Vom Bahn­hof ins Wohn­ge­biet

Al­ko­hol­ver­bot am Pra­ter­stern treibt Ob­dach­lo­se in Ne­ben­gas­sen.

Kurier - - Chronik - VON JU­LIA SCHRENK UND KON­STAN­TIN AU­ER

Ei­ne jun­ge Frau hängt re­gungs­los auf ei­nem Ses­sel am Rab­bi­ner-Fried­mann-Platz in Wi­en-Leo­pold­stadt. Un­ter ihr auf dem As­phalt lie­gen lee­re Spi­ri­tuo­sen-Fläsch­chen. So­zi­al­ar­bei­ter Ben checkt die Vi­tal­funk­tio­nen. Die Frau at­met noch, ist kurz an­sprech­bar und schläft dann wei­ter.

Seit 27. April gilt am Pra­ter­stern ein Al­ko­hol­ver­bot. Stadt­rä­tin Ul­li Si­ma (SPÖ) hat es ver­hängt, um das Si­cher­heits­ge­fühl dort zu er­hö­hen, wie sie da­mals ar­gu­men­tier­te. Ein KU­RI­ER-Lo­kal­au­gen­schein zeigt, dass sich der Auf­ent­halts­ort vie­ler Ob­dach­lo­ser und Al­ko­ho­li­sier­ter nun vom Pra­ter­stern in die um­lie­gen­den Gas­sen ver­la­gert hat. Be­zirks­vor­ste­he­rin Uschi Lich­te­negger (Grü­ne) spricht von „Ver­drän­gung. Ob­dach­lo­se sind jetzt im Wohn­ge­biet. Das ir­ri­tiert die Men­schen.“

Tat­säch­lich hal­ten sich nun ver­mehrt Grup­pen von Ob­dach­lo­sen in der Pra­ter­und in der Hei­ne­stra­ße, in der Afri­ka­ner­gas­se und am Rab­bi­ner-Fried­mann-Platz auf.

Dort hat sich ei­ne Grup­pe Ob­dach­lo­ser auf ei­ner Park­bank nie­der­ge­las­sen. „Nach ei­nem Bier am Pra­ter­stern kommt die Po­li­zei und leert mein Bier aus. Das ist nicht nor­mal“, sagt Mar­ga­re­ta. Seit die Po­li­zei am Pra­ter straft (sie­he Info-Box rechts), weicht sie mit ih­ren Kol­le­gen auf den Platz aus.

Ein paar Hun­dert Me­ter wei­ter sitzt Is­mail aus Grie­chen­land auf ei­ner Park­bank im Schat­ten der Bäu­me auf der Pra­ter­stra­ße. Sein Kom- pa­gnon schläft ne­ben ihm sei­nen Rausch aus. Auch sie ver­brach­ten ih­re Ta­ge bis­her am Pra­ter­stern.

„Das ist ei­ne lo­gi­sche Fol­ge des Al­ko­hol­ver­bots“, sagt Mar­ti­na Pint, Lei­te­rin des Ob­dach­lo­sen-Ta­ges­zen­trums „Stern“in der Darwin­gas­se. Vor drei Jah­ren wur­de es er­öff­net, „da­mit die Men­schen tags­über vom Pra­ter­stern weg­ge­hen“. Die Be­treu­ung sei schwie­ri­ger ge­wor­den. „Jetzt lie­gen drei hier und fünf dort. Dass wir al­le je­den Tag auf­su­chen ist un­mög­lich“, sagt Pint.

Street­work

Täg­lich zwei Mal sind So­zi­al­ar­bei­ter der Ein­rich­tung „Stern“rund um den Pra­ter­stern un­ter­wegs. Sie leis­ten Ers­te Hil­fe, bie­ten Platz im Ta­ges­zen­trum an und neh­men Hin­wei­se zu­mAuf­ent­halts­ort von Ob­dach­lo­sen ent­ge­gen, um hel­fen zu kön­nen. „Wer die Grup­pen mei­den woll­te oder sich ge­fürch­tet hat, konn­te am Pra­ter­stern groß­räu­mig aus­wei­chen“, sagt So­zi­al­ar­bei­ter Ben. „Ich kann nach­voll­zie­hen, dass Men­schen ir­ri­tiert sind, wenn Ob­dach­lo­se nun in Haus­ein­gän­gen lie­gen.“

Auch am Abend sit­zen trin­ken­de Men­schen­grup­pen auf den Bän­ken in der Pra­ter­stra­ße. Bier­do­sen und Vod­ka-Fla­schen blei­ben zu­rück, wenn die Grup­pen wei­ter­zie­hen. „Sie hin­ter­las­sen Müll, der mit der Zeit stinkt. Mei­ne Gäs­te fürch­ten sich“, sagt Mar­zouk El­ar­by, der die Piz­ze­ria „Ko­ko“be­treibt. Das sei schlecht fürs Ge­schäft. El­ar­by wünscht sich, dass für die Men­schen, die sich jetzt in der Pra­ter­stra­ße tref­fen, ein an­de­rer Platz ge­fun­den wird.

Täg­lich sind So­zi­al­ar­bei­ter vom „Stern“un­ter­wegs. Im Not­fall leis­ten sie Ers­te Hil­fe

Am Pra­ter­stern wur­den die meis­ten Bän­ke ab­ge­baut. Is­mail hält sich des­halb jetzt in der Pra­ter­stra­ße auf

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