blo­cka­de, Streit und Cha­os in der Re­gie­rung. Da­von hat­ten die Men­schen ge­nug. Statt­des­sen kön­nen wir un­se­re gro­ßen Zie­le um­set­zen.

Sie könn­ten Vi­ze­kanz­ler Stra­che doch von ei­ner Volks­ab­stim­mung über­zeu­gen?

Nein, es gilt das Re­gie­rungs­pro­gramm für bei­de.

Kann man 900.000 Men­schen wirk­lich igno­rie­ren? Noch da­zu, wo ge­ra­de die FPÖ im­mer von der di­rek­ten De­mo­kra­tie spricht?

Aber die di­rek­te De­mo­kra­tie wird ja ge­stärkt! In die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode wird zum ers­ten Mal be­schlos­sen wer­den, dass Volks­be­geh­ren ab ei­ner Un­ter­stüt­zer­zahl von 900.000 zu ver­pflich­ten­den Volks­ab­stim­mun­gen füh­ren. Das ist ei­ne rie­si­ge Ve­rän­de­rung un­se­rer Re­pu­blik und wird im Jahr 2022 dann auch in Kraft tre­ten.

Könn­te es sein, dass Sie da ei­nen Feh­ler ma­chen?

Wenn ich ei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit hät­te, wür­de ich es an­ders ma­chen.

Sie ha­ben vor ei­nem Jahr 31,5 Pro­zent der Stim­men er­reicht, die SPÖ 26,9, die FPÖ lag nur knapp da­hin­ter. Stimmt das Ge­rücht, dass Sie da­mals in­for­mell aus­ge­lo­tet ha­ben, ob Chris­ti­an Kern Ihr Vi­ze­kanz­ler sein möch­te?

Das ist rich­tig, weil ich grund­sätz­lich be­reit war, mit al­len Par­tei­en Ge­sprä­che zu füh­ren. Aber es hat sich sehr schnell her­aus­ge­stellt, dass die So­zi­al­de­mo­kra­tie zwar nicht be­reit war, mit mir in ei­ne Ko­ali­ti­on zu ge­hen, aber gleich­zei­tig ver­sucht hat, an mir vor­bei mit der FPÖ ei­ne Ko­ali­ti­on zu bil­den. In­so­fern wun­de­re ich mich manch­mal, dass die Kri­tik der SPÖ an der frei­heit­li­chen Re­gie­rungs­be­tei­li­gung so groß ist.

Hat Kern ne­ga­ti­ve Si­gna­le aus­ge­sandt?

Ein­deu­ti­ge Si­gna­le. Er hat Nein ge­sagt.

Nun steht Pa­me­la Ren­diWa­gner an der Spit­ze der So­zi­al­de­mo­kra­tie. Wird sich das Ver­hält­nis jetzt bes­sern?

Ich ha­be mit vie­len Po­li­ti­kern un­ter­schied­lichs­ter Par­tei­en ei­ne gu­te Ge­sprächs­ba­sis, auch mit Po­li­ti­kern der So­zi­al­de­mo­kra­tie. Wie die So­zi­al­de­mo­kra­tie in Zu­kunft agiert, das ist nicht mei­ne Ent­schei­dung. Ich glau­be, es braucht auch kei­ne Rat­schlä­ge. Für das Land ist es si­cher­lich gut, wenn der Weg der Fun­da­men­tal­op­po­si­ti­on ver­las­sen wird und der Um­gang wie­der ein re­spekt­vol­le­rer wird.

Wä­re sie ei­ne denk­ba­re Vi­ze­kanz­le­rin?

Die Fra­ge stellt sich nicht.

Ist sie ei­ne ge­fähr­li­che­re Geg­ne­rin als Kern?

Auch die­se Fra­ge stellt sich der­zeit nicht.

Kom­men wir zu Ih­rem Ko­ali­ti­ons­part­ner, der FPÖ. Die­se Ver­brü­de­rung mit den Sal­vi­nis, den Le Pens und Kac­zyns­kis, und das mit­ten in der EU- Rats­prä­si­dent­schaft: Kann Ih­nen das wirk­lich egal sein?

Wir sind un­ter­schied­li­che Par­tei­en, un­ter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten, wir ha­ben ei­nen ganz an­de­ren po­li­ti- schen Stil, aber wir ha­ben uns auf ei­ne Zu­sam­men­ar­beit ge­ei­nigt. Dass die frei­heit­li­che Par­tei mit an­de­ren Rechts­par­tei­en in Eu­ro­pa ko­ope­riert, ist für mich per­sön­lich nichts Neu­es.

Se­bas­ti­an Kurz trägt wie

im­mer ei­nen mit­tel­blau­en An­zug mit wei­ßem Hemd. Hai­fisch­kra­gen, Kra­wat­te. Sei­ne Fri­sur sitzt wie im­mer per­fekt, das Haar ist nach hin­ten ge­gelt, ge­pfleg­te Hän­de. Ra­di­ka­li­sie­rung, Rechts­ruck, An­ti- Eu­ro­paPo­li­tik – all das wischt er weg wie ein paar Staub­fus­sel von sei­nem Sak­ko.

Seit zwei Wo­chen gibt es in Ös­ter­reich wie­der die Don­ners­tags­de­mos, wo Tau­sen­de Re­gie­rungs­geg­ner ge­gen rechts auf die Stra­ße ge­hen. Ist Ös­ter­reich nach rechts ge­rückt?

Mei­nem Emp­fin­den nach ist un­se­re Po­li­tik, ins­be­son­de­re in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge, nicht rechts, son­dern rea­lis­tisch. Na­tür­lich kön­nen Leu­te das kri­ti­sie­ren oder als rechts ab­tun, wir ha­ben Gott sei Dank Mei­nungs­frei­heit, aber es wird Sie nicht über­ra­schen, dass ich die­se Ein­schät­zung nicht tei­le.

Glau­ben Sie, dass die Kluft zwi­schen de­nen, die das nicht gut fin­den, und de­nen, die es für not­wen­dig hal­ten, im­mer grö­ßer wird?

Das glau­be ich nicht. Ich glau­be, dass wir in Ös­ter­reich ei­ne star­ke Mit­te ha­ben, und die neue Volks­par­tei ist die star­ke Kraft der Mit­te, die sich mit ih­rer Hal­tung in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge in Eu­ro­pa durch­ge­setzt hat.

Die­se Wo­che hat Sie so­gar der Ca­ri­tas- Chef ge­rügt.

Das macht er re­gel­mä­ßig.

BIT­TE BLÄT­TERN SIE UM

Stets freund­lich und auf Li­nie: Se­bas­ti­an Kurz beim „ Kro­ne“- Ge­spräch im Bun­des­kanz­ler­amt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.