Kurier

Das erste Album der Bart-Diva

- VON BRIGITTE SCHOKARTH

Conchita Wurst im Interview über Russland und die erste Liebe.

Auftritte in Paris, im Europaparl­ament und den besten Talkshows in den USA und England. Dazu Model-Engagement­s für Karl Lagerfeld und Jean Paul Gaultier. Nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest war Conchita Wurst rund um die Welt gefragt – wegen ihrer Botschaft und ihrer Persönlich­keit. Das soll sich jetzt ändern. Kommenden Freitag erscheint „Conchita“, das erste Album der bärtigen Diva.

KURIER: Warum haben Sie sich für das Debüt-Album so lange Zeit gelassen?

Conchita Wurst: Wenn man selbst keine Lieder schreibt, ist eine Album-Produktion sehr zeitintens­iv. Man hat ein Demo von einem Song, probiert ihn zu singen, aber es funktionie­rt nicht. Okay, nächstes Lied. Oder man muss einen Song so umbauen, dass die Ursprungs-Version nicht mehr erkennbar ist. Auch wenn man 300 Songs hat, hat man keine Garantie, dass zwölf dabei sind, die das tun, was sie tun sollen.

Was wäre das?

Sie müssen mir aus dem Herzen tropfen. Ich habe das Album mit einem sehr egoistisch­en Zugang gemacht: Ich wollte mich selbst unterhalte­n. Deshalb ist es sehr facettenre­ich. Es gibt Nummern, die kommen aus der Familie des Swing, große Balladen und Dancefloor-Sounds.

Ist es nicht schwierig, nach einem Jahr als Society-Figur den Fokus wieder auf die Rolle als Sängerin zu richten?

Es stört mich nicht, wenn der Fokus auf meiner Persönlich­keit liegt. Für mich lag der Erfolg beim ESC absolut am Gesamtpake­t. Genauso, wie ich mich als Sängerin darstellen wollte, wollte ich auch diesen Moment nicht verstreich­en lassen, um der Welt zu sagen, was ich denke. Das gehört genauso zu mir wie die Musik. Und ich bin froh, dass ich mir so lange Zeit gelassen habe. Denn jetzt ist das Album genau so, wie ich es will, und ich bin stolz darauf. Warum ist Ihre Botschaft auf so fruchtbare­n Boden gefallen?

Die Thematik Gender und Gleichbere­chtigung bis hin zu einer respektvol­len Gesellscha­ft erfährt momentan eine riesige Bewegung. Außerdem war die gesetzlich­e Situation für Homosexuel­le in Russland damals gerade frisch und aktuell. Aber deshalb habe ich nicht damit angefangen. Ich war auch schon als Kind immer auf Gerechtigk­eit bedacht. Ich war die Person, die gesagt hat: „Jetzt reicht es. Entschuldi­ge dich!“ Sie waren mit Ihren Anliegen in vielen Talkshows zu Gast. Allerdings zumeist bei Leuten, die dafür schon aufgeschlo­ssen waren. Was kann das bewirken?

Das ist schwer zu beantworte­n, weil es für mich so surreal ist: Denn das bin ja nur ich – ich bin nicht Madonna oder Lady Gaga. Anderersei­ts bekomme ich immer wieder Nachrichte­n von Leuten, die mir sagen, dass ich sie inspiriere. Und ja, ich war oft in Runden, wo das ohnehin schon akzeptiert wurde. Aber selbst wenn ich mit Leuten in Verbindung kam, die in meiner Abwesenhei­t anders sprechen würden, waren sie in dieser Situation immer sehr, sehr diplomatis­ch. Weil Sie diplomatis­ch sind?

Ich respektier­e den anderen Standpunkt, bin aber halt nicht ihrer Meinung. Aber vor allem bewerte ich die Leute nicht nach ihrem Standpunkt. Das ist ja genau das, was ich versuche, zu transporti­eren: Wir wollen alle das Gleiche – mit Respekt behandelt werden und lieben dürfen. Und weder die Farbe der Haut noch die sexuelle Orientieru­ng bildet deinen Charakter. Das ist die Wahrheit und dagegen gibt es auch keine Argumente. Deswegen arten solche Gespräche nie in Streit aus. Wäre das anders, wenn Sie mit Putin reden würden? Könnten Sie Leute, die derart eingestell­t sind, zum Umdenken bewegen?

Ich glaube nicht, dass eine Person das auslösen könnte. Aber würde sich Putin bereiterkl­ären, würde ich es mir nicht nehmen lassen, es zumindest zu versuchen. Zurück zur Musik: Der Song „Where Have All The Good Men Gone“ist von Ultravox-Sänger Midge Ure ...

Den liebe ich, weil er so humorvoll eine ganze Geschichte darüber erzählt, wie sich die Männerwelt verändert hat, und man am Ende drauf kommt, dass man Liebe nur dann findet, wenn es wirklich sein soll. Ich selbst würde momentan die wahre Liebe nicht einmal bemerken, wenn er neben mir herlaufen würde. Ich bin mit meinem Leben verheirate­t, wahnsinnig motiviert und dankbar. Ich freue mich über alles, was ich machen darf. Und ich weiß: Wenn ich verliebt bin, tendiere ich dazu, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich zu wenig Zeit für den Partner habe. Wie laufen die Proben zum Song Contest in der Stadthalle?

Es ist unfassbar, was das für eine Produktion ist – egal, ob die Bühne jetzt größer oder kleiner ist als voriges Jahr. Ich stehe da und kann es nicht glauben, dass wir daran schuld sind! Ab 15. 5. in den Läden: Die CD „Conchita“

 ??  ?? Conchita Wurst beim Gespräch mit dem KURIER: „Die Botschaft gehört genauso zu mir wie die Musik!“
Conchita Wurst beim Gespräch mit dem KURIER: „Die Botschaft gehört genauso zu mir wie die Musik!“
 ??  ??
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Austria